Besuch im Ausnahmezustand Hesepe: Ein Flüchtlingslager vor dem Kollaps



Osnabrück. Ursprünglich für 600 Bewohner ausgelegt, sind mittlerweile mehr als 3000 Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung Hesepe des Landes Niedersachsen untergebracht. Der Ausnahmezustand ist hier Dauerzustand.

„Welcome“, schallt es aus dem Zelt. Eine Hand winkt den Besucher heran, und schon steht er mittendrin im Ausnahmezustand. Bett an Bett, dazwischen Matratzen. Hier liegen sie nebeneinander, übereinander. Dazwischen Kleidung, Schuhe, Abfall. Wie viele Menschen in diesem Zelt untergebracht sind, in dem sonst Schützenfeste gefeiert werden? Kaum zu schätzen. In fast jeder Ecke tut sich noch eine Matratze auf. Alle sind belegt. Das hier ist kein Flüchtlingslager an der türkisch-syrischen Grenze oder auf einer griechischen Insel im Mittelmeer. Das hier ist die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Niedersachsen in Hesepe im Landkreis Osnabrück.

„Endlich mal Besuch“, frohlockt ein älterer Bewohner. Endlich Abwechslung für diese Menschen, die wochenlang entweder auf weiße Zeltwände oder weiße Bettlaken starren. Einige spielen Karten, andere drehen Zigaretten. Kaum auszudenken, wenn hier ein Feuer ausbricht. Jetzt jedenfalls sind alle schnell auf den Beinen, es kommt Bewegung in das Zelt. Köpfe lugen hinter Laken hervor. Es tut sich was.

Viele Geschichten, ein vorläufiges Ende

Und schon stehen die Syrer im Kreis um ihren Besuch. Jeder hat seine Geschichte, die er erzählen will. Alle sind schrecklich, aber klingen auch sehr ähnlich: Von Gewalt in der Heimat und der Flucht aus Syrien. Von der Familie, die man im Bürgerkriegsland zurückließ und zu der kein Kontakt mehr besteht. Von den Schleppern, die sie für viel Geld in Booten übers Mittelmeer gen Europa schickten oder über den Landweg quer über den Kontinent. Das vorläufige Ende all dieser Geschichten ist die Erstaufnahmeeinrichtung Hesepe. (Weiterlesen: So läuft ein Asylverfahren in Deutschland ab)

Mehr als 3000 Bewohner

Dieser kleine Ort in Niedersachsen, in dem mittlerweile mehr Flüchtlinge leben als feste Einwohner. Um das Lager am Ortsrand, in dem die Menschen untergebracht werden, ranken sich viele Gerüchte. Dazu zählt auch die Zahl der Einquartierten. So genau kann das niemand sagen. Mehr als 3000 sollen es sein, heißt es bei offiziellen Stellen. In den letzten Wochen wurden Anfragen der Presse nach einem Ortstermin negativ beschieden. Man habe angesichts der dringenden Aufgaben keine Zeit sich um Journalisten zu kümmern, hieß es. Das stimmt sicherlich. Doch wer hier nun – ohne offizielle Begleitung – im Lager steht, der kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass man diese Zustände auch niemandem außerhalb des Lagers zeigen will.

Trostlos für alle

Diese Realität ist trostlos für alle, die damit konfrontiert werden. Die Behörden, die Beschäftigten, die Bewohner, der Betrachter von außen. Und diese Realität stinkt in Teilen des Lagers. Wer dem Geruch folgt, gelangt an einen Toilettenwagen. Es ist nicht klar, ob man im Innern durch Wasser, Urin oder doch beides watet. Die Toiletten sind bis zu einem Grad verdreckt, der den Magen rotieren lässt. Ein Waschbecken ist verstopft. Einwegrasierer liegen herum. Dieser Wagen lässt sich mit normalen Mitteln nicht mehr reinigen.

Darauf angesprochen, verziehen die Zeltbewohner aus Syrien das Gesicht. Das seien die Afrikaner, schimpfen sie. Die wüssten nicht, wie man europäische Toiletten benutzt. Es rumort unter den Einwohnern. Die Syrer schimpfen auf die Afrikaner, die Afrikaner auf die Albaner und so weiter. Vielleicht ist es in den Zelten auch so eng, weil die Nationalitäten in dieser Notlage lieber neben einem Landsmann liegen und die Betten umräumen. (Weiterlesen: Aus diesen zehn Staaten kommen die meisten Asylbewerber )

Vater berichtet von Schlägereien

Alle erzählen sie von Gewalt. Schlägereien seien an der Tagesordnung. „Meine Kinder“, sagt ein Mazedonier und zeigt auf den Kinderwagen, „wie soll ich denen das erklären? Die haben Angst.“ Es brodelt gewaltig. Es werde viel Alkohol getrunken und auch gekifft unter den jüngeren Bewohnern. Abends sei es lange laut.

Besonders deutlich wird die angespannte Lage an der Essensausgabe. Um 12 Uhr setzen sich Hunderte Menschen in Bewegung. „Das muss man gesehen haben“, sagt ein Syrer und schüttelt mit dem Kopf. Eine lange Schlange bildet sich. Wo genau sie anfängt, ist nicht klar. In den vergangenen Tagen, so wird es erzählt, sei jemand im Gedrängel an der Schulter verletzt worden. Ein anderer an der Hand. Heute bleibt alles friedlich. Am Ende der langen Schlange steht ein bulliger Wachmann. Es gibt Hähnchen mit Reis. Oder Nudeln mit Soße.

