Strafverfahren gegen Vater und 52-Jährige Fall Dave: Wurde Junge Spielball von Behördenhassern?

Am Freitag wurde Dave in der Wohnung einer 52-jährigen Frau bei Bremen gefunden. Was geschah mit dem Jungen? Symbolfoto: dpaAm Freitag wurde Dave in der Wohnung einer 52-jährigen Frau bei Bremen gefunden. Was geschah mit dem Jungen? Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Der Fall des wochenlang vermissten 12-Jährigen aus Wittmund wirft weiter Fragen auf. Am Freitag wurde Dave in der Wohnung einer 52-jährigen Frau bei Bremen gefunden. Unterzog sie den Jungen einer Gehirnwäsche? Gegen die Frau und den Vater läuft ein Strafverfahren. Hatten sie weitere Unterstützer?

Nur langsam bringen die Ermittlungen Licht ins Dunkle: Was geschah in den dreieinhalb Wochen seines Verschwindens mit dem 12-jährigen Dave M.? Wer brachte den Jungen aus dem Kreis Wittmund ins rund 110 Kilometer entfernte Weyhe bei Bremen, wo der Junge am Freitag gefunden wurde? Welche Rolle spielte sein Vater?

Strafverfahren auch gegen den Vater

Die Staatsanwaltschaft Aurich sieht zumindest einen Anfangsverdacht, dass der Vater mit dem Verschwinden seines Sohnes zu tun hatte: Gegen den Vater und die 52-jährige Frau aus Weyhe wurde ein Strafverfahren wegen „Entziehung Minderjähriger“ eingeleitet, sagte die Oberstaatsanwältin Katja Paulke am Dienstag unserer Redaktion. Es hatte konkrete Hinweise gegeben, dass der Junge zeitnah ins Ausland gebracht werden sollte.

Seit dem 11. Juni war der 12-Jährige vermisst worden. Bis dahin lebte er in einer Wohngruppe im ostfriesischen Friedeburg, nachdem das Jugendamt Leer den Eltern das Sorgerecht entzogen hatte. Rechtlicher Vormund für den Jungen ist seitdem der Landkreis Wittmund, in dem Friedeburg liegt.

„Stark manipuliert“

Dave ist inzwischen in einer neuen Jugendhilfe-Einrichtung untergebracht, teilte der Landkreis mit. Körperlich gehe es dem 12-Jährigen gut, hatte ein Arzt der Polizei bestätigt. „Aber was so etwas mit der Psyche eines Menschen macht, kann man sich nur schwer ausmalen“, sagte ein Polizist unserer Redaktion, der mit dem Fall betraut ist.

Der Junge sei in Weyhe „während des Zwangsaufenthalts in der Wohnung stark manipuliert worden“. So formulierte es der Landkreis. In der offiziellen Mitteilung der Polizei heißt es, die beschuldigte 52-Jährige habe versucht, „Einfluss auf den Jungen zu nehmen“. In Wittmunder Polizeikreisen wird von einer „massiven Instrumentalisierung“ des 12-Jährigen gesprochen.

Suggestivfragen an einen 12-Jährigen

Ende Juni war auf Facebook ein Video aufgetaucht, das den vermissten Dave zeigte. Darin appellierte der Junge an die Behörden, ihn nicht mehr zu suchen. Er wolle bei seinem Vater sein und nicht ins Heim zurück. Das Video wurde offenbar in der Wohnung der 52-jährigen Frau aus Weyhe aufgezeichnet.

Auf Youtube und Facebook kursiert daneben ein weiteres Video. Darin stellt eine Frauenstimme dem 12-jährigen Jungen Suggestivfragen. Dave werden in dem Clip von der Frau einseitige Interpretationen seiner Situation nahegelegt: Behörden, Richter und Polizei ständen seinem Familienglück im Wege. Mit seinem Vater und seiner Schwester Pia sei es ihm doch gut gegangen. Im Heim habe man ihn schlecht behandelt, so sei es doch gewesen – oder? Das Video ist knapp 30 Minuten lang.

Dreieinhalb Wochen nicht in der Schule

Während der Zeit, in der Dave in Weyhe festgehalten wurde, durfte er die Wohnung laut Polizei nicht verlassen. Länger als drei Wochen verpasste er die Schule. In Daves Namen werden wiederum Vorwürfe gegen dessen Vormund erhoben: In der Einrichtung, in der Dave lebte, habe es Missstände gegeben.

„Das werden wir untersuchen“, heißt es beim Landkreis Wittmund. Bis dato seien keine Verfehlungen aus der Wohngruppe bekannt. Man habe gute Erfahrungen mit der Einrichtung gemacht.

Neben der Wohnungsdurchsuchung in Weyhe, bei der Dave entdeckt wurde, hatte es weitere Durchsuchungen in Hamburg und Saterland gegeben. Es laufen Ermittlungen „zu einer möglichen Institution im Hintergrund“ hatte die Polizei mitgeteilt.

Gibt es ein Netzwerk radikaler Behördenhasser?

Es geht um Gruppierungen oder Personen, die „staatlichen Kinderklau“ anprangern. Sie vernetzen sich über Facebook, Blogs und verbreiten ihre radikalen Positionen auf Youtube. Die Rede ist dann von Jugendämtern und Richtern, die Kinder ihren Eltern ohne rechtliche Grundlage entziehen würden.

Ob im Fall des 12-jährigen Dave weitere Personen neben den beiden Beschuldigten in dessen Verschwinden involviert waren, sei Gegenstand der Ermittlungen, bestätigt die Polizei. Aus Ermittlerkreisen heißt es: „Wenn die mit staatlichen Entscheidungen nicht einverstanden sind, nehmen sie die Dinge selbst in die Hand.“


Entziehung Minderjähriger

Die Entziehung Minderjähriger ist nach § 235 des Strafgesetzes eine Straftat. Ein Auszug aus dem Gesetzestext:

1) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer

1. eine Person unter achtzehn Jahren mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List oder

2. ein Kind, ohne dessen Angehöriger zu sein, den Eltern, einem Elternteil, dem Vormund oder dem Pfleger entzieht oder vorenthält.

2) Ebenso wird bestraft, wer ein Kind den Eltern, einem Elternteil, dem Vormund oder dem Pfleger

1. entzieht, um es in das Ausland zu verbringen, oder

2. im Ausland vorenthält, nachdem es dorthin verbracht worden ist oder es sich dorthin begeben hat.

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