Nach Rechnungshof-Kritik Schonfrist für Zwergschulen in Niedersachsen

Von Dirk Fisser

Die 70450 Kinder, die in dieser Woche ihre Schulkarriere in Niedersachsen starten, können ihre Grundschulzeit vermutlich an ein und derselben Lehranstalt absolvieren. Symbolfoto: dpaDie 70450 Kinder, die in dieser Woche ihre Schulkarriere in Niedersachsen starten, können ihre Grundschulzeit vermutlich an ein und derselben Lehranstalt absolvieren. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Es kann weiter unterrichtet werden. Die Landesregierung wird trotz weiter sinkender Schülerzahlen und der Kritik des Landesrechnungshofes (LRH) keine Konsequenzen ziehen. Vorerst.

Das bestätigte ein Sprecher des Kultusministeriums auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Rechnungsprüfer hatten im Frühjahr für Entsetzen gesorgt, als sie die Empfehlung aussprachen, kleine Grundschulen zu schließen. Nicht nur die Kosten seien zu hoch, attestierten damals die Prüfer. Auch die Unterrichtsqualität sei schlechter als an größeren Lehranstalten.

Als Untergrenze bei der Schülerzahl hatten die Prüfer 50 Kinder ausgemacht. Mehr als 60 Grundschulen lagen bereits im Schuljahr 2012/2013 darunter – gut die Hälfte davon im Raum Weser-Ems. Hermann Palm vom LRH warnt jetzt: „Die Situation wird sich bis 2020 dramatisch verschlechtern.“

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Da es immer weniger Kinder gebe, würden immer mehr Schulen unterhalb der kritischen Grenze rutschen – ein Viertel der knapp 1750 Grundschulen, schätzt er. „Ohne Gegensteuern laufen wir Gefahr, bald wieder klassische Zwergschulen zu haben, in denen von der ersten bis zur vierten Klasse alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden.“

Was tun? Der Rechnungshof kritisierte nicht nur, er schlug vor: Die Landesregierung könnte das Schulgesetz verändern und eine Mindestgröße von 50 Schülern vorschreiben. Andernfalls könnte sie Schulträger, das sind in aller Regel die Kommunen, per Gesetz dazu zwingen, kleine Schulen zusammenzulegen oder Standorte zu schließen.

Keine Holzhammer-Methode

Das Kultusministerium nahm kürzlich Stellung zu diesen Vorschlägen. Veröffentlichen will die Behörde aus Hannover das Schreiben zwar nicht. Aber ein Sprecher macht deutlich, dass die Regierung nicht auf die Holzhammer-Methode setzt. „An der kommunalen Selbstverwaltung werden wir nicht rütteln“, sagt er unserer Zeitung. Eine Gesetzesreform steht damit wohl nicht auf der Agenda, um den Städten und Gemeinden reinregieren zu können.

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Dauerhafte Entwarnung für die Zwerggrundschulen? Die Rückmeldung aus dem Kultusministerium lässt Raum für Interpretationen. Der Sprecher teilt mit: Es sei Aufgabe des Landes, gleiche Bildungschancen herzustellen. Vor dem Hintergrund des demografische Wandels sei dies „in manchen Landesteilen eine große Herausforderung“. Darin sei man sich mit dem LRH einig. Der hatte beklagt, die Unterrichtsqualität leide an kleinen Schulen, weil etwa Lehrer in Krankheitsfällen häufig fachfremd unterrichten müssten.

Für die 70450 Kinder, die in dieser Woche ihre Schulkarriere in Niedersachsen starten, heißt das aber wohl erst einmal: Sie können ihre Grundschulzeit vermutlich an ein und derselben Lehranstalt absolvieren – unabhängig davon, wie klein die Schule ist. Die Zahl zeigt aber auch, dass das Problem bleibt – vor zehn Jahren waren es noch mehr als 90000 Jungen und Mädchen, die eingeschult wurden.