Prozess wegen fünffachen Mordes Tötete Pfleger aus Delmenhorst weitere Patienten?

Wegen des Vorwurfs des fünffachen Mordes muss sich ein ehemaliger Krankenpfleger vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Foto: dpaWegen des Vorwurfs des fünffachen Mordes muss sich ein ehemaliger Krankenpfleger vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Foto: dpa

Oldenburg/Delmenhorst. Gegen einen ehemaligen Krankenpfleger, der sich zurzeit wegen des Vorwurfs des fünffachen Mordes vor dem Landgericht Oldenburg verantworten muss, hat die Staatsanwaltschaft weitere Ermittlungen eingeleitet.

Von Michael Korn

Während der Beweisaufnahme haben sich nach einer Mitteilung der Justizbehörde wiederholt Hinweise darauf ergeben, dass der Angeklagte für den Tod weiterer Menschen verantwortlich sein könnte. Die Staatsanwaltschaft will daher systematisch alle weiteren Todesfälle untersuchen, die im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Angeklagten auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst stehen könnten.

200 Opfer?

Schon an vorherigen Verhandlungstagen hatte sich aufgrund Zeugenaussagen ergeben, dass sich während der Beschäftigungszeit des Angeklagten die Todesrate ebenso wie der Verbrauch des Medikaments Ajmalin im Klinikum enorm erhöht hatten. Auffällig sei auch, dass 62 Prozent der Todesfälle während der Dienstzeit des Ex-Pflegers sowie elf Prozent kurz nach Ende der Schichten aufgetreten seien. 2003 und 2004 hätten die Todeszahlen auf der Intensivstation bei 172 sowie bei 170 gelegen, im ersten Halbjahr 2005 bei 64. In den Jahren davor sowie danach habe die Zahl jeweils unter 100 gelegen. An einem anderen Prozesstag gab ein Mithäftling an, über den „Knastfunk“ sei sogar von 200 Opfern die Rede gewesen.

Der Angeklagte war nach Angaben der Staatsanwaltschaft von März 2003 bis Juni 2005 auf der Intensivstation als Krankenpfleger beschäftigt. In der seit September beim Landgericht Oldenburg verhandelten Anklage wird ihm zur Last gelegt, während dieser Zeit in fünf Fällen ohne entsprechende medizinische Indikation Patienten ein Medikament mit dem Wirkstoff Ajmalin injiziert haben, um so Herzrhythmusstörungen bis hin zum Kammerflimmern und Blutdruckabfall auszulösen.

Motiv Langeweile?

Das Tatmotiv des Angeklagten soll nach der Anklageschrift der Wunsch gewesen sein, seine Fähigkeiten im Bereich der Reanimation präsentieren zu können. Außerdem habe er durch die Herbeiführung von Notsituationen von ihm empfundene Langeweile bekämpfen wollen. Dabei soll er das Misslingen der Reanimationen und den Tod der Patienten billigend in Kauf genommen haben.

Folgen Exhumierungen?

Die Hauptverhandlung beim Landgericht Oldenburg dauert noch an. Ermittelt wird in Fällen, bei denen der Angeklagte zum Zeitpunkt des Todes oder unmittelbar zuvor Dienst hatte und bei denen die Verstorbenen anschließend nicht feuerbestattet wurden. Zu diesen Fällen wird ein Sachverständiger Gutachten erstatten, die darüber Aufschluss geben sollen, ob der Tod der Patienten sich plausibel durch deren Grunderkrankung erklären lässt. Ist dies nicht eindeutig der Fall und wurde der betreffende Patient zudem nicht mit dem Wirkstoff Ajmalin behandelt, soll der Leichnam exhumiert und anschließende obduziert werden, um zu untersuchen, ob dieser Wirkstoff gleichwohl nachgewiesen werden kann.

Weitere Strafanzeigen

Seit der Anklageerhebung im Januar 2014 sind zudem vier weitere Strafanzeigen von Hinterbliebenen gegen den Angeklagten erstattet worden. Im Zuge der daraufhin eingeleiteten Verfahren sind bereits drei weitere Exhumierungen und anschließende Obduktionen vorgenommen worden. In diesen Fällen konnte der Wirkstoff Ajmalin nicht im Körper der Verstorbenen nachgewiesen werden.