Sachsen wehrt sich gegen Lieferung Streit um Bauschutt aus Atommeilern

Ruine im Rückbau: Das Kernkraftwerk Stade am Ufer der Elbe ist das erste nach dem Atomausstieg stillgelegte AKW Deutschlands. Doch der Abriss sorgt für Probleme.Foto: ImagoRuine im Rückbau: Das Kernkraftwerk Stade am Ufer der Elbe ist das erste nach dem Atomausstieg stillgelegte AKW Deutschlands. Doch der Abriss sorgt für Probleme.Foto: Imago

Hannover. Eigentlich ist es harmloser Bauschutt. Doch die 2000 Tonnen, die der Energieversorger EON derzeit loswerden möchte, haben einen vermeintlichen Makel: Sie stammen aus dem alten Kernkraftwerk Stade, das seit 2005 abgebrochen wird. Und nun regt sich Widerstand: zunächst im Umfeld der kommunalen Deponie Hillern bei Soltau, jetzt auch im sächsischen Grumbach.

Die Proteste werfen ein Licht auf ein ungelöstes Randproblem beim Atomausstieg: Wohin mit den konventionellen, nicht strahlenden Überresten aus Kernkraftwerken?

Die FDP-Landtagsfraktion in Hannover hat sich des Themas angenommen und mit 38 Fragen an das Umweltministerium zu beleuchten versucht, welche Lösungsansätze in Niedersachsen vorhanden sind. Offenes Geständnis des Grünen-Ministers Stefan Wenzel: „Die Deponiekapazitäten in Niedersachsen sind in der Abfallwirtschaftsplanung bisher nicht für die Aufnahme der Abfälle aus dem Rückbau kerntechnischer Anlagen betrachtet worden.“ Mit anderen Worten: Man steht hier quasi bei null.

Dabei wird das Problem zunehmend akut. Nach dem Abbaubeginn vor neun Jahren in Stade soll laut Wenzel noch in diesem Jahr für das 1979 stillgelegte alte Kernkraftwerk Lingen eine von zwei atomrechtlichen Genehmigungen zum Abbruch erteilt werden. Während des auf 20 Jahre veranschlagten Abbaus dürften etwa 57000 Tonnen an Material anfallen. 1500 Tonnen davon müssten in das geplante Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle im Schacht Konrad gebracht werden; der große Rest könnte entweder wiederverwertet oder aber in Stahlöfen verbrannt oder auf normalen Deponien abgelagert werden.

In Stade fallen diesen Angaben zufolge rund 400000 Tonnen an, davon knapp 5000 Tonnen für die Endlagerung im Schacht Konrad. Für das 2011 vom Netz genommene Kernkraftwerk Unterweser sind die Abfallmassen auf etwa 680000 Tonnen berechnet; ähnliche Mengen werden für die Atommeiler Grohnde und Emsland (KKE) erwartet, die voraussichtlich Ende 2021 beziehungsweise Ende 2022 abgeschaltet werden.

2,5 Millionen Tonnen Abbruchmaterial

Von den somit insgesamt 2,5 Millionen Tonnen Abbruchmaterial – das stark radioaktiv belastete Inventar wie etwa der Reaktorkern ist darin nicht enthalten – stammen laut Ministerium etwa 720000 Tonnen aus dem Kontrollbereich der Meiler. Abgesehen von dem relativ geringen Teil, der als schwach- oder mittelaktiv in das dafür vorgesehene Endlager Schacht Konrad muss, sind die restlichen Mengen entweder uneingeschränkt verwertbar oder mit Auflagen zu beseitigen. Zum Teil handelt es sich um dekontaminierte Materialien, die „freigegeben“ werden und dann nicht mehr als radioaktive Stoffe eingestuft sind.

Als unproblematisch gilt zum Beispiel weitgehend die Bausubstanz von Kernkraftwerken, die allein in Unterweser, Emsland und Grohnde jeweils rund 175000 Tonnen ausmachen dürfte. Daneben gibt es aber auch Überreste aus Meilern, die nur eine eingeschränkte Freigabe zur Beseitigung erhalten und in einem bestimmten Mischungsverhältnis mit anderweitigem Abfall verbrannt oder auf einer Deponie gelagert werden müssen. Schätzungen belaufen sich hier auf etwa 15000 Tonnen insgesamt. Eine ähnliche Menge könnte zudem an Metallschrott entstehen, der wiederum in einem bestimmten Mischungsverhältnis zusammen mit anderweitigem Material eingeschmolzen werden muss.

Trotz der allseitigen Versicherung, dass von den konventionellen Abfällen aus Kernkraftwerken keine Gefahr ausgeht, regen sich nun jedoch vermehrt Widerstände. Nachdem aufgrund von Protesten zunächst die Deponie Hillern bei Soltau als Abnehmer für 2000 Tonnen KKW-Schutt aus Stade ausfiel, forderte das sächsische Umweltministerium in der Woche vor der Landtagswahl Niedersachsen entgegen der bereits zugesagten Aufnahme in der Deponie Grumbach bei Dresden auf, den Abfall selbst zu entsorgen.

Unverständnis beim Minister

Wenzel reagierte darauf am Mittwoch mit Unverständnis. In einem Schreiben an seinen sächsischen Amtskollegen Frank Kupfer (CDU) gab der Grünen-Politiker aber zugleich zu erkennen, dass er mit Blick auf den Rückbau der Atomkraftwerke „auf verschiedenen Ebenen erheblichen Handlungsbedarf“ sieht.

Diese Ansicht teilt auch Wenzels Amtsvorgänger Stefan Birkner. Der FDP-Landesvorsitzende und Vizefraktionschef rief den amtierenden Umweltminister im Gespräch mit unserer Zeitung auf, schnell ein Konzept für das Material zu entwickeln, das auf Deponien entsorgt werden muss. Hier sei eine „ortsnahe Lösung“ nötig.

Birkner forderte Wenzel zudem auf, an geeigneten Deponiestandorten für Akzeptanz zu werben. Er warnte die Grünen davor, bei der Suche nach Lagerstätten „Stimmung zu machen und Ängste zu schüren“.

FDP weist auf Schacht Konrad

Der FDP-Politiker forderte überdies, die Kapazitäten des Endlagers Schacht Konrad zu erweitern. Die auf 303000 Kubikmeter begrenzte Genehmigung reiche laut Umweltministerium nicht aus, um auch die auf 100000 Kubikmeter geschätzten Abfälle samt kontaminiertem Salzgrus aus der maroden Deponie Asse aufzunehmen.Birkner wies darauf hin, dass in dem ehemaligen Erzbergwerk in Salzgitter noch weitaus größere Anlagenteile für die Einlagerung von schwach- und mittelaktivem Atomabfall genutzt werden könnten. Darüber gelte es jetzt eine Diskussion zu führen, in der die Landesregierung mitteilen müsse, wie sie sich eine Lösung des Problems Asse vorstelle. Bevor andernorts nach neuen Deponien geforscht werde, sollten zunächst die vorhandenen Möglichkeiten im Schacht Konrad ausgeschöpft werden.


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