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Mord im Krankenhaus? Delmenhorster: Massen-Exhumierungen möglich

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Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat gegen den ehemaligen Krankenpfleger aus Delmenhorst weitere Ermittlungen eingeleitet. Möglicherweise müssen die Leichen exhumiert und untersucht werden. Symbolfoto: dpaDie Staatsanwaltschaft Oldenburg hat gegen den ehemaligen Krankenpfleger aus Delmenhorst weitere Ermittlungen eingeleitet. Möglicherweise müssen die Leichen exhumiert und untersucht werden. Symbolfoto: dpa

Oldenburg/Delmenhorst. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat gegen den ehemaligen Krankenpfleger, der sich derzeit wegen des Vorwurfs des fünffachen Mordes vor dem Landgericht Oldenburg verantworten muss, weitere Ermittlungen eingeleitet. Es könnte zur Massen-Exhumierung kommen.

Von Eyke Swarovsky

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Oldenburg werden alle Todesfälle der Jahre 2003 bis 2005 geprüft, die mit dem Pfleger in Verbindung stehen könnten. Ein Sachverständiger soll für alle Verstorbenen, die nicht feuerbestattet wurden, Gutachten erstellen, die Aufschluss darüber geben sollen, ob sich deren Tod plausibel durch die Grunderkrankungerklären lässt. Sollte dies nicht eindeutig möglich sein, werde der Leichnam exhumiert und anschließend obduziert.

Je nach Verlauf der Ermittlungen könnte es dann zu einer Massen-Exhumierung kommen. In dem Fall würden die sterblichen Überreste auf den Medikamentenwirkstoff Ajmalin getestet. Der 37-Jährige soll seinen Opfern diesen Wirkstoff verabreicht haben, um Herzrhythmusstörungen und Kammerflimmern auszulösen. Im Anschluss habe er sich mit seinen Wiederbelebungskenntnissen profilieren wollen.

Nach einem verdächtigen Todesfall auf der Intensivstation der Klinik in Delmenhorst war der Ex-Pfleger 2006 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. In einem zweiten Verfahren wurde er 2008 für siebeneinhalb Jahre hinter Gitter verbannt, außerdem wurde ihm lebenslanges Berufsverbot erteilt.

Nach Hinweisen von Angehörigen in Delmenhorst verstorbener Patienten nahm die Polizei weitere Ermittlungen auf. Sie führten zu der aktuellen Anklage wegen des Verdachts von Mord in drei Fällen und Mordversuch in zwei weiteren. Bei acht Exhumierungen war der Wirkstoff Ajmalin bei fünf Toten gefunden worden.

In mühsamer Kleinarbeit fanden die Polizisten heraus, dass es während der Zeit der dreijährigen Beschäftigung des 37-Jährigen im Klinikum Delmenhorst 411 Todesfälle gab – 321 davon während dessen Schicht oder unmittelbar danach.

„Das ganze Ausmaß kann nur durch eine vollständige, akribische Aufarbeitung erfasst werden“, erklärte jetzt Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme. Das bedeutet: Die Polizei wird sich auch mit der Dienstzeit des gelernten Krankenpflegers in Oldenburg (1999 bis Ende 2002) und zuvor in Wilhelmshaven (bis 1999) beschäftigen.

Selbst wenn weitere Leichen exhumiert werden, könnten mögliche Morde weiterhin unentdeckt bleiben: Denn der Wirkstoff Ajmalin ist nur nachweisbar, wenn ein Patient unmittelbar nach dessen Einnahme gestorben ist. Lebt er noch einen Tag weiter, baut der Körper die Substanz ab.

In diesem Jahr wurden nach neuen Anzeigen bereits drei Leichen exhumiert, allerdings keine Spuren von Ajmalin gefunden.

Arbeit der Staatsanwaltschaft scharf kritisiert

Die Anwältin der Nebenklage hat die Arbeit der Staatsanwaltschaft mehrfach scharf kritisiert. Sie wirft der Staatsanwaltschaft unter anderem eine neunjährige Ermittlungsblockade vor. Ein Kripobeamter sagte beim bislang letzten Prozesstag in Oldenburg: „Von unserer Seite aus hätte es 2005 weitergehen können.“

Sollte die Polizei Hinweise auf weitere mögliche Mordfälle finden, hat das übrigens keinerlei Einfluss auf den laufenden Prozess. Die Staatsanwaltschaft müsste erneut Anklage erheben, es könnte zu einem dritten Prozess kommen. Der wiederum hätte vermutlich keinen Einfluss auf die Haftzeit des Mannes: Schon jetzt drohen dem Ex-Pfleger lebenslange Haft und eine anschließende Sicherungsverwahrung – „und mehr als lebenslänglich haben wir nicht in Deutschland“, erklärt Landgerichts-Sprecher Michael Herrmann.

Krankenpfleger hatte Ruf als „Unglücksrabe“

Der angeklagte Krankenpfleger war bereits im Klinikum Oldenburg aufgefallen: zunächst als „engagiert“, „zupackend“ und „medizinisch sehr kompetent“. Bald aber fiel auf, „dass im Arbeitsbereich des Angeklagten des Öfteren Reanimationen erforderlich waren“. Dass die Kollegen ihn „Unglücksrabe“ und „Pechbringer“ nannten. Dass der Angeklagte den „Ruf hatte, immer dort zu sein, wo eine Reanimation erforderlich war“.

Den Chefarzt beschlich ein „ungutes Gefühl“. Man legte dem Kollegen nahe, zu kündigen; er wurde freigestellt bei voller Bezahlung. Warum? Weil Vorgesetzte „den Verdacht hegten, der Angeklagte könnte etwas mit den Krisen der in seinem Umfeld befindlichen Patienten zu tun haben“ – so sah es das Gericht.

Hätte nicht schon das Klinikum Oldenburg Anzeige gegen seinen Mitarbeiter erstatten müssen? Stattdessen stellte es ihm ein Zeugnis aus, in dem er als „verantwortungsbewusster und interessierter Mitarbeiter“ gelobt wird, der „umsichtig gewissenhaft und selbstständig“ arbeite. So kam der heute 37-Jährige nach Delmenhorst. Und nun waren es die Kollegen im dortigen Klinikum, die in der Nähe von ihres neuen Kollegen ein „komisches Gefühl“ hatten.

Im aktuellen Prozess berichten Pflegekräfte von weiteren mysteriösen Todesfällen, bei denen der Pfleger dabei war. Ein türkischer Patient und eine russischstämmige Frau sollen plötzlich und unerwartet gestorben sein. Sie sei nur zwei bis drei Minuten weg gewesen, schildert eine Ex-Schwester der Klinik, da sei die vorher stabile Patientin nicht mehr zu retten gewesen. Ihr Kollege habe am Bett gestanden.

Angezeigt wurden die Fälle nicht. „Es gab Kollegen, die gesagt haben, mit dem möchte ich nachts nicht mehr arbeiten“, erinnerte sich im Prozess eine Krankenschwester. Die Stationsleitung soll informiert gewesen sein. Heute fragen sich Prozessbeobachter: Hätte der Angeklagte vor dem Tod des ersten Patienten in Delmenhorst gestoppt werden können?


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