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16.12.2014, 14:32 Uhr KOLUMNE

Die Herkunft gehört bei Straftaten nicht in die Presse

Von Jörg Sanders



Osnabrück. Woher stammen die Täter, die für Einbrüche in der Region verantwortlich sind? Diese Frage beantwortete unsere Redaktion am Dienstag. In diesem Zusammenhang ist die Beantwortung der Frage nach der Herkunft unumgänglich; in einigen anderen ebenfalls. Meistens aber hat sie in der Berichterstattung über Verbrechen in der Regel nichts verloren.

Die große Mehrheit der Einbrecher der Region sind: Deutsche. Das belegt die Statistik der Polizeidirektion Osnabrück. Aber ist die Nationalität des Täters bei einem Einbruch relevant? Macht es einen Unterschied, ob ein Deutscher oder ein Türke in eine Wohnung einbricht? Oder ein Deutscher mit Migrationshintergrund? Was ist mit einem Schweden? Klaut „der Türke“ oder „der Schwede“, weil er türkisch oder schwedisch ist? Wohl nicht. Vielmehr dürften zum Beispiel Milieu und familiäre Verhältnisse entscheidend sein.

Die Erwähnung der vermuteten Herkunft ist für eine Tat in der Regel unerheblich. Sie zu erwähnen, widerspricht dem Pressekodex des Presserats. In der Richtlinie 12.1 heißt es: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“ – und zwar aus dem einfachen Grunde: „Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte“, heißt es im Kodex weiter.

Der einarmige Bandit

Wenn das Aussehen oder die mutmaßliche Sprache (erkennen Sie Serbisch?) eines Täters für die Aufklärung einer Tat relevant ist, bleibt dies nicht unerwähnt. Hat etwa eine schwarze Person einen Taxifahrer ausgeraubt, ist seine Hautfarbe ein Erkennungsmerkmal. Raubt ein einarmiger, mutmaßlich Deutscher den Taxifahrer aus, bleibt seine Behinderung ebenso nicht unerwähnt.

Wie sieht ein Osteuropäer aus?

Anders verhält es sich, wenn vom süd- oder osteuropäischem Aussehen die Rede ist. Diese vagen Formulierungen finden sich gelegentlich in Pressemeldungen der Polizei. „Wir versuchen schon, möglichst sensibel damit umzugehen“, versichert Georg Linke, Pressesprecher der Polizei Osnabrück. Tatsächlich findet sich der Süd- oder Osteuropäer selten in Pressemeldungen der Osnabrücker Polizei. Bei den Beschreibungen bezögen sich die Beamten auf Zeugenaussagen. „Wir geben das nur an, wenn es hilft“, sagt Linke. Ob es hilft, „kann ich nicht sagen“, so der Sprecher. Dazu kenne er keine Statistik.

Wie sieht überhaupt „der“ Südeuropäer aus? Dunkler Teint und schwarze Haare? Diese Beschreibung passt auch auf Moritz Bleibtreu, deutscher Schauspieler österreichischer Eltern. Ist er der „typische“ Spanier, Grieche oder Türke? Ist der Türke überhaupt Südosteuropäer?

Selbstzensur?

Kritiker werfen der Presse vor, der Selbstzensur zu unterliegen. So forderte im vergangenen Jahr der Professor für Journalistik an der Uni Dortmund, Horst Pöttker, die Richtlinie 12.1 des Pressekodex‘ bei Straftätern aufzuheben. Er führt unter anderem an, die Persönlichkeitsrechte der Täter würden dennoch gewahrt, schließlich seien sie nicht identifizierbar. Doch darum geht es nicht.

Es geht um die Pflicht der Medien, ethnische und religiöse Gruppen vor Stigmatisierungen und dem Schüren von Ängsten und Vorurteilen á la „alle Ausländer sind kriminell“ zu schützen, indem dieses Merkmal nicht hervorgehoben wird, wenn es für die Tat nicht relevant ist. Beim Ehrenmord also sehr wohl, bei der Bandenbildung gegebenenfalls, bei der Prügelei zweier Betrunkener nicht. Ansonsten: Wind in den Segeln Rechtsextremer.

Wünschenswert ist es allerdings, den Begriff „Minderheit“ in der Richtlinie 12.1 des Pressekodex‘ durch den der Gruppe zu ersetzen. Da Ende 2013 20,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund hatten, wirkt der Begriff der Minderheit zunehmend unpassend.


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