Strahlenwarnung für Osnabrück zu spät Atomkraftwerk Emsland: Behörden versagen bei Super-GAU-Test

Von Dirk Fisser


Osnabrück. Die Behörden von Bund und Ländern haben den Super-GAU geprobt – und dabei gründlich versagt. Das belegen Recherchen der „taz“. Testobjekt der Beamten für die Koordination eines Ernstfalls war das Atomkraftwerk Emsland.

Das Ergebnis der Übung: Erst fünf Stunden nach dem Austritt von Radioaktivität in Lingen warnen die Behörden die Menschen. Zu diesem Zeitpunkt war die fiktive nukleare Wolke in der Übung längst über Großstädte wie Osnabrück oder Bielefeld in Richtung Bayern hinweg gezogen. Die Menschen wären der Strahlung schutzlos ausgeliefert gewesen.

1000 Seiten Dokumente

Etwa 1000 Seiten hat die „taz“ zu dem Probelauf im Internet veröffentlicht, der am 17. September 2013 stattfand. Bislang war nichts von dieser Übung bekannt. Taz-Autor Sebastian Heiser deckt in der Wochenend-Ausgabe der Zeitung nun die Gründe für das Versagen auf: Statt die Bevölkerung zu warnen, wird über Kompetenzen zwischen Bund und Ländern gestritten. In der Telefonkonferenz wird durcheinander geredet. Zudem verhindert offenkundig eine schlechte Sprachqualität eine Verständigung der Behördenmitarbeiter.

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Keine Gefahr?

Während in Lingen längst Radioaktivität austritt, weiß die Bevölkerung lediglich, dass es im Emsland zu einem Störfall gekommen ist. Es bestehe aber „keine Gefahr und damit kein Anlass für eigene Maßnahmen“, heißt es in einer Mitteilung, die etwa zwei Stunden nach dem fiktiven Zwischenfall veröffentlicht worden ist. Wäre der Probelauf real und hätten sich Menschen in Osnabrück zu diesem Zeitpunkt auf die behördliche Mitteilung verlassen und sich nicht in ihre Wohnung begeben, wären sie der Radioaktivität schutzlos ausgeliefert gewesen.

Warnung kommt zu spät

Erst Stunden später erfolgt die offizielle Warnung, Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Im Ernstfall wäre das zu spät gewesen.

Teil der Unterlagen sind Stellungnahmen der einzelnen Bundesländer zu der Übung. Das Niedersächsische Umweltministerium mahnte demnach im Nachgang die mangelnde Gesprächsdisziplin und unnötige Zuständigkeitsdiskussionen an. Ähnlich äußern sich auch die Mitglieder der Krisenstäbe aus anderen Bundesländern.

Das Bundesumweltministerium kommt in den veröffentlichten Dokumenten zu dem Schluss, dass das Strahlenschutzvorsorgegesetz angepasst werden muss. Laut taz ist das auch mehr als ein Jahr nach der missglückten Übung noch nicht geschehen.

Es ist nicht der einzige Punkt in Sachen AKW-Sicherheit, in dem nachgebessert werden muss: Nach dem Atom-Unfall von Fukushima kamen die Behörden in Deutschland zu der Erkenntnis, dass sogenannte Sicherheitszonen um Kernkraftwerke größer gezogen werden müssten, im Ernstfall also weit mehr Menschen evakuiert als bislang.

Die Erkenntnis ist da, nur noch nicht umgesetzt. Auf Nachfrage unserer Redaktion teilte das Innenministerium in Hannover kürzlich mit: Frühstens Anfang 2015 könne „mit der Umsetzung der neuen Planungsradien“ begonnen werden.