Erinnerungen aus Belm Weihnachten 1914: „Nun war mit einmal Frieden im Krieg“



Osnabrück. Er hatte geglaubt, der Krieg würde ein Spaziergang. Drei Wochen vielleicht und dann die große Siegesparade. Aber Weihnachten 1914 war Wilhelm Jürgens immer noch an der Front. Die Kälte, der Schützengraben, die ständige Angst. Dann das Wunder. Der Soldat schrieb an seine Familie in Powe: „Nun war mit einmal Frieden im Krieg.“

Ein Pfeifenkopf auf einem Flohmarkt an der Halle Gartlage brachte Manfred Magnor auf die Spur. Weißes Porzellan, bunt bemalt und über 100 Jahre alt. Dazu gehörte ein Karton mit 500 Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg, alle verfasst von drei Brüdern aus Powe und ihren Eltern. Der frühere Uni-Mitarbeiter griff zu. Ihn interessierten die „Spuren eines untergegangenen Lebens“, wie er sagt.

Diese Spuren führten von Powe, das damals noch nicht zu Belm gehörte, nach Reims und Peron, nach La Bassée und Arras, überallhin, wo die Söhne der Familie Jürgens kämpfen mussten. Manfred Magnor arbeitete sich durch die Briefe und erfuhr viel über Hunger und Schikane, über Gottvertrauen und Friedenssehnsucht. Was ihn anrührte, waren die menschliche Wärme und die Herzlichkeit zwischen den Söhnen an der Front, ihren Eltern und den beiden Schwestern zu Hause.

Ergreifend sind für Manfred Magnor die Schilderungen von Wilhelm, dem mittleren Sohn der Familie Jürgens. Der 24-jährige Gefreite war gleich zu Kriegsbeginn im August 1914 von der Artilleriekaserne auf dem Westerberg nach Nordfrankreich geschickt worden. Die zeittypische Kriegsbegeisterung ist bei Wilhelm kaum zu spüren, allerdings stellt er den Krieg auch nicht infrage.

Weihnachten vor 100 Jahren ist er dabei, als deutsche, englische und französische Soldaten die Waffen ruhen lassen und feststellen, dass auch die Männer auf der anderen Seite Menschen sind, die am liebsten bei ihren Familien wären. Aus Wilhelm Jürgens’ ausführlicher Schilderung schimmert die Frage durch, welchen Sinn dieser Krieg eigentlich hat.

„Es fielen Tränen auf beiden Seiten, dass am ersten Weihnachtstag nun Frieden herrschte“, schreibt der junge Mann auf seine schlichte und doch prägnante Art. Wilhelm Jürgens ist bewegt von der Begegnung mit dem „Feind“. Der Brief vom 25. Dezember ist für seine Verhältnisse ungewöhnlich lang.

Ein paar Tage später antwortet der Vater: „Wir besprechen jetzt alle Deinen Brief.“ Doch die Hoffnung auf Frieden erfüllt sich noch lange nicht. Und Weihnachten 1915, bei La Bassée, wird wieder aus allen Rohren geschossen: „Die Engländer haben dieser Tage viel Munition verballert ...“, schreibt Wilhelm an seine Familie. Ein Jahr später notiert er beklommen: „Das 3. Weihnachtsfest im Felde zu sein macht gewiss keine Freude mehr.“ Auch 1917 findet sich kein Hinweis, dass die Waffen wenigstens für einen kurzen Moment ruhen.

