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Vermisster schwer verletzt gefunden Explosion in Ritterhude: Ermittlungen haben begonnen

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dpa/cob/ngr/mao Ritterhude. Auch Stunden nach der Explosion einer Entsorgungsfirma in Ritterhude bei Bremen am Dienstagabend ist die Feuerwehr noch immer im Einsatz. Mittlerweile steht fest: Der schwer verletzte Mann, den Retter in der Brandruine fanden, ist der vermisste Mitarbeiter der Firma. Die Ermittlungen an der Brandruine haben am Mittwoch begonnen.

Nach der Explosion in einer Entsorgungsfirma in Ritterhude vor den Toren Bremens hat am Mittwoch die Ursachensuche begonnen. Das Gelände wird für Zeit der Ermittlungen mit einem Bauzaun gesichert. Die Explosionsursache wird laut dem leitenden Ermittler frühestens in drei Wochen feststehen. Bei dem Unternehmen handelt es sich um „Organo Fluid“, wie die Polizei unserer Redaktion bestätigte. Die Internetseite dieser Firma ist nicht erreichbar.

Bei der viele Kilometer hallenden Detonation und dem anschließenden Großfeuer war ein Mann schwer verletzt worden. Retter zogen ihn aus den Trümmern der Brandruine. „Er hat schwerste Verbrennungen und war nicht ansprechbar“, sagte Polizeisprecher Marcus Neumann. Ein Hubschrauber brachte den Mann in eine Klinik. Zunächst war unklar, ob es sich bei ihm um einen anfangs vermissten Mitarbeiter der auf Abfallentsorgung spezialisierten Fabrik handelte. Mittlerweile konnte Neumann bestätigen, dass es sich um den Vermissten handelt. Der 60-Jährige stammt nach Angaben der Polizei aus Osterholz-Scharmbeck und wollte in dem Unternehmen einen Kontrollgang machen, weil ihm sein Bereitschaftspieper einen technischen Fehler meldete. Die Retter vermuteten, dass der Vermisste noch vor der Detonation in die Fabrik gegangen sein könnte, um dort zu kontrollieren. Über sein Mobiltelefon war der Mann stundenlang nicht zu erreichen.

Druckwelle beschädigt Häuser

Die Druckwelle der Explosion hatte am Dienstagabend zwischen 30 und 40 Häuser eines angrenzenden Wohngebietes so stark beschädigt, dass sie vorläufig evakuiert wurden. Acht Wohnhäuser sind laut Polizeiangaben unbewohnbar. Die Bewohner sind in Gebäuden der Gemeinde untergekommen. Zwei Anwohner erlitten Knochenbrüche, zwei Feuerwehrmann mussten mit Rauchvergiftungen kurzzeitig ins Krankenhaus.

Für die Betroffenen gibt es laut Bürgermeisterin Susanne Geils (SPD) eine „Welle der Hilfsbereitschaft“: „Es gab unglaublich viele Menschen, die Unterkünfte angeboten haben - wir haben lange Adressenlisten.“ Geils schloss nicht aus, dass es in einigen Fällen mehrere Monate dauern kann, bis die Anwohner in ihre beschädigten Gebäude zurückkehren können. „Wir sondieren gerade, wie groß das Ausmaß der Schäden ist.“

Zur möglichen Unglücksursache in der laut Polizeiangaben nur tagsüber laufenden Fabrik war zunächst nichts bekannt. Der Dienstleister aus Ritterhude kümmert sich mit seinen Anlagen laut eigener Beschreibung unter anderem um die „Verwertung und Entsorgung besonders überwachungsbedürftiger Abfälle“, darunter „flüssige Sonderabfälle“.

Keine Gesundheitsgefahr für Anwohner

Laut Feuerwehr ergaben Schadstoffmessungen in der Luft, dass der Großbrand keine Gesundheitsgefahr für die Bewohner in Ritterhude bedeute. Die Konzentrationen seien nicht besorgniserregend hoch.

