zuletzt aktualisiert vor

„Der Boykott ist Schrott“ 4 000 Schüler demonstrierten in Hannover für Klassenfahrten


Hannover. Die Erhöhung der Unterrichtszeit für Gymnasiallehrer in Niedersachsen sorgt bei Pädagogen und Schülern für Unmut. In Hannover demonstrierten am Mittwoch rund 4000 Schüler für ein Ende des Klassenfahrtboykotts der Lehrer.

Am Schiffgraben in Hannover wurde es laut. Knapp 4 000 Schüler zogen am Mittag mit Transparenten und Plakaten vor dem Kultusministerium auf und skandierten immer wieder: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Fahrten klaut!“. Und ein paar Häuser weiter, vor dem Sitz des Philologenverbandes, wurde die zentrale Forderung der Demonstranten noch drastischer: „Hört auf mit dem Schwachsinn des Klassenfahrt-Boykotts !“, rief Tim Denecke aus Barsinghausen unter dem Jubel der jungen Kundgebungsteilnehmer.

Aus ganz Niedersachsen waren vor allem junge Gymnasiasten – darunter auch etwa 400 aus dem Bereich Osnabrück/Emsland - in die Landeshauptstadt gereist, um gegen den an Schulen weit verbreiteten Verzicht auf Klassen- und Kursfahrten zu protestieren. Insbesondere Gymnasiallehrer reagierten mit diesem Boykott auf die Entscheidung der Landesregierung, die Arbeitszeit für Lehrkräfte an Gymnasien um eine Unterrichtsstunde pro Woche aufzustocken. (Weiterlesen: Fragen und Antworten rund um die Arbeitszeitreform finden sie hier)

Ihrem Unmut über den Ausfall der beliebten Klassenreisen machten nun die Schüler mit einem Demonstrationszug durch Hannovers Innenstadt Luft. „Gegen den Boykott, wir brauchen unsere Fahrten“, „Boykott ist Schrott!“ und „Klassenfahrten sind klasse!“ stand zum Beispiel auf einigen Transparenten zu lesen.

Tjark Melchert, stellvertretender Vorsitzender des Landesschülerrates und Organisator der Protestaktion, wertete die große Resonanz auf den Demonstrationsaufruf als „klares Zeichen gegen den Fahrtenboykott“. Rund 14 000 solcher Ausflüge seien im letzten Jahr in Niedersachsen gestrichen worden – und das sei jammerschade: Klassenfahrten stärken den Zusammenhalt, erweitern die Erfahrung und erleichtern neue Einblicke“, beschrieb der 17-Jährige aus Gifhorn den Wert dieser Reisen.

Melchert stellte aber auch klar, dass die Protestaktion „eine Demo für Klassenfahrten, aber keine Demo gegen unsere Lehrerinnen und Lehrer“ darstelle. Er forderte im Konflikt zwischen Landesregierung und Pädagogen eine Lösung, „die nicht auf dem Rücken der Schüler ausgetragen wird“.

Andere Sprecher formulierten es ähnlich. Wie Fynn Audomeit aus Oldenburg. „Wir machen nicht einseitig die Lehrer oder die Landesregierung für die Situation verantwortlich, aber wir Schüler sind die Leidtragenden dieses Konflikts. Das ist unfair“. Seine Mitschülerin Friederike Krumm-Möller schlug in dieselbe Kerbe: „Es muss Schluss sein mit der Instrumentalisierung der Schüler“. Die gemeinsame Forderung: Es sollte umgehend ein konstruktiver Dialog zwischen Lehrern und Landesregierung aufgenommen werden.

Dieses Ansinnen trugen Vertreter der Demonstranten auch Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) direkt vor: Die Politikerin empfing fünf Schüler zu einem Gespräch in ihrem Büro. Die Politikerin äußerte dabei ihr Bedauern über den Ausfall vieler Klassenfahrten und appellierte an die Lehrkräfte, auf einen Boykott zu verzichten. „Die Schülerinnen und Schüler haben mich an ihrer Seite, wenn es um Klassenfahrten geht“, versicherte Heiligenstadt.

Beim Philologenverband gab es hingegen keinen Austausch zwischen Verbandsvertretern und Demonstranten. Und so machten Jugendliche wie Tim Denecke oder Timon Dzienus von der Grünen-Jugend ihren Forderungen per Lautsprecher Luft: „Der Philologenverband mit sofort mit dem Boykott aufhören!“, hieß es.

Am Ende zeigten sich Sprecher der Schüler durchaus zufrieden. „Ich bin optimistisch, dass unsere Aktion etwas bewirkt“, meinte Melchert.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN