Haftstrafe für Sicherungsverwahrten Urteil nach Vergewaltigung: Reinhard R.s letzter Auftritt

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Osnabrück. Vor dem Landgericht Osnabrück ist Reinhard R. schuldig gesprochen worden, im Mai 2014 in Lingen eine damals 13-Jährige sexuell missbraucht und vergewaltigt zu haben. R. nutzte den letzten Prozesstag, um mit Medien und Justiz abzurechnen.

Einen ganz kurzen Moment blitzte im neun Verhandlungstage dauernden Vergewaltigungsprozess gegen Reinhard R. durch, was für Auswirkungen das Verbrechen auf das Opfer hatte: Tränenüberströmt stand es nach der Aussage unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Tür zum Gerichtssaal, um der Form halber als Zeugin vom Vorsitzenden Richter entlassen zu werden. Ein gebrochenes Mädchen.

10.000 Euro Schmerzensgeld

In der Nacht zu ihrem 14. Geburtstag war sie nach Überzeugung des Gerichts sexuell missbraucht und vergewaltigt worden von dem damals 51-jährigen Insassen der JVA Lingen auf Freigang. Einem Sicherungsverwahrten, der nicht sicher verwahrt war. Er floh danach für mehrere Tage. Am Mittwoch sprach die Große Jugendkammer am Landgericht das Urteil: vier Jahre und neun Monate Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung und 10000 Euro Schmerzensgeld für das Opfer.

„Verkapptes Nazischwein“

Sofern das Urteil rechtskräftig wird, war es für lange Zeit der letzte Auftritt von Reinhard R. in der Öffentlichkeit. Auf diesen aber schien er sich gut vorbereitet zu haben: Nachdem sein Verteidiger Frank Otten in seinem Plädoyer ein Jahr und neun Monate Haft gefordert hatte, setzte der heute 52-Jährige zur Abrechnung an. Die anwesenden Pressevertreter beschimpfte er als „Pack“, in Richtung Staatsanwaltschaft sagte er, wer die Sicherungsverwahrung anwende, sei ein „verkapptes Nazischwein“.

Und später bei der Begründung des Urteils fiel R. dem Vorsitzenden Richter Franz-Michael Holling ins Wort, als der die Vorstrafen erwähnte: „Lügen Sie hier nicht vor Gericht“, herrschte er den Richter an und wartete erneut mit einem Nazivergleich auf. Holling drohte, R. aus dem Gerichtssaal werfen zu lassen, und setzte dann unbeeindruckt fort.

Stück für Stück zerlegte er die Behauptung R.s, ein Bekannter habe sich an dem Mädchen vergangen. Unter anderem spräche die Opferaussage dagegen. Ebenso DNA-Spuren von R ., die im Intimbereich des Mädchens gefunden wurden.

„Ohne Reue und Empathie“

„Beim Angeklagten handelt es sich um eine dissoziale Persönlichkeit“, so der Richter. Er sei „ohne Reue und Empathie für seine Opfer“. Aus forensischer Sicht sei R. ein Psychopath. „Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um einen Pool persönlicher Eigenschaften.“ Eine Unterbringung in der Psychiatrie käme daher nicht infrage. Wohl aber eine Sicherungsverwahrung. Die Voraussetzungen dafür erfülle R. mehrfach. Die Wahrscheinlichkeit, dass der 52-Jährige wieder ein Sexualdelikt begehe, liege bei 80 Prozent, hatte ein Gutachter im Prozess gesagt . R. nahm die Ausführungen da nur noch gleichmütig hin, der Blick ging aus dem Fenster des Gerichts. Die nächsten Jahre seines Lebens wird er vor allem durch Gitter schauen. Nach Verbüßung der Haftstrafe kommt R. erneut in Sicherungsverwahrung.

Kritik an Medien

Opfer-Anwältin Birte Wolken-Lammers zeigte sich „sehr zufrieden“ mit dem Urteil. Sie hoffe, ihre Mandantin könne nun zur Ruhe kommen. Neben der Tat hatte ihrder Medienansturm nach dem Verbrechen zugesetzt. Ein Umstand, den auch Holling kritisierte. Er erinnerte an die Kamerateams, die das Elternhaus belagert, bis die Familie aus Lingen floh . Es seien Grenzen überschritten worden.

