Bremer Amateur Theater Ensemble Fassbinders „Bremer Freiheit“: Zeitlos gegenwärtig

Gesche Gottfried (rechts, Neele Wehrkamp) stößt bei ihrer Freundin Luisa (Nele Albers) auf wenig Verständnis.Foto: Frank ScheffkaGesche Gottfried (rechts, Neele Wehrkamp) stößt bei ihrer Freundin Luisa (Nele Albers) auf wenig Verständnis.Foto: Frank Scheffka

Bremen. Das Bremer Amateur Theater Ensemble zollt dem Regisseur, Schauspieler und Autor Tribut, indem es sein Werk „Bremer Freiheit“ wieder auf die Bühne bringt.

Nach den ersten zwei Vorstellungen am vergangenen Wochenende auf der Speicherbühne in der Bremer Überseestadt sind noch sechs weitere Aufführungen geplant.

Das Theaterstück, 1971 in Bremen uraufgeführt, erzählt die Geschichte der Giftmörderin Gesche Gottfried, an die heute der „Spuckstein“ auf dem Domshof erinnert, wo sie 1831 öffentlich hingerichtet wurde. Während der Spuckstein von der Dämonisierung Gottfrieds zeugt, entwarf Fassbinder ein ganz anderes Bild von ihr: das einer Frau, die verzweifelt versucht, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – während die damalige Gesellschaft der Frau nur die Rolle als Anhängsel des Mannes zugesteht.

Regisseur Dominik Santner hat das Geschehen zeitlos gegenwärtig verortet. Gesches erster Mann ist ein Bilderbuchmacho im fleckigen Feinrippunterhemd, seine Freunde tragen T-Shirts mit Heavy-Metal-Emblemen. Weil sie die Demütigungen durch ihren Mann nicht länger ertragen will, vergiftet Gesche ihren Gatten. Der nächste Mann in ihrem Leben, der Kaufmann Michael Christoph Gottfried, lebt mit Gesche zunächst in wilder Ehe. Gesches Mutter ist empört und verstößt ihre Tochter. Deshalb muss auch sie sterben. Es folgen ihre beiden Kinder aus erster Ehe, ihr Vater Johann und noch so einige mehr, die in der Inszenierung Santners nach ihrem Ableben die Szene bevölkern.

Neele Wehrkamp spielt die Hauptrolle mit viel Ausdruck, entwickelt ihre Figur vom devoten Heimchen am Herd überzeugend zur selbstbewussten Frau, die schließlich immer rücksichtsloser von ihren Mitteln Gebrauch macht, um Herrin über ihr Leben zu bleiben. Nach jedem Mord singt sie: „Welt ade, ich bin dein müde.“ Beim ersten Mal mit zitternder Stimme, im Laufe des Abends immer forscher. Bis am Ende sie selbst diese Welt verlassen muss und das ganze Ensemble in das Lied einstimmt. Gesches Emanzipationsversuche sind zum Scheitern verurteilt.

Das zwölfköpfige Ensemble bewältigt Fassbinders Text solide. Neben Wehrkamp setzen vor allem Maren Barthold als Gesches Freundin Zimmermann und Antonios Tsitsiras als ihr erster Mann Akzente.


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