Von 600 auf mehr als 3000 Bewohner aufgestockt

Draußen fahren Lastwagen des Technischen Hilfswerks an der Kantine vorbei. Sie haben Paletten geladen. Die Zeltstadt wird erweitert. Die neuen Unterkünfte, die hier seit Tagen von Helfern errichtet werden, sollen einen Boden erhalten. Bislang stehen die Feldbetten auf Gras. Ursprünglich war Hesepe für 600 Personen ausgelegt. Dann kamen feste Container hinzu, die Kapazität stieg auf 900. Das alles war erst vor wenigen Monaten, ist aber gefühlt eine Ewigkeit her. Inklusive Zelten, kleineren Mietcontainern und Außenstellen in Hotels stünden derzeit 2590 Betten zur Verfügung, heißt es aus dem Innenministerium. Und weiter: „Darüber hinaus werden Matratzen zur Verfügung gestellt.“ Nach offiziellen Angaben sind derzeit mehr als 3000 Menschen in Hesepe untergebracht. (Niedersachsen: Hunderte Flüchtlinge weniger als erwartet)

Wochenlange Wartezeiten auf Registrierung

Mittlerweile präsentiert sich dem Besucher ein Lager vor dem Kollaps. Zu viele Menschen auf zu wenig Platz. Die Ursachen, so mag man meinen, liegen außerhalb der Mauern von Hesepe. Dort, wo Armut und Diktatoren regieren. Doch die Bewohner haben ein anderes Problem ausgemacht: kleine, gelbe Zettel. „Bewohner-Ausweis“ steht darauf. Und das Ankunftsdatum in Hesepe. Unten rechts ein weiteres Datum. Manchmal einige Wochen oder einen Monat, manchmal noch weiter in der Zukunft. Das sei der Termin für die Registrierung, sagen die Bewohner. Jeder, der gefragt wird, zieht an diesem Tag so einen Zettel hervor.

Wer nicht registriert ist, der kann nicht auf die Kommunen verteilt werden. Wer nicht registriert ist, der ist in Hesepe zum Nichtstun verdammt. Der Höhepunkt des Tages sind die drei Mahlzeiten am Tag. Vielleicht noch ein Besuch im Supermarkt. Und so wird das Durchgangslager zum Daueraufenthalt, der immer mehr an seine Grenzen stößt – oder vielleicht längst drüber hinweg ist. (Weiterlesen: Ein Dorf an seinen Grenzen: Hesepe und die Flüchtlinge)

Mitarbeiter fallen aus – warum?

Laut Innenministerium sind zehn Mitarbeiter für die Registrierung zuständig. Ein Flaschenhals also. Außerhalb der Lagermauern ist immer wieder zu hören, dass es gerade unter diesen Mitarbeitern in der Vergangenheit zu Ausfällen gekommen sein soll. Wegen der Überlastung angesichts der stetig steigenden Flüchtlingszahlen? Dass dies der alleinige Grund sei, heißt es aus dem Ministerium, könne man so nicht bestätigen. „Wir arbeiten angesichts der Lage und der in den vergangenen Wochen unvorhersehbar gestiegenen Zugangszahlen aber mit Hochdruck daran, das Personal an allen Standorten möglichst kurzfristig deutlich aufzustocken.“ Vor allem pensionierte Mitarbeiter der Polizei sollen reaktiviert werden und bei der Registrierung helfen.

Vor Elend geflohen, aber nicht entkommen

Sie bemühen sich. Das kann man niemandem absprechen. Weder den Mitarbeitern im Lager, noch den ehrenamtlichen Helfern, der Polizei in Hesepe oder dem Ministerium, das nach weiteren Standorten für Erstaufnahmeeinrichtungen sucht. Sie alle sind bemüht. Aber eben auch überfordert mit diesem Ausnahmezustand.

Die Flüchtlinge im Zelt erkennen das bei allem Ärger über die Zustände an. Und dann kramen sie ihre Handys hervor. Auf fast allen ein Bild von Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Mama Merkel“, rufen sie. In all dem Elend, vor dem sie geflohen, aber dem sie längst nicht entkommen sind, haben sie die deutsche Regierungschefin zur Hoffnungsträgerin stilisiert. Merkel verkörpert für sie das bessere Leben. Doch davor steht erst einmal die Registrierung in Hesepe.

Ahmed ist gerade auf dem Weg zum Bahnhof. Er hat es geschafft, darf Hesepe verlassen. 40 Tage sei er hier gewesen. „Schlecht. Sehr schlecht“ sei es gewesen. Und vor allem immer schlechter geworden. Dann muss er zum Zug. Er ist auf eine Kommune in Niedersachsen verteilt worden. Garbsen ist es geworden. Wie es denn da so ist, will er wissen, bevor er in den Zug einsteigt. Besser als Hesepe? Zum Abschied hebt er den Daumen – alles wird gut. Das hofft er zumindest.

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In Hesepe leben mittlerweile mehr Flüchtlinge als feste Einwohner. Eine interaktive Reportage zur Situation im Ort auf noz.de


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