Forscher warnt vor Altersarmut Warum in West-Niedersachsen weniger verdient wird

Von Dirk Fisser

Weniger Einkommen haben die Menschen in West-Niedersachsen – zumindest statistisch. Foto: dpaWeniger Einkommen haben die Menschen in West-Niedersachsen – zumindest statistisch. Foto: dpa

Osnabrück. Wäre der wirtschaftliche Erfolg der Region Weser-Ems eine Medaille, sie hätte zwei sehr unterschiedliche Seiten: Auf der einen Seite glänzen einzelne Landkreise mit Arbeitslosenquoten, die nahe an der Vollbeschäftigung liegen. Auf der anderen Seite steht die Statistik über das pro Kopf verfügbare Einkommen: In der Region haben die Menschen teilweise deutlich weniger Geld in der Tasche als im restlichen Niedersachsen.

Das Landesamt für Statistik in Hannover spricht vom verfügbaren Einkommen. Hinter dem sperrigen Begriff steht im Prinzip der Geldbetrag, den die Menschen pro Kopf und pro Jahr nach Abzug sämtlicher Steuern und Abgaben übrig haben. Die Summe also, mit der sie Einkäufe tätigen oder das Sparschwein füttern.

Dem durchschnittlichen Niedersachsen blieben demnach – die jüngsten Daten stammen aus dem Jahr 2012 – 20094 Euro. Der Mittelwert für die Region Weser-Ems lag hingegen bei 19576 Euro – und das auch nur, weil die Städte Osnabrück (21505) und Oldenburg (20146) sowie die Landkreise Osnabrück (20717), Ammerland (21178) und Vechta (21639) den Wert deutlich nach oben zogen.

Verfügbares Einkommen der Niedersachsen


Quelle: LSN; Karte: Google/Sanders

Die Mehrheit der Landkreise aus dem Raum Weser-Ems, nämlich zehn, findet sich am unteren Ende der Statistik. Genauer gesagt am untersten Ende. Der Landkreis Leer mit einem Einkommen von 17151 Euro pro Jahr bildet mit Abstand das Schlusslicht. Wer hier lebt, dem stehen laut Statistik 15 Prozent weniger Geldmittel zur Verfügung als dem durchschnittlichen Niedersachsen.

Nicht viel besser steht es um die Grafschaft Bentheim mit einem Mittelwert von 17778 Euro – gleichbedeutend mit dem vorletzten Platz. Auch Aurich (18385), Delmenhorst (18466) und das Emsland (19048) finden sich in der unteren Hälfte.

Es fällt also auf: Der äußerste Westen ist nicht nur im Raum Weser-Ems, sondern im gesamten Bundesland so etwas wie das Armenhaus von Niedersachsen – etwas überspitzt formuliert. Diese Erkenntnis passt nicht ganz zu der Erfolgsgeschichte einer Region, die in Teilen eine Arbeitslosenquote nahe der Vollbeschäftigung verzeichnet. Passt das wirklich nicht zueinander? Ja.

Daniel Schiller vom Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung (NIW) hat sich die Struktur der Region Weser-Ems genauer angeschaut, und auch ihm ist der vermeintliche Widerspruch aufgefallen. Die Ursache für das auffällig geringe Einkommen liegt seiner Erkenntnis nach im hohen Grad einfacher Tätigkeiten, die folglich auch schlechter bezahlt sind.

Leuchttürme blenden

Zwar prägen industrielle Leuchttürme wie die Meyer Werft, Volkswagen, Enercon oder Krone das Bild der Wirtschaft in West-Niedersachsen. Doch faktisch stehen die meisten Menschen andernorts in Lohn und Brot. Schiller nennt beispielsweise die Agrar- und Ernährungsindustrie mit vielfach weniger gut bezahlten Jobs.

Auch der Arbeitsagentur für die Grafschaft Bentheim und das Emsland ist der Mangel an Top-Jobs nicht entgangen. Agenturgeschäftsführer Hans-Joachim Haming zählt etwa die Chemie- und Pharmaziebranche auf, die in der Region so gut wie komplett fehle. Und auch besser bezahlte Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor seien selten. Die gelten unter anderem als ursächlich dafür, dass die Städte Osnabrück und Oldenburg im Vergleich gut abschneiden.

Ganz unkommentiert wollen die Landkreise die Statistik auch nicht lassen. Im Kreishaus in Meppen wird auf Nachfrage daran erinnert, dass es in der Region viele kinderreiche Haushalte gebe. Das bedeute: Das vorhandene Einkommen muss auf mehr Köpfe verteilt werden. Aus Nordhorn wird zudem betont, dass die Frauenbeschäftigungsquote in der Region unterdurchschnittlich sei. Es gibt also viele kinderreiche Familien mit nur einem Einkommen. Das drücke den Durchschnittswert erheblich. Zugleich seien die Lebenshaltungskosten im Westen geringer als andernorts. Mieten und Grundstückspreise lägen deutlich unter dem Landesschnitt.

Magnetwirkung

Doch gerade das geringe Einkommen gilt auch als mitursächlich für den wirtschaftlichen Aufschwung, den die Region in den vergangenen Jahrzehnten hingelegt hat. Daran erinnert etwa die Arbeitsagentur. Geschäftsführer Haming sagt, geringe Löhne seien wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit einer Region. Und er erinnert an die Magnetwirkung: „Geringe Löhne wirken sich positiv auf die Standortwahl aus und können zu einer Ausweitung der Zahl der Beschäftigten führen.“ Zudem sicherten sie die Wettbewerbsfähigkeit von Firmen. Aber: Fachkräfte ließen sich mit solch geringen Löhnen nur schwer halten oder von außen anwerben, „da für die Attraktivität einer Region das Lohnniveau eine wesentliche Rolle spielt“, sagt Haming.

Struktur krisenanfällig

Aus gleich mehreren Gründen mahnt NIW-Forscher Schiller eine Abkehr vom bisherigen Erfolgsmodell an: weg von billigen hin zur Produktion von teureren Produkten. Die jetzige Struktur sei krisenanfällig. In guten wirtschaftlichen Zeiten profitierten die Kommunen zwar von sprudelnden Gewerbesteuern. Läuft es aber mal nicht so gut, versiege diese Geldquelle zügig. Stabiler sei da schon die Einkommensteuer. Die bleibe konstant und biete Planungssicherheit – zumindest so lange keine Entlassungen anstünden. Weil die Löhne in Teilen der Region Weser-Ems aber so gering seien, sei dementsprechend auch die Einkommensteuer niedrig.

Altersarmut droht

Zudem betont Schiller, dass die lange Zeit überdurchschnittlich hohe Geburtenrate in West-Niedersachsen mittelfristig zum Verhängnis werden könnte. Mit Zeitverzug werde im Westen des Landes das zu beobachten sein, was Süd-Niedersachsen bereits seit Jahren plagt: eine Vergreisung der Gesellschaft. Hier werde dann das geringe Einkommen wieder eine Rolle spielen, das dereinst Weser-Ems boomen ließ, warnt Schiller: Wer wenig verdient hat, bekommt später eine kleine Rente. „Es droht in der Zukunft also verstärkt Altersarmut.“ Mit privater Vorsorge jedenfalls dürfte sich dieser Effekt nicht ausgleichen lassen. Wer wenig verdient, kann schließlich nur wenig zur Seite legen.


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