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Gutachten: Zwölf verdächtige Todesfälle Morde auch in Oldenburg? Pfleger erhielt gutes Zeugnis


dpa/kfr Oldenburg. Der wegen mehrfachen Mordes angeklagte Pfleger Nils H. hat nach einer Untersuchung des Klinikums Oldenburg möglicherweise zwölf weitere schwer kranke Menschen getötet. Das geht aus einem Gutachten hervor. Von seinem Arbeitgeber hatte der Pfleger damals trotz Bedenken ein gutes Zeugnis bekommen.

Im Auftrag des Oldenburger Klinikums hatte ein Gutachter alle Sterbefälle während der Dienstzeit des Pflegers zwischen 1999 und 2002 in Oldenburg untersucht. „Die Untersuchungen kommen leider zu dem Schluss, dass Nils H. bereits im Klinikum Oldenburg für Todesfälle verantwortlich ist“, sagte Klinikleiter Dirk Tenzer bei der Vorstellung der Ergebnisse am Dienstagmittag. „Auch bei uns hat es zwölf Sterbefälle gegeben, die darauf hindeuten, dass es ein Eingreifen von außen gegeben hat. Darüber sind wir zutiefst erschüttert“, sagte Tenzer. „Ob diese Fälle Herr H. zur Last gelegt werden können, kann und darf ich an dieser Stelle nicht beantworten.“ Bei sieben Todesfällen sei mit hoher Sicherheit von Fremdeinwirkung auszugehen, sagte der Gutachter. Fünf weitere würden sich „im Graubereich bewegen“. Doch sei deren Erwähnung, in Anbetracht der Umstände, notwendig.

„Ein ungutes Gefühl“

Es hätte „eine deutliche Massierung ab Dezember 2000 gegeben“, in jener Zeit, als der Pfleger auf der Intensivstation gearbeitet hätte, erklärte der Geschäftsführer der Klinik.. „Das Klinikum hatte seinerzeit Hinweise, Auffälligkeiten, ein ungutes Gefühl und vielfach auch die Überzeugung, dass hier etwas nicht stimmt“, sagte Tenzer. Doch habe es sich bei den Todesfällen einerseits um Schwerkranke gehandelt hätte und andererseits sei die Sterberate nicht auffällig hoch gewesen. „Erst mit dem Stand heute, können wir die Ursachen erkennen“.

Nils H. muss sich seit September vor Landgericht Oldenburg wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs verantworten. Er soll Patienten im Klinikum Delmenhorst ein Medikament gespritzt haben, das tödliche Herz- und Kreislaufprobleme auslösen kann. Inzwischen ermittelt eine Sonderkommission in mehr als 100 Fällen. Bevor der Krankenpfleger in Delmenhorst anfing, arbeitete er von 1999 bis 2002 am Klinikum Oldenburg.

Mehr Reanimationen

Tenzer räumte ein, dass es hinter vorgehaltener Hand im Klinikum Oldenburg durchaus ein Thema gewesen sei, dass die „Häufigkeit von Reanimationen höher war, wenn Nils H. anwesend war.“ Es hätte auch „immer wieder Kritik“ an dessen Verhalten gegeben. Ein Mitarbeiter hätte über den Pfleger gesagt, er habe „ein Verhalten wie auf dem Fußballplatz an den Tag gelegt. Er drängte sich in den Vordergrund und war regelrecht süchtig nach Anerkennung.“ Normalerweise würde bei einem Reanimationsvorgang ruhig und konzentriert gearbeitet. „Viele haben das Verhalten von Herr H. erst nach dessen Weggang wahrgenommen.“

Dennoch habe Nils H. ein gutes Arbeitszeugnis erhalten: „Dieses Zeugnis hätte nicht in dieser Form, ausgestellt werden müssen“, sagte Tenzer. Andererseits seien die Taten nicht zweifelsfrei erkannt gewesen. „Hieb- und stichfeste Beweise lagen nicht vor.“ Der Klinik-Geschäftsführer dementierte aber, dass Nils H. weggelobt worden sei. „Ein gutes Zeugnis galt in der Praxis als Normalfall. Dessen Aussagekraft ist daher eingeschränkt.“

