Land will Arzneimittel weiter lagern Niedersachsen: Notfall-Medikamente gegen Grippe abgelaufen

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Husten, Schnupfen, Halsweh: Die Erkältungszeit ist noch nicht vorbei. Auch eine Grippewelle ist nach wie vor möglich, sagen Experten. Foto: Karl-Josef HildenbrandHusten, Schnupfen, Halsweh: Die Erkältungszeit ist noch nicht vorbei. Auch eine Grippewelle ist nach wie vor möglich, sagen Experten. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Osnabrück. Würden Sie abgelaufene Medikamente zu sich nehmen? Im Fall einer Grippe-Pandemie kämen Sie womöglich nicht drum herum. Denn das Land Niedersachsen lagert für den Notfall Arzneimittel, die zu großen Teilen das Verfallsdatum überschritten haben.

Das geht aus einer Ausschreibung des Landes hervor. Gesucht wird ein Dienstleister, der ab dem 1. Januar 2015 für weitere fünf Jahre die Einlagerung von 567 Paletten des Medikaments Relenza übernimmt. Das war in den vergangenen Jahren für 7,732 Millionen Euro angeschafft, aber nie verwendet worden.

In der Ausschreibung heißt es: „Die vom Hersteller angegebenen Verfallsdaten sind inzwischen abgelaufen.“ Wie bitte? Das Gesundheitsministerium in Hannover bestätigt dies auf Nachfrage, betont aber auch: Die Mittel seien noch wirksam, das werde regelmäßig überprüft. Und im Fall einer Pandemie würden sie auch ausgegeben.

Insgesamt handele es sich dabei um 545152 sogenannte Therapieeinheiten – eine Einheit entspricht der Menge an Tabletten, die ein Patient nehmen sollte, damit das Mittel wirkt. Für 20 Prozent der Bevölkerung halte das Land Medikamente vor. So empfiehlt es der nationale Pandemieplan . Neben Relenza seien dies Tamiflu, noch bis August 2016 haltbar, und ein weiteres Wirkstoffpulver, ebenfalls abgelaufen.

Tritt ein neues Grippevirus weltweit auf, gegen das es noch keinen Impfstoff gibt, sollen die Medikamente im Kampf gegen die Symptome in Apotheken oder Krankenhäusern an Infizierte ausgegeben werden. 2009 hatte dies die Landesregierung beschlossen.

Da der Ernstfall seitdem aber nie eingetreten ist, lagern nun massenweise abgelaufene Medikamente neben Niedersachsen beispielsweise auch in Brandenburg. 250000 Euro hat Niedersachsen allein für die Lagerung seitdem ausgegeben, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Die Behörde halte eine weitere Lagerung für notwendig, sagt eine Sprecherin. Im Falle einer Pandemie werde im Vergleich zur jährlich wiederkehrenden Influenzawelle mit einer raschen Ausbreitung und einer erhöhten Anzahl an Infizierten gerechnet.

Doch es gibt auch kritische Stimmen. Fachleute bezweifeln die Wirksamkeit der Medikamente im Ernstfall. Erst im April dieses Jahres sprach sich beispielsweise der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dafür aus, die im nationalen Pandemieplan festgeschriebene Bevorratung aufzugeben. Grüne und Linke im Bundestag machten sich dafür mit Verweis auf die Millionenkosten stark. Vergeblich.

FDP fordert Lagerstopp

Auch in Niedersachsen regt sich Protest. Sylvia Bruns, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, sagt: Ihre Partei sei dagegen, die Mittel weiter zu lagern. „Studien zufolge sind diese gegen aktuelle Erregertypen nicht weiter wirksam, sodass eine weitere Lagerung bis 2020 keinen Sinn macht und unnötig Geld kostet.“

Die Antwort aus dem niedersächsischen Gesundheitsministerium: „Es gibt keine Alternative.“ Und so wird weiter nach einem Dienstleister gesucht. Der muss laut Ausschreibung nicht unbedingt in Niedersachsen sein, sondern darf bis zu 1000 Kilometer von Hannover entfernt die 567 Paletten lagern. Es müsse allerdings sichergestellt sein, dass die Medikamente binnen 12 Stunden im Land sind.

Übrigens: Werden die Medikamente mit überschrittenem Verfallsdatum verteilt, haftet nicht mehr der Hersteller. Für etwaige Nebenwirkungen müsste dann das Land Niedersachsen aufkommen.

Der nationale Pandemieplan kann auf der Seite des Robert-Koch-Instituts nachgelesen werden. Angaben zu Arzneimitteln finden sich ab Seite 5.


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