Bestandsaufnahme zwei Jahre vor Stichtag Verzicht aufs Schnabelkürzen: Drohen Massaker im Stall?

Von Dirk Fisser


Wallenhorst. Ab dem 1. Januar 2017 bleibt der Schnabel ganz: Niedersachsen untersagt das Amputieren bei Hühnern. Etwas mehr als etwas mehr als zwei Jahre bleiben der Branche noch, sich darauf einzustellen. Kann das gut gehen? Eine Bestandsaufnahme schürt Zweifel.

Robby Andersson deutet mit dem Finger auf den Rücken eines Huhns: Kahlgerupft wie bei fast allen anderen 99 Artgenossen in dieser Volliere. Einige weisen deutlich sichtbare blutige Verletzungen auf. „Die haben keine Zukunft“, sagt der Professor an der Hochschule Osnabrück. Versuch gescheitert. Federpicken und Kannibalismus grassieren unter den Tieren, die ihren Schnabel behalten durften.

Federpicken und Hacken

In Niedersachsen ist das noch die Ausnahme. Etwa 11,2 Millionen Legehenne leben im Land. Die meisten sind kupiert, das heißt: Ihnen wird der Schnabel im Jungtieralter gestutzt. Damit soll genau das verhindert werden, was in dem Versuchsstall der Hochschule Osnabrück in Wallenhorst passiert ist. Legehennen haben wie anderes Geflügel auch den Hang, sich gegenseitig die Federn herauszureißen. Einige gehen noch weiter und hacken auf ihre Artgenossen ein, reißen ihnen Fleisch heraus, manchmal bis das Huhn tot ist. Es gibt Täter und Opfer unter den Hühnern.

Warum? Seit Jahren zerbricht sich Professor Andersson darüber den Kopf. Eine einfache Antwort hat er nicht. Das Phänomen ist nicht neu. Sogar in freier Natur kommt es vor, im Biobetrieb genauso wie im konventionellen Stall, wenn der Schnabel ganz bleibt. Doch dem Forscher läuft die Zeit davon. Bis zum 1. Januar 2017 muss eine Lösung her. Die Hoffnungen der Branche ruhen auf den Versuchen in Wallenhorst. Was hier im Kleinen gelingt, soll Vorbild für die rund 5000 Eierbetriebe im Land sein. Wenn es denn gelingt.

„Eine Bombe im Stall“

„Wenn das Federpicken erst einmal losgeht, dann ist das wie eine Bombe im Stall. Es breitet sich enorm schnell aus“, erzählt Andersson. Werde das Kürzen der Schnäbel von heute auf morgen verboten, schätzt der Forscher, dann läge die Ausfallquote in den Ställen bei bis zu 40 Prozent und mehr. Das heißt nichts anderes, als dass ein großer Teil der Tiere vorab stirbt. Entweder in Folge der Attacken seiner Artgenossen oder durch Menschenhand, um verletzte Hühner vom Leid zu erlösen.

Branche warnt vor Massakern

Hinter vorgehaltener Hand sprechen Branchenvertreter von einem Massaker. Das ist keineswegs übertrieben, wie der missglückte Versuchslauf in Wallenhorst zeigt. Doch obwohl dieses Experiment gescheitert ist, sind Andersson in Zusammenarbeit mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover auch zahlreiche Fortschritte gelungen.

So große, das derzeit etwa 100000 Legehennen mit vollständigem Schnabel in einem Pilotbetrieb im Landkreis Vechta ihre Eier legen. Die werden dann später bei Rewe oder Edeka unter Regionalmarken verkauft – ohne gesonderten Aufpreis.

