Grüne fordern Informationspflicht Nukleartransport rollt bei Orkan durch Niedersachsen

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Osnabrück. Ende März dieses Jahres: Ein Sturmtief rollt auf Deutschland zu. Bäume knicken um, Menschen sterben. Und durch Niedersachsen fährt ein Zug mit Uran an Bord, ohne dass Einsatzkräfte entlang der Strecke von der strahlenden Fracht wissen.

„Niklas“ hieß der Orkan, der im Frühjahr wütete und zu den schwersten Stürmen der vergangenen 30 Jahre zählte. Der Bahnverkehr kam weitgehend zum Erliegen. Bei Osnabrück waren zuvor noch entwurzelte Bäume auf einen Intercity mit 350 Menschen an Bord gekracht. Niemand wurde verletzt, aber der Schnellzug musste evakuiert werden. (Weiterlesen: Baum stürzt auf IC – Kaum Zugverkehr in Niedersachsen)

Um 4:45 Uhr in Münster gesichtet

Wie eine Anfrage der Piratenpartei im Landtag von Nordrhein-Westfalen offenbarte, rollte durch das Chaos hindurch ein Güterzug mit radioaktivem Material an Bord, genauer gesagt Uranoxid. Ausgangspunkt war der Hamburger Hafen, Zielort irgendwo in Frankreich. Nach Beobachtungen von Atomkraftgegnern passierte der Zug am Morgen des 31. März um 4:45 Uhr den Hauptbahnhof Münster, war zuvor also durch Niedersachsen und auch Osnabrück gerollt, wo wenige Stunden später Bäume auf einen Zug stürzten.

Uran-Zug fuhr während Sturm

Gegen 11 Uhr wurde zumindest der Personenverkehr in Nordrhein-Westfalen komplett eingestellt. Bäume lagen im Gleisbett oder hatten Oberspannungsleitungen zerstört. Der Uranzug rollte - abgesehen von einem längeren Aufenthalt in Köln - trotzdem. Laut Atomkraftgegnern war ihm keine E-, sondern eine Diesellok vorgespannt. Ein Stromausfall konnte diesen Zug also nicht stoppen. (Weiterlesen: Sturmtief bremst Bahn und Autos in Niedersachsen aus)

Zwei Dinge offenbarte die Anfrage der Piratenpartei. Erstens: Der Transport war in dieser Form genehmigt, rechtens und findet so oder so ähnlich fast täglich in Deutschland statt. Zweitens: Behörden und Einsatzkräfte entlang der Strecke wussten von diesem Transport nichts.  

Eisenbahnbundesamt hat Transport genehmigt

Genehmigt hatte die Reise das Eisenbahnbundesamt, das nach Strahlenschutzverordnung grünes Licht für den Transport sogenannter sonstiger radioaktiver Stoffe auf der Schiene geben muss. Das können zum Beispiel radioaktive Abfälle aus Atomkraftwerken sein wie Handschuhe oder Metallteile. Oder aber eben Uranoxid, das zur Herstellung von Kernbrennstoffen verwendet wird. Entspricht so ein Transportantrag allen Vorgaben, dann muss die Behörde die Genehmigung erteilen. Und dies war beim Zug Ende März der Fall.

Bundespolizei in Potsdam informiert

Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, wollte von der Bundesregierung wissen, wer eigentlich von dem Transport in Kenntnis gesetzt worden war. In Nordrhein-Westfalen jedenfalls, das hatte die dortige Piraten-Anfrage gezeigt, war auf Behördenseite – also auch unter Sicherheitskräften wie Polizei oder Feuerwehr – niemand vorgewarnt. Die Bundesregierung erklärte jetzt: Eine Auflage zur Genehmigung sei gewesen, dass der Transporteur 48 Stunden vor Abfahrt das Bundespolizeipräsidium in Potsdam informiere. Dies sei auch geschehen, heißt es aus dem Bundesumweltministerium. Die Bundespolizei erklärte am Donnerstag auf Nachfrage, die Dienststellen entlang der Route hätten ein Fax erhalten. Wohl aber nicht informiert wurden beispielsweise die Unteren Katastrophenschutzbehörden.

Kritik von Grünen in Niedersachsen

Das gehe gar nicht, findet Miriam Staudte, die für die Grünen im niedersächsischen Landtag sitzt und die sich um Atomthemen kümmert. „Die Landkreise und kreisfreien Städte als Untere Katastrophenschutzbehörde müssen künftig über alle Atomtransporte informiert werden“, fordert Staudte. Auch über jene, die vom Eisenbahnbundesamt genehmigt werden. Denn daneben gibt es ja noch diejenigen Transporte, die das Bundesamt für Strahlenschutz prüft. Darunter fallen Castor-Fahrten oder der Abtransport von Brennelementen aus der Fabrik in Lingen. Recherchen unserer Redaktion hatten gezeigt, dass das südliche Emsland und die Grafschaft Bentheim eine Art Atomdrehkreuz sind. (Weiterlesen: Geheimer Atomtransport rollt durch Hauptbahnhof Osnabrück)

Forderung nach Dokumentationspflicht

Staudte sagt, beim derzeitigen Informationsdefizit könnten sich die Behörden entlang der Transportrouten nicht auf mögliche Unfallszenarien einstellen. „Bei den Behörden in den Ländern und den Kommunen muss eine Dokumentationspflicht sowohl für Transporte, die das Bundesamt für Strahlenschutz als auch für die vom Eisenbahnbundesamt genehmigten Transporte eingeführt werden“, lautet ihrer Forderung. Ihre Kollegin Kotting-Uhl unterstützt das.

Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (ebenfalls Grüne) hatte genau dafür bei seinen Länderkollegen geworben, stieß jedoch auf wenig Interesse. Und so rollen weiter Nukleartransporte bei Wind und Wetter durchs Land, ohne dass Behörden entlang der Strecke vorgewarnt werden.


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