Ein Großaufgebot mit 200 Feuerwehrleuten und 150 weiteren Helfern war am südlichen Rand Ritterhudes im Einsatz. Der Ort liegt an der Grenze zur Hansestadt Bremen. Die Hitzeentwicklung war anfangs so stark, dass die Feuerwehren nur mit viel Abstand über Drehleitern löschten. Erst später konnte die Vermisstensuche starten.

Bis die Unglücksursache feststeht, werden mindestens drei Wochen vergehen, schätzen die leitenden Ermittler. Am Mittwoch haben erste Unetrsuchungen an der Brandruine stattgefunden.

Trümmer müssen abkühlen

Die Hitzeentwicklung sei aber so stark, gewesen dass die Trümmer stundenlang abkühlen mussten, bevor die Kriminalpolizei ihre Spurensuche beginnen konnte. Auch ein Sprecher der Feuerwehr aus Bremen sagte am frühen Mittwochmorgen, die nötigen Nachlöscharbeiten dürften sich lange hinziehen. Noch immer kämpfen Feuerwehrmänner mit Glutnestern.

Neumann berichtete, dass neben dem vermissten Mitarbeiter auch noch ein zweiter Kollege losfuhr, der jedoch erst später angekommen sei – und dem daher auch nichts passierte.

Bahnverkehr war beeinträchtigt

Nach der Explosion war auch der regionale Bahnverkehr beeinträchtigt. Die betroffene Strecke zwischen Bremen-Burg und Osterholz-Scharmbeck ist seit kurz vor 9 Uhr wieder frei, teilte die Deutsche Bahn mit. Trotzdem müssten die Reisenden noch mit Rückstaueffekten und Verspätungen auf der Strecke zwischen dem Hauptbahnhof Bremen und Bremerhaven-Lehe rechnen. Die Explosion am späten Dienstagabend hatte die Oberleitung beschädigt, der Abschnitt musste gesperrt werden.


Eines der schwersten Explosionsunglücke in der Geschichte der Bundesrepublik geschah 1948. Auf dem BASF-Gelände in Ludwigshafen starben damals mehr als 200 Menschen. Jüngere Beispiele:

September 2013: Nach einer Gasexplosion auf einem Firmengelände in Harthausen (Rheinland-Pfalz) wird der gesamte Ort evakuiert. Rund 200 Häuser wurden beschädigt, mehrere Feuerwehrleute verletzt. Die mutmaßlichen Brandstifter stehen seit Mittwoch vor Gericht.

März 2011: Beim Beladen eines Tankschiffs in einem Raffineriehafen in Lingen (Niedersachsen) kommt es nach einem Feuer zu mehreren Explosionen. Das Schiff sinkt, Tausende Liter Benzin laufen aus. Die Besatzung kann sich retten.

September 2006: Sechs Menschen kommen ums Leben, als in Lehrberg (Bayern) eine Bäckerei in die Luft fliegt. Rund 70 Häuser werden beschädigt und müssen zum Teil abgerissen werden. Bei Reparaturarbeiten an einem Tank war Flüssiggas ausgetreten.

Februar 2005: Eine Feuerwerksfabrik geht in Bad Windsheim (Bayern) in die Luft. Die Druckwelle beschädigt Fenster, Türen und Autos im Umkreis von 300 Metern.

Mai 2001: Beim Chemiewerk BASF in Ludwigshafen kommt es zu einer heftigen Explosion und einem schweren Brand. Eine Gaswolke zieht über das Werksgelände und angrenzende Stadtteile. Etwa 170 Menschen werden wegen Haut- und Atemwegsproblemen behandelt.

Oktober 2000: In einer Wiesbadener Firma explodiert ein Kunstharzkessel. Die Druckwelle beschädigt mehrere Gebäude in der Umgebung. Es gibt Verletzte, der Sachschaden wird auf umgerechnet 50 Millionen Euro geschätzt.

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