Kühlwasser als Freizeitsee Speicherbecken Geeste verbindet Natur und Tourismus


Geeste. 1978 wollte niemand den See auf der Grenze zwischen der Gemeinde Geeste und der Stadt Lingen, nur die Landesregierung Niedersachsen. Heute gilt er als Glücksfall für den Tourismus, den Naturschutz und die Archäologie. Der offizielle Name deutet an, dass diese bis 1988 entstandene Gewässerlandschaft eigentlich eine ganz andere Bestimmung hat: Speicherbecken Geeste.

Segeln, Windsurfen und Tauchen kann man hier, am Badestrand gibt es ein Beachvolleyballfeld, die unmittelbare Umgebung zieht Wanderer, Jogger, Inline-Skater, und Radfahrer an, hier ist Raum für Großveranstaltungen wie die Geester Seemeile und das Shanty-Festival. Der Parkplatzbereich wird bei der Air-Cooled-Show genutzt, dem Treffen der Oldtimer aus dem Hause Volkswagen mit den luftgekühlten Motoren. Da auf der Deichkrone meistens guter Wind weht, drehen hier nicht selten Lenkdrachen ihre Runden. Eine Gaststätte, ein Jugendzeltplatz und ein Jugendgästehaus befinden sich auf dem Gelände. Angrenzend ist seit 2005 eine Ferienhaussiedlung entstanden, und hier ist ein beliebter Rastplatz für Wohnmobilisten.

Naturschutz und Archäologie

Naturfreunde lieben die Wälder am See und den wasserreichen, 50 Hektar großen Biotopbereich. Er ist Rückzugsraum für seltene Tiere, besonders Amphibien und Vögel. Für die Archäologen gab es beim Bau des Speicherbeckens auf einem 230 Hektar großen Areal und später bei der Errichtung der Ferienhaussiedlung viel zu entdecken. Der Höhenrücken an einem alten Emslauf war schon in der Jungsteinzeit besiedelt. Es gibt wohl kaum einen Platz in Nordwestdeutschland, wo über einen Zeitraum von fast 5000 Jahren hinweg die Entwicklung durch Funde dokumentiert ist. Die wichtigsten Stücke sind im Archäologiemuseum in Meppen ausgestellt.

Pläne für vier Kraftwerke

Die Geschichte des Sees begann mit dem Israelisch-Arabischen Krieg im Oktober 1973. Damals drosselten die arabischen ölexportierenden Staaten ihre Förderung und erhöhten die Preise, um Druck auf die Staaten auszuüben, die Israel unterstützten. Dies führte dazu, dass die Bundesregierung und die Energiekonzerne auf Atomkraft und Erdgas für die Stromerzeugung setzten. In den Niederlanden waren große Erdgasvorkommen erschlossen worden, damit wurde das deutsch-niederländische Grenzgebiet als Standort interessant. 1974 stellte die RWE für Meppen und 1976 die VEW für Lingen wasserrechtliche Genehmigungsanträge für Kraftwerke.

Gutachter errechneten 1978, dass die Ems für die geplanten vier Großkraftwerke in trockenen Sommern nicht genügend Kühlwasser liefern kann. Die Antragsteller wurden vom Land Niedersachsen verpflichtet, Wasserspeicher mit einer Kapazität von 18,4 Millionen Kubikmetern zu bauen. Die Standortwahl fiel auf das Dünengelände zwischen Geeste und Lingen-Biene. Von hier kann das Kühlwasser über den Dortmund-Ems-Kanal in die Ems gelangen.

Zugeständnisse der Konzerne

Groß war die Skepsis in der Bevölkerung und bei den Politikern. Die CDU zweifelte an den Versprechungen vom Freizeitnutzen und beklagte den hohen Flächenverbrauch zulasten der Landwirtschaft. Von der SPD wurde der Verzicht auf Atom- und Gaskraftwerke im Emsland zugunsten der Kohlenutzung verlangt. Bürgerinitiativen und Wählergemeinschaften lehnten das Projekt wegen des damit verbundenen Baus des Atomkraftwerks in Lingen und der Eingriffe in die Natur ab. Der Gemeinderat Geeste lehnte das Projekt zunächst ab. Niedersachsens Umweltminister Werner Remmers (CDU), verlangte deshalb Zugeständnisse der Konzerne. Umfangreich fiel der Ausgleich für den Eingriff in die Natur aus. Es wurde das Feuchtbiotop geschaffen und 750000 Bäume gepflanzt. Ein Badestrand und Bootsstege mussten gebaut werden, dazu eine touristische Infrastruktur.

Inzwischen ist das Gaskraftwerk in Meppen stillgelegt und das Kernkraftwerk in Lingen wird bis spätestens 2022 abgeschaltet. Dann sind nur noch die drei Gaskraftwerksblöcke in Lingen auf die Kühlwasserreserve angewiesen. Ohnehin wurde das Speicherbecken nur in wenigen Jahren angezapft, da nicht alle Kraftwerksprojekte verwirklicht worden sind.


Speicherbecken Geeste

Daten und Fakten: Das Gesamtareal des Sees umfasst 230 Hektar, davon stehen 50 Hektar als Biotopbereich unter Naturschutz. Das Staubecken ist bei maximalem Wasserspiegel zwischen 15 und 17 Metern tief. Der Damm um den See ragt an seiner höchsten Stelle 15 Meter über das umgebende Gelände hinaus, so hoch wie vor dem Bau des Speicherbeckens die höchsten Dünen in diesem Gebiet. Der Weg auf der Dammkrone ist 5818 Meter lang. Das Becken fasst insgesamt 22,96 Millionen Kubikmeter Wasser, davon sind 18,4 Millionen als Kühlwasser für die Kraftwerke nutzbar.

Anreise: Der See liegt an der Kreuzung der Bundesstraße 70 mit der Landesstraße 67 in der Gemeinde Geeste, nördlich von Lingen (Ems), die Zufahrt befindet sich an der L 67 im Dorf Geeste. Die L 67 verbindet die B 213 mit der Autobahn 31. Der Bahnhof Geeste an der Bahnstrecke Rheine-Emden im Ortsteil Osterbrock ist 500 Meter vom Biotopbereich des Speicherbeckens entfernt. Der See liegt an einem Knotenpunkt im regionalen und überregionalen Radwandernetz.

Unterkünfte: Zu mietende Ferienhäuser, einen Wohnmobilstandplatz, Jugendzeltplatz und das Jugendgästehaus gibt es direkt am Speicherbecken. Hotels und Ferienwohnungen sind in der Gemeinde Geeste und in der Stadt Lingen (Ems) in Seenähe vorhanden.

Was man gemacht haben muss: Auf der Deichkrone um den See wandern. Bei guter Sicht kann man über Baumkronen der umgebenden Wälder hinweg weit ins Land schauen und den Kontrast zwischen der Industriestadt Lingen auf der einen Seite, dem Biotop und die abwechslungsreiche Auenlandschaft des Emstals auf der anderen Seite erleben. mf

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