Rudelsingen wird Trend Kleine Stars und große Fans

Und jetzt alle im Chor: Rudelsingen gibt es mittlerweile in mehr als 50 Städten – Tendenz steigend.Fotos: Thomas OsterfeldUnd jetzt alle im Chor: Rudelsingen gibt es mittlerweile in mehr als 50 Städten – Tendenz steigend.Fotos: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Rudelsingen, das ist so etwas wie Karaoke – bei dem aber alle Anwesenden zum Mitmachen aufgerufen sind. Das Konzept erfreut sich immer größerer Beliebtheit.

Die treueste Sängerin ist früh da. Anderthalb Stunden muss sie noch warten, bis sie mit 250 anderen Sängern „What a Feeling“ singt; fürs Publikum ist die Lagerhalle noch zu. Im Saal des soziokulturellen Veranstaltungszentrums aber klebt Techniker Sersch Hinkelmann schon Namensschilder auf die Stühle vor der Bühne; die Sitzplätze sind allesamt reserviert, und das seit Wochen. Links auf der Bühne richtet sich Matthias Schneider, der Pianist, am Flügel ein, am rechten Bühnenrand baut David Rauterberg seinen Arbeitsplatz auf: ein Notenpult mit Laptop, ein Stativ mit dem Mikrofon für die Ansagen, hinten steht eine Gitarre. Das Bühnenzentrum bleibt frei für eine Leinwand, auf der das „Rudelsingen“-Plakat prangt: blau mit ein paar wulstigen Sternen und einem Retro-Gesangsmikrofon, das die nostalgische Anmutung des Plakats unterstreicht. Dieses Plakat wird aber gleich ausgeblendet und Platz machen für die Texte, mit denen sich 250 Menschen zweieinhalb Stunden lang aus dem Alltag heraus- und in ein kleines Glück hineinsingen.

Das „Rudelsingen“ ist ein Trip in die Vergangenheit, das Vehikel dorthin sind Schlager, Hits, Volkslieder. Der Reiseführer heißt David Rauterberg, und die Passagiere treiben den Zug gleichzeitig an: mit Liedern wie „SOS“ von Abba, „Griechischer Wein“ oder Baccaras Disco-Stampfer „Yes Sir, I Can Boogie“. Erlaubt ist alles, was sich auf jene Mittellage nivellieren lässt, in der sich die 85-jährige Oma genauso wohlfühlt wie die Enkeltochter mit 18, wo die paar Männer mitsingen können und vor allem: die vielen Frauen mittleren Alters. Sie machen den größten Teil des Publikums aus; Rauterberg aber macht alle glücklich. Aus voller Brust singen an diesem Freitagabend die Gäste und beklatschen sich begeistert nach jedem Stück. Hier ist jeder sein eigener kleiner Star und großer Fan in einem.

Seit 2011 lädt Rauterberg sangeswütige Menschen zum „Karaoke für alle“; so die griffige Formel für das Rudelsingen. Angefangen hat er in seiner Wahlheimat Münster, Osnabrück war der erste Außenposten, und mittlerweile erstreckt sich sein Wirkungskreis von Bonn bis Bremen, von Ahaus bis Braunschweig. Über fünfzig Städte hat er erobert. Mittlerweile fahren vier Teams durchs Land, das fünfte startet im März in Göttingen. Dabei hat Rauterberg den Trend nicht einmal begründet. Die Blaupause zum „Rudelsingen“ stammt aus Köln und heißt „Frau Höpker bittet zum Gesang“.

Vorkenntnisse unnötig

Das Geheimnis des Erfolgs: Die Freude am Singen verbindet Abiturientinnen, kaufmännische Angestellte, Lehrerinnen und Lehrer oder Rentnerinnen bei maximaler Unverbindlichkeit. „Mein Gesang reicht für die Badewanne und fürs Rudelsingen“, sagt eine Pädagogin, „Ich brauche keine Vorkenntnisse“, ein Elektrotechniker. Anders gesagt: Man muss nichts können und sich auf nichts verpflichten. Für neun Euro Eintrittsgeld erkauft man sich die Lizenz zum zwanglosen, angstfreien Singen in der Gemeinschaft. „Da sollten sich die Kirchen mal was abschneiden“, sagt eine rüstige Rentnerin. So mächtig dieser Vergleich hinkt, so unbestritten ist der Erfolg des Rudelsingens. Deshalb sollte man sich zeitig anmelden: Mitunter stehen hinter jedem Sänger drei weitere auf der Warteliste – das kennt man allenfalls von AC/DC-Konzerten oder von den Bayreuther Festspielen.

Alle Sängermasse kann indes nicht verhindern, dass der Gesang in der Lagerhalle auch mal ausdünnt. Bei einem Lied wie „Can’t Get You Out of My Head“ von Kylie Minogue trägt es doch manchen aus der Bahn. Aber wenn „La la la la la la la la“ auf der Leinwand steht, schwillt der Chor wieder zu voller Klangpracht an, genauso wie bei „Die Gedanken sind frei“ oder bei „Moskau“ von Dschingis Khan. Schwächelt der Chor, singt David Rauterberg ein bisschen lauter, damit der Zug in die Vergangenheit nicht stockt. Läuft alles gut, legt er eine zweite Stimme aus wohligen Küchenterzen über den Chorgesang.

Mit dem gepflegten Stoppelhaar, Jeans, Sakko und Headset könnte Rauterberg genauso gut einen Vortrag über das Austarieren der Work-Life-Balance halten. Ein bisschen versteht er sich auch so: als Entertainer, der seinem Publikum die Chance gibt, „sich die Woche von der Seele zu singen“.

Dafür stellt er die eigenen Musikeransprüche völlig hintan: „Ich bin aus dem Alter raus, mich produzieren zu müssen“, sagt er. Als ausgebildeter Sänger hat er in klassischen Vokalensembles gesungen, er hat Gospel-Workshops abgehalten und Tanzmusik gespielt. Heute veranstaltet Rauterberg pro Woche drei bis vier Rudelsingen, und den Namen hat er sich schützen lassen. In einem Franchise-Verfahren schickt er die anderen Teams auf Reisen; für zehn bis zwanzig Prozent der Abendeinnahmen nutzen sie den Namen und die Unternehmensplattform.

Kurz vor halb acht sitzt Rauterberg an einem der Bistrotische in der Osnabrücker Lagerhalle, isst einen Tomaten-Mozzarella-Toast. Dazu trinkt er ein Gläschen Sekt; ein festes Ritual: „Das muss sein“, sagt er. Zweieinhalb Stunden später sind die Rudelsänger beim „Last Waltz“ von Engelbert gelandet – und alle sind ein bisschen glücklicher.


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