Der Schnabel bleibt dran Streit ums Schnabelkürzen: Eier-Lobby warnt vor Fiasko

Von Dirk Fisser


Osnabrück. Nach dem Frontalangriff des Landvolk-Präsidenten Werner Hilse auf Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne) schießt das Ministerium jetzt zurück. Der angedrohte Boykott gegen den Verzicht auf das Schnabelkürzen sei gar nicht möglich. „Herr Hilse irrt“, so ein Sprecher.

Zuständig für das Kupieren seien die elf Brütereien im Land. Ihnen seien Sondergenehmigungen zum Amputieren der Schnäbel durch die jeweiligen Landkreise als Aufsichtsbehörden erteilt worden. „Mit einem verbindlichen Erlass“ habe das Ministerium klargestellt, dass diese Genehmigungen nicht über 2016 hinaus gingen. Demnach wären ab dem 1. Januar 2017 in Niedersachsen keine Hühner mit gekürztem Schnabel mehr erhältlich. Wer weiter kürze, setze seine Betriebserlaubnis aufs Spiel, so das Ministerium. Eine Übergangsphase werde es nicht geben.

Der Landvolkpräsident Hilse hatte unserer Redaktion gesagt, es gebe derzeit keine Alternative zum Schnabelkürzen. Es drohe Federpicken oder gar Kannibalismus. „Stellen Sie sich vor, es ist 1. Januar 2017 und keiner macht mit“, sagte Hilse. Auch andere Verbände warnen vor dem Verbot. Günter Scheper vom Bundesverband Ei, der Zusammenschluss der deutschen Eier-Produzenten – sagte unserer Redaktion: „Hier herrscht Ideologie anstelle der Vernunft.“ Er warf Meyer vor, nicht auf Forschungsergebnisse gewartet zu haben. Der Stichtag käme zu früh. „Meine persönliche Meinung: Wir erleben ein Fiasko.“

Auch Forscher skeptisch

Selbst ein Wissenschaftler, der für das Land zum Schnabelkürzen forscht, hegt Zweifel. Professor Robby Andersson geht davon aus, dass die Ausfallquote in Ställen mit ungekürztem Schnabel etwa doppelt so hoch sein könnte wie bisher. „Viele Landwirte haben sich noch nicht auf die Umstellung vorbereitet“, warnt der Forscher der Hochschule Osnabrück. Er hatte gemeinsam mit Fachleuten der Tierärztlichen Hochschule Hannover Empfehlungen erarbeitet, die Federpicken und Kannibalismus im Stall verhindern sollen. Das Ministerium geht davon aus, dass die Ausfallquote bei Einhaltung dieser Empfehlungen nach 2016 sogar sinken könnte.

Derzeit läuft im Landkreis Vechta ein Praxistest. Auf einem Pilotbetrieb sind 100000 Legehennen mit ungekürztem Schnabel eingestallt. Ihre Eier werden von Rewe und Edeka abgenommen. Der Eier-Zertifizierer KAT hatte sich vor Kurzem bereit erklärt, ab 2017 nur noch Eier von Hennen zu akzeptieren, deren Schnabel nicht kupiert ist. KAT arbeitet mit allen großen Handelsketten in Deutschland zusammen und zertifiziert zudem auch Eier unter anderem aus den Niederlanden. Agrarminister Meyer deutete die Entscheidung seinerzeit als Erfolg auf dem Weg zum Verzicht aufs Schnabelkürzen. Die Niedersächsische Geflügelwirtschaft reagierte entsetzt. Vorsitzender Friedrich-Otto Ripke warf Meyer vor, den Handel getäuscht zu haben: Noch gebe es keine verlässliche Lösung, wie Kannibalismus und Federpicken im Stall bei Verzicht auf das Schnabelkürzen verhindert werden könnten. Testversuche würden noch laufen und müssten abgewartet werden, so sein Appell damals.

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