Westalliierte vergewaltigten Kriegsverbrechen von Kanadiern im Emsland

Von Manfred Fickers

Einwohner von Sögel beten vor der Kirche. Hier sind sie von kanadischen Soldatenzusammengetrieben worden.Foto: Alex M. StirtonEinwohner von Sögel beten vor der Kirche. Hier sind sie von kanadischen Soldatenzusammengetrieben worden.Foto: Alex M. Stirton

Sögel. Nachrichten über massenhafte Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee wurden im Spätherbst 1944 bekannt. Von den Westalliierten erwartete man so etwas nicht. Umso größer war das Entsetzen, als es im Emsland zu Kriegsverbrechen durch kanadische Soldaten kam.

Beim Vormarsch der 4. kanadischen Panzerdivision durch die Grafschaft Bentheim und den damaligen Kreis Meppen in den Kreis Aschendorf-Hümmling verhielten sich die Soldaten gegenüber Zivilisten weitgehend korrekt. Anders am 9. April in Sögel . Der damalige Pastor Georg Wolters berichtete 1945 in einem Brief an den Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning (1877 - 1955): „Am Nachmittag wurde das Dorf von den Kanadiern durchkämmt. Sie fanden leider größere Mengen Alkohol, da am Tage vorher überall hier ein Kontingent verteilt wurde. Am Abend und in der Nacht kam es zu einer größeren Zahl an Vergewaltigungen an Frauen und Mädchen.“

In der Nacht zum 10. April schlichen sich deutsche Fallschirmjäger an Sögel heran. Es kam in den frühen Morgenstunden zu schweren Kämpfen. Unter den kanadischen Soldaten machte das Gerücht die Runde, deutsche Frauen hätten auf sie geschossen.

Häuser werden gesprengt

Am späten Vormittag, nach dem die Kanadier die deutschen Soldaten vertrieben haben, wurde der Befehl gegeben, die Zivilbevölkerung in der Kirche und auf dem Kirchplatz zusammen zutreiben. Pfarrer Wolters durfte sich einigermaßen frei bewegen und versuchte im Gespräch mit kanadischen Offizieren nicht nur die Verbrechen an den Frauen, sondern auch die Zerstörung des Dorfes zu verhindern. Denn als in den Mittagsstunden die gesamte Bevölkerung in der Kirche und auf dem Platz davor versammelt war, begannen kanadische Pioniere die Häuser in den Straßenzügen zu sprengen, in denen in der Nacht und am Vormittag gekämpft worden war. Diese Sprengungen wurden am folgenden Tag bis zum Eintreffen der britischen Militärregierung fortgesetzt. Sie stoppte die Sprengungen, weil Sögel als Sammelort für befreite Kriegsgefangene vorgesehen war, und möglichst viele Gebäude für ihre Unterbringung beschlagnahmt werden sollten. Rund 70 Häuser waren bis zu diesem Zeitpunkt zerstört.

Überfall auf ein Dorf

In Nachbarorten Sögels waren es ebenfalls die Militärpolizisten und nicht die kanadischen Offiziere, die für Ordnung sorgen. Ein Beispiel aus der Schulchronik der Ortschaft Hülsen: „Am 12. 4. nachmittags erscheint der erste feindliche Wagen im Dorfe, ein ‚Rotes-Kreuz-Auto‘. Es hält beim Bürgermeister, fährt zurück nach Haselünne und erscheint nach kurzer Zeit wieder und hält wieder beim Bürgermeister. Jetzt spielt sich folgendes ab: Ich, der Lehrer Sterczewski, befinde mich gerade auf dem Wege zum Bürgermeister. Da sehe ich zwei Soldaten aus dem Rote-Kreuz-Auto springen. Der eine der beiden kanadischen Soldaten kommt mit schussbereiter Maschinenpistole auf mich zu und treibt mich in die Wohnung des Bürgermeisters. Hier entreißt er mir den Füllhalter und die Uhr mit Kette. Der Kanadier war betrunken. Dann wurde ich mit der Familie des Bürgermeisters in den Keller getrieben. Der zweite Soldat blieb als Wache in der Küche zurück. Der andere Soldat begab sich unterdessen in die anderen Häuser, schoß um sich und stahl, was ihm gefiel. Mit Anbruch der Dunkelheit verließen sie unser Dorf. Wie wir dann am anderen Tage erfuhren, hatten die Unholde, es waren noch zwei, unterdessen außer den Räubereien auch noch die 19-jährige Pflegetochter eines Pächters unter Androhung von Waffengewalt vergewaltigt. Am anderen Morgen erschienen die Unholde wieder und versuchten an zwei Mädchen dieselbe Schandtat. Bei ihrem dritten Auftauchen aber wurden sie durch das Erscheinen von 3 Feldjägern, die ich inzwischen alarmiert hatte, verscheucht. Seitdem hatten wir Ruhe.“

Die Bilanz von Pfarrer Wolters nach dem Durchzug der kanadischen Truppe lautet: „Ein Teil der Truppe war sehr diszipliniert, aber nicht alle. Über die Zahl der Vergewaltigungen lässt sich schwer Genaueres sagen. In den ersten Tagen wurden über 50 Fälle bekannt. Andere schätzen die Zahl auf über 100. In Werlte sind auch viele Fälle, aber bei Weitem doch nicht so viele wie in Sögel.“

General begünstigt Verbrechen

Der Kommandeur der 4. kanadischen Panzerdivision, Christopher Vokes (1904 – 1985), hatte im Januar 1946 neben juristischen, möglicherweise persönliche Gründe, als er SS-Generalmajor Kurt Meyer (1910 – 1961) vom Todesurteil zu einer lebenslangen Haftstrafe begnadigte. Angehörige von Meyers 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ hatten bei den Kämpfen in der Normandie Gefangene erschossen und es gab Übergriffen gegen die französische Zivilbevölkerung. Es konnte Meyer aber nicht nachgewiesen werden, dass er die Verbrechen befohlen hatte, obwohl er davon gewusst haben muss und nicht eingeschritten war. Das Militärgericht verurteilte ihn dafür, dass er die Taten begünstigte. Nach dieser Rechtsauffassung hätte auch Vokes für die Ereignisse in Sögel und Friesoythe verurteilt werden können und ebenso für die Erschießung deutscher Kriegsgefangener durch Kanadier in der Normandie.

1957 hat Lokalhistoriker Hermann Hölscher eine Darstellung des Kriegsendes in Sögel im Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes veröffentlicht. An einer juristischen Aufarbeitung der Ereignisse zeigte damals niemand Interesse. „So wird dieses dunkle Kapitel, wie so manche Tragödie dieses schrecklichen Krieges, in dieser Welt wohl niemals eine Aufklärung und Sühne finden.“


Historiker haben auf schwere Konflikte in der kanadischen Truppe hingewiesen. Einige Soldaten reagierten ihren Ärger in Verbrechen an Deutsche ab. Anthony Beevor schreibt, dass die kanadische Truppe in Europa gefährlich unterbesetzt war. Premierminister William Lyon Mackenzie King (1874 – 1950) hatte mit Rücksicht auf die Stimmung der Wähler darauf verzichtet, Soldaten gegen ihren Willen nach Übersee zu schicken. Die meisten Wehrpflichtigen machten kaum mehr als Kriegsgefangene in Kanada zu bewachen. Das wiederum sorgte für großen Ärger unter den Freiwilligen, die in Europa kämpften. Dazu kam noch aus Sicht der Kanadier der empörende Umgang der Briten ihnen.

Schon unmittelbar nach der Landung in Frankreich am 6. Juni 1944 fielen die Kanadier auf, und zwar durch die Ermordung Kriegsgefangener. Dies taten auch deutsche Einheiten, in besonderem Ausmaß die 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ unter dem Befehl von SS-Generalmajor Kurt Meyer. Bei der Auswertung von Berichten kam der deutsche Historiker Peter Lieb zu dem Schluss: „Gerade im Einsatzbereich der ‚Hitlerjugend‘ und der Kanadier sowie der ‚Götz von Berlichingen‘ und der US-Fallschirmjäger häuften sich die Verbrechen.“

Das Disziplinproblem bei den kanadischen Soldaten in Europa war auch mit dem Kriegsende nicht gelöst. Statt nach Hause zurückzudürfen, mussten viele bei den Besatzungstruppen in Nordwestdeutschland bleiben. Am 13. Mai 1945 notierte der an den Kämpfen in Sögel beteiligte Leutnant Charles William Pearson (1912-2000),in seinem Tagebuch, dass sein Kommandeur Oberstleutnant Coleman bei der Befehlsausgabe verlangt hatte, die Soldaten zur Ordnung zu rufen. Ihm seien „Gerüchte über Vergewaltigungen und Disziplinlosigkeiten zu Ohren gekommen, die möglicherweise von Angehörigen der kanadischen Armee begangen worden sind“. Als Oberkommandierender der kanadischen Besatzungstruppen in Deutschland erlebte Generalmajor Christopher Vokes einen Aufstand einer Luftwaffeneinheit. Am 14. und 15. Juni 1945 befahl er die Verlegung des II. kanadischen Korps in die Niederlande zur Vorbereitung der Rückkehr nach Kanada. Dort gab es ebenfalls Disziplinlosigkeiten. Historiker Chris van der Heijden nennt eine Massenschlägerei in Utrecht am 16. September 1945 als traurigen Höhepunkt. Dies führt dazu, dass die kanadische Regierung ihre Truppe bis Ende Februar 1946 aus Europa abzog.