Zum Tode des Archäologen Tony Clunn Entdecker der Varusschlacht gestorben

Der Fund seines Lebens: Der frühere britische Major Tony Clunn hält im Jahr 2007 eine römische Münze in Kalkriese in seiner rechten Hand. 1987 war er mit einem Metalldetektor darauf gestoßen. Foto: Gert WestdörpDer Fund seines Lebens: Der frühere britische Major Tony Clunn hält im Jahr 2007 eine römische Münze in Kalkriese in seiner rechten Hand. 1987 war er mit einem Metalldetektor darauf gestoßen. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Wären da nicht jene drei unscheinbaren Metallklumpen gewesen, die der britische Offizier Tony Clunn im Jahr 1988 dem Archäologen Prof. Wolfgang Schlüter auf den Schreibtisch legte, dann würde das Schlachtfeld von Kalkriese nördlich von Osnabrück heute noch im Dornröschenschlaf schlummern.

So aber gaben die drei römischen Schleuderbleie den Anstoß zu wissenschaftlichen Ausgrabungen. Und Tony Clunn galt fortan als der Entdecker der Varusschlacht. Jetzt ist der pensionierte britische Offizier nach langer schwerer Krankheit mit 68 Jahren verstorben.

Schatzsucher mit Metalldetektoren sind üblicherweise ein rotes Tuch für die hauptberuflichen Archäologen, sie gelten als Konkurrenten und Raubgräber, die ihre Funde für viel Geld im Internet versteigern. Bei Tony Clunn und Wolfgang Schlüter war die Sache anders: Der junge Panzer-Offizier, im Frühjahr 1987 von der Rheinarmee nach Deutschland versetzt, fragte bei dem damaligen Stadt- und Kreisarchäologen Wolfgang Schlüter höflich an, ob und wo er denn mit seinem Minensuchgerät aussichtsreich nach römischen Münzen suchen dürfe.

Schlüter verwies ihn damals nach Kalkriese, wo die Bauern schon in früheren Jahrhunderten beim Pflügen ab und an römische Denare ans Tageslicht geholt hatten und worauf dann der Althistoriker Theodor Mommsen im 19. Jahrhundert eine der vielen Hundert Hypothesen über den Ort der Varusschlacht erschuf.

Prompt lieferte Major Clunn noch im selben Jahr die ersten Silbermünzen bei Schlüter ab – und legte im Frühjahr 1988 mit den drei Schleuderbleien eine kleine Sensation vor. Denn jetzt war erstmals zweifelsfrei bewiesen, dass in der Kalkrieser-Niewedder Senke am Nordhang des Wiehengebirges römische Soldaten durchgezogen sein mussten.

Ein Jahr darauf begannen die archäologischen Ausgrabungen in Kalkriese. Mit spektakulären Funden, die umso zahlreicher und umso eindrucksvoller wurden, je größere Areale die Spatenwissenschaft erschürfte: Der Wall entlang des Höhenzuges kam so ans Licht, Münzen und Sandalennägel, Pionierwerkzeug und die heute zur Varus-Ikone gewordene Reitermaske. Niemand habe damals gewagt, „das Wort Varus auch nur in den Mund zu nehmen“, sagte Clunn später einmal im Rückblick. Gleichwohl zweifelt heute niemand mehr daran, dass das antike Schlachtfeld von Kalkriese in einem direkten Bezug zum Feldzug des Varus und dem tragischen Untergang seiner Legionen im Jahre 9 nach Christus steht.

Während in Kalkriese gegraben wurde, ging Tony Clunn auch weiterhin mit seinem Metalldetektor über die Äcker und Wiesen im Umkreis von Kalkriese und half somit, das weite Areal der mehrtägigen Gefechte wenigstens vorläufig abzustecken. Er habe ein Mitgefühl für die römischen und germanischen Kämpfer, die hier den Tod gefunden hatten, sagte der aktive Offizier dazu. Auch deshalb bedeutete ihm seine Entdeckung wohl „viel mehr, als eine Handvoll Münze gefunden zu haben“. Und so inspirierte ihn der Fund seines Lebens zu einem Buch mit dem Titel „Auf der Suche nach den verlorenen Legionen“, in dem er geschickt die Grabungsarbeiten mit einer romanhaften Schilderung der Varus-Apokalypse verknüpfte.

Mit Lesereisen bis in die Vereinigten Staaten von Amerika, mit Vorträgen und unzähligen Signierstunden wurde Tony Clunn zu einem unermüdlichen Botschafter der Ausgrabungen in Kalkriese. Dies gilt bis in die jüngste Zeit, als er schon von seiner schweren Krankheit gezeichnet noch die erste Fund-Patenschaft für ein Ausgrabungsstück übernahm.

Tony Clunn ist für seinen Einsatz in Kalkriese und die Verdienste um die deutsch-britische Freundschaft vielfach geehrt worden. Die britische Königin zeichnete ihn mit dem MBE-Orden aus, die Bundesrepublik Deutschland verlieh ihm das Bundesverdienstkreuz.


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