„Hogesa“ erlebte Desaster Am Ende gingen die Hools aufeinander los


hab/kfr Hannover. Der Frust saß tief. Nichts lief: kein Alkohol, keine Band, keine Böller und Steine, die man werfen konnte – und erst recht keine Chance, sich mit Polizisten oder Gegendemonstranten zu prügeln. Da rasteten einige Hooligans aus: Brüllend gingen sie aufeinander los und traktierten sich mit Fäusten; nur mühsam konnten Ordner eine Massenkeilerei in den eigenen Reihen verhindern. Das war gegen Ende der Kundgebung auf dem Busbahnhof – und Sinnbild für das Desaster, das Hooligans und Neonazis am Wochenende in Hannover erlebten.

Anders als vor drei Wochen in Köln bekam die „Hogesa“, die unrühmliche Allianz von Fußballchaoten und Rechtsextremen, in der Leinestadt kein Bein an die Erde. Die Polizei hatte sich, wie Innenminister Boris Pistorius (SPD) schon während der Veranstaltung rühmte, „akribisch vorbereitet“ und erstickte Krawalle im Keim.

Schon weit entfernt – etwa im Dortmunder Bahnhof oder auf Zufahrtsstraßen in Niedersachsen – wurden Züge und Busse kontrolliert. Im hannoverschen Hauptbahnhof fing die Polizei Hooligans an den Gleisen ab und geleitete sie auf das triste Versammlungsgelände – einzeln untersucht auf Mitbringsel wie Dosen, Flaschen, Böller und andere Wurfgeschosse. Wer auf der Anfahrt zu viel Alkohol konsumiert hatte, durfte gleich wieder den Heimweg antreten.

Am Ende waren es dann nur gut 3000 statt der erwarteten 5000 Hools und Neonazis , die sich auf dem weitläufigen Busbahnhof die Beine in den Bauch traten. Sie mussten sich mit Wasser statt Bier und Hochprozentigem begnügen – für Anhänger dieser Szene geradezu eine Grausamkeit. Dann funktionierte auch die Lautsprecheranlage nicht richtig, und Livemusik war eh untersagt. Ein Blick in die Runde trübte die Stimmung endgültig: Der ganze Platz war umringt von Polizei; an neuralgischen Punkten warteten Wasserwerfer und Räumfahrzeuge auf ihren Einsatz.

Dann intonierten Einpeitscher die zentrale Parole der Kundgebung: „Wir wollen keine – Salafistenschweine“. Michael Stürzenberger, Bundeschef der Rechtspartei „Die Freiheit“, rief markig dazu auf, „unser Vaterland vor den Salafisten zu verteidigen“. Doch er schürte zugleich Vorbehalte gegen den Islam allgemein. So bedeutete er muslimischen Flüchtlingen: „Zurück, marsch marsch und kommt nicht wieder, um unsere Sozialsysteme auszubeuten.“ Als Stürzenberger einen Koran in die Höhe reckte („Die Betriebsanleitung für Salafisten“), scholl es aus der Menge: „Anzünden, anzünden!“

Eindeutig ausländerfeindliche Parolen schlug auch ein Redner an, der als „Nils von Lok Leipzig“ angekündigt wurde. „Hier ist alles Scheiße. Unsere Städte werden überfremdet. Geht mal in die Dortmunder Nordstadt – alles multikulti. Da kriegt ihr das Kotzen!“

Bilder, Videos, Eindrücke: Der Demo-Livetickker zum Nachlesen

Derweil versuchten Offizielle von „Hogesa“, den fatalen Eindruck solcher Äußerungen zu übertünchen. Man sei nicht ausländerfeindlich, wurde beteuert, und auch als Hilfsorganisation von Rechtsradikalen wolle man nicht gelten. „Es wird nie passieren, dass Hogesa eine NPD-Veranstaltung unterstützt“, sagte ein Sprecher namens „Ben“. Aber es gebe halt Schnittmengen – wie den Kampf gegen Salafisten.

„Nils von Lok Leipzig“ träumte da bereits von einer Massenbewegung. „150000 wollen wir beim nächsten Mal sein!“, kreischte der Hooligan ins Mikrofon. Doch das bekamen viele Hogesa-Anhänger schon gar nicht mehr mit. Voller Frust machten sie sich auf den Heimweg – begleitet von massivem Spott von Linksextremisten, die nach einem Marsch durch die City bis auf 200 Meter an den Busbahnhof herangerückt waren. „Das war wohl nix, Hogesa. Verpisst euch!“, dröhnte es aus dem Lautsprecher.

Doch Versuche von Linken, zu den Rechten vorzudringen, vereitelte die Polizei. Es war die einzige kritische Situation an diesem Tag, den die Hooligans und Neonazis trotz anmaßender Parolen („Wir sind das Volk!“) auch bezüglich der Präsenz auf den Straßen nicht dominieren konnten. Fast 6000 Gegendemonstranten boten ihnen Paroli, darunter knapp 2000 bei einer Kundgebung von Gewerkschaften, Parteien und Kirchen.

„Wir haben mit euch nichts am Hut, wir sind tolerant“, schleuderte Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok den Hogesa-Vertretern entgegen. Innenminister Boris Pistorius (SPD) erklärte: „Wir halten die Rote Karte gegen jede Form von Verachtung unserer Grundwerte hoch.“ Und DGB-Bezirksleiter Hartmut Meine kanzelte Hooligans und Rechtsextreme drastisch ab: „Ihr habt bei uns keinen Platz. Wir wollen euch nicht haben – haut ab!“.Ðie trollten sich dann auch früher als ursprünglich vorgesehen. In Hannover hofft man nun, dass man sie nach den Erfahrungen vom Wochenende nicht so schnell wieder sieht.

Die Polizeiführer sind jedenfalls davon überzeugt, dass die massive Gegenwehr abschreckende Wirkung haben dürfte. „Wir haben denen den Zahn gezogen“, urteilte etwa Gesamteinsatzleiter Thomas Rochell am Sonntag in einer ersten Zwischenbilanz im Polizeipräsidium .