Vor Prozessauftakt in Celle Ex-IS-Kämpfer: Du bist entweder tot oder tot

Von dpa

Kämpfe in der syrischen Stadt Kobane Foto: dpaKämpfe in der syrischen Stadt Kobane Foto: dpa

Celle. Zwei IS-Heimkehrer stehen in Niedersachsen vor Gericht. Was wollten sie in Syrien und dem Irak, wie geht es dort tatsächlich zu? Ebrahim H. B. macht schon vor seinem Prozess den Mund auf.

„Wenn Du da hin gehst, Du bist entweder tot oder tot.“ Ebrahim H. B. findet drastische Worte über seine Zeit beim sogenannten Islamischen Staat (IS) in Syrien und im Irak. Der 26-Jährige hat überlebt und will reden. Zusammen mit dem 27-jährigen Ayoub B. steht er ab Montag vor dem Oberlandesgericht in Celle.

Die Generalbundesanwaltschaft wirft den Deutsch-Tunesiern vor, sich 2014 dem IS angeschlossen zu haben. Beide sind weitgehend geständig. Die Wolfsburger wurden nach ihrer Rückkehr festgenommen. Was hat sie geritten, wie Hunderte weitere Deutsche in den Dschihad zu ziehen?

Hausverbot in Moscheen

„Wir hatten mit Religion nichts zu tun“, sagt Ebrahim H. B. einem Team von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ im Gefängnis. Der 26-Jährige wurde laut den Ermittlungen in Wolfsburg (Niedersachsen) von einem IS-Mitglied angeworben. „Die radikale Clique traf sich ein paar Mal in verschiedenen Moscheen und bekam Hausverbot“, sagt Yilmaz Kilic, Landesvorsitzender der Türkisch-Islamischen Union (Ditib).

Der Werber des IS baut Druck auf: „Wie kannst Du in Ruhe schlafen, also in der Wärme mit Heizung, wo junge Muslime gerade verhungern oder Frauen vergewaltigt werden?“, soll er gefragt haben. Der Mann malt aber auch das Bild eine rosigen Zukunft. „In Syrien kannst Du das teuerste Auto fahren, das Du Dir in Deutschland gar nicht leisten kannst“, lockte laut Ebrahim H.B. der IS-Mann. Man könne dort bauen und vier Frauen heiraten. „Wer möchte keine vier Frauen haben, um ehrlich zu sein“, begründet Ebrahim H.B. seine Begeisterung.

Reine Gutgläubigkeit?

Der 26-Jährige in kariertem Hemd und dunkler Strickjacke zeichnet von sich das Bild eines naiven jungen Mannes, der gutgläubig dem Werber folgte. Aber stimmt das? Die IS-Propaganda mit grausamen Sprüchen und abgeschnittenen Köpfen ist kaum zu ignorieren. Sie kursiert im Netz.

Anfang Juni 2014 reisen die beiden Wolfsburger laut Anklage über die Türkei nach Syrien. In einem Ausbildungslager werden ihnen Handy und Pass, aber auch Zahnpasta und Shampoo abgenommen, erzählt Ebrahim H. B. „Geduscht wird nur Freitags in einem dreckigen See.“ Ayoub B. gibt laut dem Bericht zu Protokoll: „Jeder Tag war gleich. Außer Freitags, da gab es immer Pepsi und Schokolade.“ Nachmittags musste man üben, Kalaschnikows zusammenzubauen.

Die Ausländer werden laut Ebrahim H. B. entweder Kämpfer oder Selbstmordattentäter und die beiden Gruppen voneinander getrennt. „Jeder muss sich entscheiden.“ Ayoub B. soll laut Anklage zunächst mit Waffen trainiert und sich später im Irak an IS-Offensiven beteiligt haben. „Wir mussten immer zuhören und gehorchen“, sagt er.

Bereit zum Selbstmordattentat

Ebrahim H. B. soll sich zu einem Selbstmordanschlag in Bagdad bereiterklärt haben. Der Plan platzte laut Anklage aber, weil einige Mitstreiter zuvor verhaftet wurden. Dazu will H. B. erst vor Gericht Stellung nehmen. Aber warum sprengen sich junge Menschen überhaupt in die Luft? „Die werden vollgequatscht und überredet, damit die sterben“, sagt H. B. Im Extremfall würden sie gezwungen.

Der 26-Jährige schildert eine grausame Szene: Ein junger Mann sei unter Spionageverdacht geraten und umgebracht worden. „Dann hat man dieses Quietschen gehört.“ Die Leiche habe man ihm dann ins Zimmer gebracht und den Kopf daraufgelegt. „Zum Abschrecken.“

Ebrahim H. B. distanziert sich in dem Interview vom IS. „Wenn man richtig die Augen aufmacht, sieht man, dass es falsch ist. Dass es mit dem Islam nichts zu tun hat. Aber die jungen Leute haben ja keine Ahnung.“ Mit seiner Offenheit könnte er beim Gericht punkten. Lange wurde auf einen Insider gewartet, der redet. „Gefängnis in Deutschland ist mir viel lieber als Freiheit in Syrien.“

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