Eier kosten drei Cent mehr

Die Forscher haben Indikatoren ausgemacht, die das Federpicken beherrschbar machen sollen und in den Praxisversuchen zur Anwendung kommen: Das Futter muss von guter Qualität sein, die Tiere brauchen Beschäftigungsmöglichkeiten wie Picksteine und die Überwachung der Ställe muss intensiv sein, um schnell einzugreifen. Wer das umsetzt, auf den kommen drei Cent Mehrkosten pro Ei zu, hat Andersson ausgerechnet. Zudem forscht er noch daran, welchen Einfluss das Licht im Stall hat. Da Hühner anders sehen als Menschen, könnte UV-Licht die Wahrnehmung der Artgenossen ändern.

Sondergenehmigungen laufen aus

Das alles wird in den Pilotställen unter Aufsicht der Wissenschaftler getestet. Doch ab dem 1. Januar 2017 ist die Branche auf sich allein gestellt. Eine Übergangsfrist wird es nicht geben. Die Sondergenehmigungen, die das Schnabelkürzen bei Junghennen möglich gemacht haben, laufen aus. Der grüne Landwirtschaftsminister Christian Meyer hat den Stichtag verkündet, ein Erlass dazu wird derzeit erarbeitet. Die Empörung in der Geflügelbranche hat sich bis heute nicht gelegt.

„Hier herrscht Ideologie anstelle der Vernunft“, sagt Günter Scheper, Chef des Bundesverbandes Deutsches Ei . Der Vertreter der Legehennen-Halter in Deutschland fragt: „Wieso hat man nicht auf die Forschung gewartet?“ Der Stichtag komme zu früh, der Agrarminister habe sich über die Wissenschaft hinweggesetzt. „Meine persönliche Meinung? Wir erleben ein Fiasko.“

Bauern nicht vorbereitet?

Auch bei Professor Andersson hält sich der Optimismus in Grenzen. So weit wie Scheper geht er in seiner Folgeabschätzung aber nicht: „Ein Teil der Betriebe wird es hinbekommen. Bei anderen wird es aus dem Ruder laufen. Die Spanne zwischen Gelingen und Scheitern wird groß sein“, sagt er und warnt: „Viele Landwirte haben sich noch nicht auf die Umstellung vorbereitet.“

Die Ausfallquote, meint Andersson auf Basis seiner bisherigen Erfahrungen, könnte im Schnitt bei zehn Prozent liegen. Das würde bedeuten: Jedes zehnte Huhn muss aus der Legehennen-Herde entfernt und getötet werden, weil es Opfer von Federpicken oder Kannibalismus geworden ist. In der konventionellen Haltung mit gekürztem Schnabel seien es maximal halb so viele, sagt der Professor.

Beim Ministerium, Auftraggeber des Forschungsprojektes, klingt das alles etwas positiver. Ein Sprecher verweist auf die Empfehlungen, die Andersson zusammen mit den Kollegen aus Hannover für Legehennenhalter erarbeitet hat. „Bei Einhaltung dieser Empfehlungen werden keine nachhaltigen Auswirkungen oder vermehrte Verluste erwartet. Im Gegenteil: Durch Verbesserung des Managements ist mit zurückgehenden Tierverlusten zu rechnen.“

Aussage gegen Aussage

Es steht Aussage gegen Aussage und es scheint so, als wird erst die Umstellung am 1. Januar 2017 Gewissheit bringen, ob das mit dem Verzicht aufs Schnabelkürzen tatsächlich klappen kann. Niedersachsen, Legehennen-Land Nummer eins in Deutschland, wird zum Versuchsfeld. Eine Aussage des Agrarministers Meyer ließ die Landwirte aber aufhorchen: „Wir werden keine Maßnahmen machen, die zur Verschlechterung des Tierschutzes führen.“ Daran werden sie ihn messen.

Professor Andersson läuft unterdessen die Zeit davon. Nicht nur, weil der Stichtag immer näher rückt. Schon vorher, am 29. Februar 2016, läuft die Förderung für sein Forschungsprojekt zum Federpicken aus. Ob er weiter mit Landesmitteln nach einer Lösung des Problems suchen kann, ist offen.

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