Üble Nachrede

Zwar sei man froh gewesen, dass er gegangen ist, sagte Tenzer, doch hätten die Kollegen in Delmenhorst nicht aus eigener Initiative über Auffälligkeiten informiert werden können. „Was wir nicht dürfen, ist einen Nachfolgearbeitgeber anzurufen und ihm sagen, dass mit dem Bewerber etwas nicht stimmt.“ Auch deshalb, weil die Sachlage nicht eindeutig gewesen sei – und wäre sie es gewesen, dann nicht die Erwähnung im Arbeitszeugnis die einzig logische Antwort darauf. „Hätten wir Beweise gehabt, hätten wir die Behörden informiert.“ Das hätten Arbeitsgerichte als „üble Nachrede“ werten können. Eine Nachfrage aus Delmenhorst, auf welche man hätte „Rede und Antwort“ stehen müssen, sei nicht erfolgt. Doch seien solche Nachfragen auch unüblich.

Großes Leid für die Angehörigen

„Für uns stehen jetzt die Verstorbenen im Vordergrund“, sagte Tenzer. „Ich kann die Geschehnisse nicht ungeschehen machen, auch wenn dies mein innigster Wunsch wäre. Ich bedauere, dass den Angehörigen jetzt zusätzliches Leid zugefügt wird.“ Die Klinik wolle nun zeitnahe auf die Hinterbliebenen zugehen, um wenigstens schnell Lösungen für Entschädigungen zu suchen. „Wir haben bereits Kontakt mit unserem Versicherer aufgenommen“, sagte Tenzer.


Morde in Krankenhäusern und Pflegeheimen

Im Krankenhaus oder Altenheim suchen viele Menschen Hilfe – einige werden getötet. Beispiele für Helfer als Mörder:

2014: Am Münchner Uni-Klinikum wird im Juli eine Hebamme wegen Mordversuchs im Kreißsaal verhaftet. Bei Kaiserschnittgeburten soll sie viermal versucht haben, Frauen mit blutverdünnenden Mitteln zu töten.

2010: Wegen Mordes und Mordversuchs verurteilt das Landgericht Dresden eine Krankenschwester zu lebenslanger Haft. Die 33-Jährige tötete mehrere Menschen mit zu hoch dosiertem Insulin.

2007: Wegen fünffachen Mordes an schwer kranken Patienten wird eine ehemalige Krankenschwester der Berliner Charité zu lebenslanger Haft verurteilt. Die 55-Jährige brachte ihre Opfer mit Medikamenten um.

2006: Eine 27-jährige Pflegerin wird wegen des Todes von neun älteren Frauen in einem Altenheim in Wachtberg bei Bonn verurteilt. Laut Gericht erstickte sie die geschwächten Frauen meist mit Kissen.

2006: Der „Todespfleger“ von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis. Nach Überzeugung der Richter hat der Mann 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Klinikpatienten zu Tode gespritzt.

2003: Wegen Totschlags in einem und versuchten Mordes in sechs Fällen wird eine Karlsruher Altenpflegerin zu 15 Jahren verurteilt. Laut Gericht verabreichte sie den Opfern ohne Notwendigkeit Insulin.

1993: Ein Krankenpfleger wird wegen Totschlags in zehn Fällen zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nach Überzeugung des Gerichts tötete er mit Luftinjektionen in Gütersloh Patienten zwischen 69 und 92 Jahren.

1991: Mit Überdosierungen von Medikamenten tötet eine Altenpflegerin in Köln sechs Patienten. Aus den Wohnungen der Opfer stiehlt sie Geld und Schmuck. 1993 wird sie zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt.

1989: Eine als „Todesengel“ von Wuppertal bekanntgewordene Krankenschwester wird wegen mehrfachen Totschlags zu elf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht erkennt Mitleid als Motiv an.