40 Sendemasten fehlen im Land Funklöcher beim Digitalfunk: Polizistin muss Notruf wählen



Osnabrück. Die Polizei in Niedersachsen plagen offenbar erhebliche Probleme mit Funklöchern im Digitalfunknetz. Die sind so gravierend, dass Beamte nach einer Messerattacke auf einen Polizisten Verstärkung und Krankenwagen über den Notruf 110 mit einem Privathandy herbeitelefonieren mussten.

So geschehen in der Nacht zum 27. September im Wallenhorster Ortsteil Hollage im Landkreis Osnabrück. Wie die Ordnungshüter später mitteilten, hatte ein polizeibekannter 18-Jähriger einen Beamten mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Auf Nachfrage bestätigte die Polizeiinspektion Osnabrück jetzt Informationen unserer Redaktion: Das eingesetzte Polizisten-Duo rief nach Eintreffen in Hollage per Funk um Verstärkung. Dann aber griff der 18-Jährige einen der Beamten unvermittelt mit dem Messer an und verletzte ihn im Schulterblattbereich schwer. Als die Kollegin des Beamten per Funk erneut um Hilfe und nach einem Krankenwagen rufen wollte, war die Verbindung weg. Sie musste über ihr privates Handy den Notruf wählen.

Hollage kein Einzelfall

Spätestens seit diesem Vorfall rumort es im niedersächsischen Polizeiapparat. Die Beamten sind in Sorge, denn Hollage soll nicht das einzige Funkloch sein. Im Gebiet der Polizeidirektion Osnabrück gebe es weitere Schwachpunkte etwa in Hilter, Landkreis Osnabrück, an mehreren Stellen im Emsland und auch in Ostfriesland, so ist zu erfahren. Darüber hinaus galt auch stets der Harz als Problemgebiet für die im September offiziell eingeführte Technologie.

Nachbesserung dauert

Schnelle Abhilfe scheint aber nicht in Sicht. Nach Berechnungen der für den Digitalfunk-Ausbau zuständigen Bundesanstalt seien etwas mehr als 80 Funkstationen im Gebiet der Polizeidirektion errichtet worden, heißt es aus Kreisen. Offenkundig nicht genug. In der Folge sei festgestellt worden, dass zehn weitere Stationen nötig wären, um tatsächlich beschwerdefreies Funken im Direktionsgebiet zu ermöglichen. Bis die aber stehen, sollen bis zu 1,5 Jahre vergehen.

„Das dauert mir zu lange“

„Das dauert mir zu lange“, sagt Osnabrücks Polizeipräsident Bernhard Witthaut, der den Zeitrahmen auf Nachfrage bestätigt. „Wir brauchen zusätzliche Standorte für Basisstationen, und das nicht irgendwann, sondern möglichst bald.“ Seiner Einschätzung nach könnten mobile Stationen „eine erste schnelle Zwischenlösung“ sein.

Auch die Gewerkschaft der Polizei in Niedersachsen drängt auf mehr Tempo. Vorsitzender Dietmar Schilff sagt: „Schwierigkeiten bei der Einführung einer neuen Technik sind bis zu einem gewissen Maß normal, aber die Erreichbarkeit muss überall in Niedersachsen gewährleistet sein.“

440 Stationen errichtet

Auf Nachfrage bestätigt das Innenministerium in Hannover den Nachjustierungsbedarf, spricht aber von Einzelfällen. Aktuell seien 440 Stationen in Niedersachsen auf Basis einer „auf theoretischen Grundlagen beruhenden Funknetzplanung“ aufgebaut worden. Weitere 40 seien nötig, um den vom Land definierten Netzstandard zu erreichen. Das habe der praktische Betrieb gezeigt. Der Landesstandard gehe „über die bundesweit einheitlich abgestimmte Grundversorgung hinaus“, betont das Ministerium.

Hundert Prozent nicht realistisch

Wann die angestrebte Abdeckung erreicht ist und die Funklöcher gestopft sind, bleibt unklar. Das Ministerium verweist auf den Abstimmungsprozess zwischen mehreren Behörden und eine „relativ lange Bauzeit“. Deswegen könne die geplante Funkversorgung „nicht immer zeitnah zur Verfügung gestellt werden“. Eine hundertprozentige Abdeckung erscheine aber „schon aus physikalischen Gründen nicht realistisch“.

Ministerium: Besser als analog

Zudem betont das Ministerium, im Vergleich mit der analogen Vergangenheit habe sich einiges verbessert. „Landesweit ist schon jetzt auf einer Fläche von circa 99 Prozent eine Fahrzeugfunkversorgung gewährleistet.“ Damit liege der Versorgungsgrad „bereits heute deutlich“ über demjenigen, der in etwa 30 Jahren des Analogfunks erreicht worden sei.

Auch Probleme in Städten

Doch nicht nur die Versorgungslücken in der Fläche bereiten den Polizisten Sorgen. Selbst in Städten soll es Probleme mit dem Digitalfunk geben. Bei Einsätzen in Gebäuden komme es immer wieder vor, dass die Verbindung abbreche. Gewerkschafter Schilff fordert „schnelle Lösungen, damit polizeiliche Arbeit nicht erschwert wird oder Kolleginnen und Kollegen gefährdet werden“.


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