Ob die Familie jetzt zur Ruhe kommen kann, hängt auch von Reinhard R. ab. Eine Woche hat er Zeit, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. Dann müsste sich der Bundesgerichtshof mit dem Fall befassen.


Eine Chronologie der Ereignisse:

Donnerstag, 29. Mai: Reinhard R. verlässt die JVA Lingen unter der Auflage, sich täglich um 10 Uhr zur Drogen- und Alkoholkontrolle zu melden. Darüber hinaus muss er ein Handy mit sich führen. Der Langzeit-Freigang ist bis zum 1. Juni genehmigt. Zuvor waren ihm bereits an die 200 Freigänge genehmigt worden. Zu Zwischenfällen soll es dabei nicht gekommen sein.

Freitag, 30. Mai: R. meldet sich morgens zur Kontrolle. Am Abend vergeht er sich laut Staatsanwaltschaft sexuell an einem 13-Jährigen Mädchen in der Wohnung eines Bekannten. Dieser Bekannte ist vorzeitig aus der Haft entlassen und verbringt den Rest seiner Freiheitsstrafe wegen Kindesmissbrauchs auf Bewährung. Er selbst soll in Lingen in einer Beziehung zu einer Minderjährigen leben.

Samstag, 31. Mai: R. erscheint morgens erneut zur Kontrolle in der JVA. Gegen Abend bringt das Opfer gemeinsam mit seinen Eltern die mutmaßliche Vergewaltigung bei der Polizei in Lingen zur Anzeige.

Sonntag, 1. Juni: R. meldet sich morgens telefonisch in der JVA. Offenkundig hat er zu diesem Zeitpunkt bereits Kenntnis von der Anzeige – woher ist bislang unklar. Im Gespräch mit einem Mitarbeiter der JVA äußert R. Suizidgedanken, kündigt dennoch seine Rückkehr ins Gefängnis an, bleibt dann aber fern. Der heute 52-Jährige taucht ab. Eine Ortung des Handys ist bis zu diesem Zeitpunkt nicht erfolgt. Die Polizei informiert zudem nicht die Öffentlichkeit.

Montag, 2. Juni:Der Unterausschuss für Justizvollzug sowie der Ausschuss für Rechts- und Verfassungsfragen im niedersächsischen Landtag werden über die Flucht informiert. Um 15.48 Uhr steht die Technik zur Ortung des Handys zur Verfügung. Da das Mobiltelefon aber ausgestellt ist, gelingt dies nicht.

Dienstag, 3. Juni: Staatsanwaltschaft Osnabrück und Polizei Lingen starten eine Öffentlichkeitsfahndung. Bilder von R. werden veröffentlicht. Die Staatsanwaltschaft stuft R. als „hochgefährlich“ ein. Aus der Politik wird Kritik laut, warum die Öffentlichkeit erst so spät über die Flucht informiert worden sei.

Mittwoch, 4. Juni, bis Freitag, 6. Juni:Die Fahndung läuft. Zahlreiche Hinweise zum möglichen Aufenthaltsort von Reinhard R. gehen bei der Polizei im Emsland ein, die meisten erweisen sich als falsch. In Hannover entbrennt eine politische Debatte um den Umgang mit Sicherungsverwahrten. Das Justizministerium will die Verlegung sämtlicher Schwerverbrecher in das Spezialgefängnis in Rosdorf prüfen.

Samstag, 7. Juni: Gegen 13 Uhr wird Reinhard R. in Emmerich am Rhein festgenommen. Die Ortschaft in Nordrhein-Westfalen liegt in der Nähe der Niederlande. Wie später bekannt wird, hat R. in der JVA angerufen und seinen Standort mitgeteilt. Durch das Aktivieren des Handys gelang es der Polizei zudem, das Handy des Straftäters zu orten.

Montag, 6. Oktober: Die Staatsanwaltschaft Osnabrück erhebt Anklage gegen den Sicherungsverwahrten. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch eines Kindes in Tateinheit mit Vergewaltigung.

Dienstag, 9. Dezember: Vor der Jugendkammer am Landgericht Osnabrück beginnt der Prozess. Als Nebenklägerin nimmt die Mutter des Opfers an dem Verfahren teil. Insgesamt neun Termine hat die Kammer anberaumt.

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