Immer wieder erlebt der Frontkämpfer aus Powe den Tod ganz nah. Im April 1915 bekommt er das Eiserne Kreuz, später wird er bis zum Vize-Wachtmeister befördert. Am 14. Mai 1915 berichtet er von einem Gasangriff: „Es ist eine nebelartige Wolke, die sich langsam über die Erde hinwegwälzt. Aber dafür haben wir ja diese Schutzmasken.“

„Schlimme Tage für uns“, heißt es im September 1915, abermals nach einem Gasangriff der Engländer, „...aber wir können ja froh sein, dass wir mit dem Leben davongekommen sind, denn durch die giftigen Gase sind ja viele in Gefangenschaft geraten oder betäubt und gestorben.“

Mit unglaublicher Gefasstheit nahmen die Eltern und Geschwister in Powe solche Nachrichten auf. Der Glaube an Gott half der evangelischen Familie, Schicksalsschläge zu überwinden. Wilhelms jüngerer Bruder Heinrich wurde vom Militär nach Hannover geschickt und klagte, dass es für die Rekruten dreimal in der Woche abends nichts zu essen gebe. „Schickt mir Brot!“, bat er seine Eltern, „ein Stück Vieh wird bei ordentlichen Leuten besser behandelt.“

Doch dann wurde Friedrich in Frankreich verwundet und starb wenig später. So übernahm Wilhelm die väterliche Tischlerei in Powe und führte sie bis zu seinem Tod 1958. Die Gebäude an der Bremer Straße verschwanden 2001 von der Bildfläche. Heute befindet sich auf dem Gelände die Tankstelle von Marktkauf.


... denn die Franzosen sind diesen Krieg auch ewig leid:

„... Damit war dann der Heilige Abend im Ende... Am 1. Weihnachtstag war die Losung ja wieder den Feind aufs Auge zu nehmen im Stillen dachte man ja an die Heimat und hörte Glocken hoch vom Kirchturm schallen, aber es war ein anderer Tag wir mussten wieder zu dem Feind unser Auge lenken.

Aber da haben wir dann eine wirkliche Weihnachtsfreude erlebt, gegen 7 Uhr kömmt durch unser Telephon die Franzosen singen Parole Heimat Reserve hat Ruh, wir wollten es erst nicht glauben .... Auch kömmen bald die Antwort Kamerad nicht schießen wir auch nicht schießen wie ein Blitz zuckte es durch unseren Schützengräben die ja an einigen Stellen nur 200 m auseinander liegen. Nun war mit einmal Frieden im Krieg und nun ging ja das Hurra rufen los. Alles war nun friedliche Stimmung alles ging nun bis zur Hälfte herüber und jeder begrüßte sich nun als Kamerad und Freund es fielen Tränen auf beiden Seiten dass am ersten Weihnachtstag nun Frieden herrschte. Wir brachten nun Cigarren und Tabak herüber, und die Franzosen brachten Wein mit. Eine Freude war es ja für uns mal ein paar Stunden in Frieden zu leben dazu war es dann ein schöner ruhiger und sonniger Tag und die Glocken von Reims läuteten in friedlicher Stimmung... Diese Unterhaltung dauerte dann ungefähr 2 Stunden lang wobei kein Schuss fiel auf der ganzen Linie... und so verlief der Tag aufs friedlichste.

Bis auf den 1. Weihnachtstag war so ein friedlicher Tag noch nie dagewesen eine Ahnung von Krieg war überhaupt verschwunden ein jeder fühlte sich richtig frei und sicher als wenn keine Kugel uns treffen könnte, und die Franzosen haben uns gebeten doch diesen Tag als Friedenstag anzusehen... Als Freunde sind wir auseinander gegangen und wollen bald hoffen dass nach diesem Tag bald die Friedensglocken läuten..., denn die Franzosen sind diesen Krieg auch ewig leid.

Sie sagen wir möchten aufhören denn es wäre kalt in Schützengraben und sie möchten auch gerne nach ihren lieben Frauen, Kindern, Eltern, Brüdern und Schwestern, es waren Stunden der Trauer und wieder der Freude.

Am 2. Weihnachtstag ist wieder wie immer. Die Schießerei beginnt am frühen Morgen und dauert den ganzen Tag fort. Aber bald wird dieser Schreck ja wohl vorbei sein. Und wir wieder in die Heimat zurückkehren.“

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN