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13.04.2015, 15:55 Uhr KOLUMNE

Niedersachsens umstrittener Werbefilm: Peinlich geht anders!

Von Dirk Fisser

Ein Schaf! Davon gibt es in der Heide sicherlich einige. Die wenigsten tragen allerdings eine Brille. Foto: NOZEin Schaf! Davon gibt es in der Heide sicherlich einige. Die wenigsten tragen allerdings eine Brille. Foto: NOZ

Osnabrück. Deutschland spricht über den vermeintlich peinlichen Werbefilm aus Niedersachsen. Ganz Deutschland? Ausgerechnet der Regional- und Niedersachsenreporter unserer Redaktion hat diesen Trend bislang verschlafen, holt dies an dieser Stelle aber gleichsam pflichtbewusst wie augenzwinkernd nach.

Okay, okay, laut Impressum bin ich bei der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ für den Bereich Niedersachsen zuständig. Also habe ich mir auch einmal diesen Werbefilm angeguckt, über den die ganze Welt lästert. Beziehungsweise der Teil der Welt, der Deutsch spricht und sich in den sozialen Netzwerken tummelt. Also ein ziemlich kleiner Teil, der manchmal zu vergessen scheint, wie klein er tatsächlich ist, und sich am liebsten gegenseitig in seiner vorgefassten Meinung bestätigt. Es widerspricht ja auch fast nie jemand. Bis jetzt!

„Zu krass für kurze Hosen“

Jedenfalls lese ich seit einigen Tagen bei Twitter, wie peinlich dieses Werbefilmchen für einen Urlaub in Niedersachsen sein soll. Dass es eher das Gegenteil erreiche, als zum Urlaub in diesem Bundesland zu verleiten. „Nach diesem Werbespot ziehe ich glaube erstmal um. Am besten ins Ausland, da wird mich niemand auf den Clip ansprechen“, verkündete beispielsweise @Hosenfeger auf Twitter, der (oder die?) laut Profilbeschreibung „zu krass für kurze Hosen“ ist.

Ich habe mir jetzt auch mal diesen 3-Minuten-Spot angesehen und muss sagen: Tschüss @hosenfeger! Vielleicht ist es ja mein schlichtes Gemüt als Norddeutscher, dass ich das angeblich unsagbar Peinliche an diesem Clip nicht erkenne. Möglicherweise hat mich aber auch mein Wohnort Osnabrück derart gegenüber schlechten Imagekampagnen abstumpfen lassen, dass ich die Niveaulosigkeit des Niedersachsen-Clips nicht erkennen kann. Schließlich stammt die Mutter aller verkorksten Imagekampagnen aus Osnabrück, das sich dereinst selbst als Metropölchen bewarb. Ein Bumerang, wie sich herausstellte, der den Stadtoberen bis heute noch um die Ohren fliegt.

Alles besser als die „Scorpions“!

Nachdem ich also jetzt drei Minuten meines Lebens für den Film aufgewendet habe, über den (fast) alle sprechen, komme ich zu der Erkenntnis: Es hätte schlimmer kommen können. Natürlich ist die Musik alles andere als berauschend, aber man stelle sich nur vor, die Macher hätten sich für Liedgut entschieden, dass ansonsten aus Niedersachsen stammt: beispielsweise ein schöner Schützenfest-Marsch. Oder aber die Scorpions. Bitte nicht!

Dafür ist die Story doch super. Versnobte Großstadtfamilie flieht per Pferdekutsche aus ihrer gentrifizierten Altbauhölle an die Nordseeküste. Kaum angekommen, stellt die pubertierende Tochter fest: „Ich hab kein Netz mehr.“ Ja, eben! Das ist Niedersachsen! Hier ist in der Regel der Empfang noch schlechter als das Wetter. Digitaler Fortschritt adé! So viel Selbstironie – einfach wunderbar.

Nichts Neues aus dem Westen

Und dass Niedersachsen ausschließlich aus Strand, Harz, Heide und Hannover besteht – nun gut. Wer nur die Autobahn 7 rauf und runter fährt, der mag diesen Eindruck bekommen. Man darf den Werbemachern nicht übel nehmen, dass sie nicht links abgebogen sind. Dass auch der Westen des Bundeslandes viel Schönes zu bieten hat – etwa die vielen eingezäunten Tiere wie Hähnchen , oder die paar frei lebenden wie der wildgewordene Problemwolf , oder aber die Kreuzfahrtschiffe, die durch einen viel zu kleinen Fluss gequetscht werden – was soll‘s? So bleiben der Region eben solche Gäste erspart, wie sie der Film zeigt. Glück gehabt.

Nur das Ende des Films habe ich nicht so ganz verstanden. Per Fähre verabschiedet sich die Familie in den Sonnenuntergang. Aber wohin nur? In Richtung niedersächsische Nordseeinseln fährt um die Uhrzeit jedenfalls keine Fähre mehr. Vielleicht zur Kaffeefahrt nach Helgoland? Das wäre dann Schleswig-Holstein, das Bundesland mit den wirklich schrecklichen Werbefilmen, für die sich selbst Niedersachsen fremdschämen. (Hier schreibt sogar eine Zeitung aus Bayern darüber)

Also, mal ehrlich, liebe Netzgemeinde: Kommt mal wieder runter. Es ist doch nur ein Film. Und schlechte Musik und noch schlechtere Story haben auch in anderen Fällen schon für eine Oscar-Nominierung gereicht. Beispielsweise für Pearl Harbor. Und wer jetzt wirklich wissen will, was Niedersachsen so ausmacht, dem sei Dieter Wischmeyer ans Herz gelegt. Denn der wusste schon: Am achten Tag schuf Gott Niedersachsen.


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