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Sicherungsverwahrter Thema im Rechtsausschuss Ministerin: Im Fall Reinhard R. „professionell gehandelt“

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Osnabrück. Der sicherungsverwahrte Reinhard R. hat seiner Flucht selbst ein Ende gesetzt. Das Justizministerium bestätigte, dass der Mann am Tag seiner Festnahme in der Justizvollzugsanstalt Lingen angerufen und mitgeteilt habe, man könne ihn am Bahnhof in Kleve abholen.

In dem Ort in Nordrhein-Westfalen erfolgte später tatsächlich die Festnahme. Wie der NDR berichtete , konnte durch das Telefonat auch das Handy von R. geortet werden. Vermutlich war dies vorher nicht möglich, da sich der Schwerverbrecher nach unseren Informationen während seiner Flucht eine zweite sogenannte SIM-Karte für sein Handy gekauft hatte. Somit war er über seine bis dato bekannte Mobiltelefonnummer nicht mehr aufspürbar.

„Professionell gehandelt“

Der Fall Reinhard R. beschäftigte am Mittwoch auf den Rechtsausschuss im niedersächsischen Landtag. Die Justizbehörden hätten im Fall des Sicherungsverwahrten „entschieden, professionell und mit Augenmaß gehandelt“. Das erklärte Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) nach der nicht-öffentlichen Unterrichtung. Die Opposition teilte diese Einschätzung nicht.

CDU-Politikerin Mechthild Ross-Luttmann wiederholte nach der Ausschusssitzung ihre Kritik an der Ministerin: Niewisch-Lennartz habe eine „desaströse Informationspolitik“ betrieben und die Bevölkerung zu spät über die Flucht des „ausgesprochen gefährlichen Straftäters“ in Kenntnis gesetzt.

Ortung nicht beantragt

Die Grünen-Politikerin hingegen verwies darauf, dass nach Anzeige des mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen durch Reinhard R. die Ermittlungen unmittelbar angelaufen seien. Auf Bitten der Polizei habe ein Angestellter der JVA Lingen vergeblich versucht, R. auf dessen Handy zu erreichen (hier weitere Infos) .

Der Schwerverbrecher habe aber später zurückgerufen und zugesagt, in die JVA zurückzukehren. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Ermittler aber noch keine Handyortung und Telekommunikationsüberwachung beantragt. Ebenso wenig einen Haftbefehl. Dies sei erst später durch die Staatsanwaltschaft Osnabrück geschehen, geht aus der Mitteilung der Ministerin hervor. Bislang war unklar, warum das längere Telefonat zwischen R. und dem JVA-Mitarbeiter nicht zur Ortung des Straftäters geführt hatte.

Unterdessen erklärte der Osnabrücker Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer, dass der 51-Jährige sein Schweigen gebrochen und gegenüber einer Ermittlungsrichterin in der JVA Kleve Angaben gemacht habe. Allerdings habe er bestritten, eine 13-Jährige in Lingen sexuell missbraucht zu haben. Bei einem Verhör durch Polizeibeamte aus dem Emsland habe er hingegen geschwiegen, so Retemeyer.

Hintergründe zum Fall auf www.noz.de


Chronologie der Ereignisse:

Donnerstag, 29. Mai: Reinhard R. verlässt die JVA Lingen unter der Auflage, sich täglich um 10 Uhr zur Drogen- und Alkoholkontrolle zu melden. Darüber hinaus muss er ein Handy bei sich führen. Der Langzeit-Freigang ist bis zum 1. Juni genehmigt. Zuvor waren ihm bereits an die 200 Freigänge genehmigt worden, wird später bekannt. Zu Zwischenfällen soll es dabei nicht gekommen sein.

Freitag, 30. Mai: R. meldet sich morgens zur Kontrolle. Am Abend vergeht er sich laut Staatsanwaltschaft sexuell an einem 13-jährigen Mädchen in der Wohnung eines Bekannten.

Samstag, 31. Mai: R. erscheint erneut in der JVA. Erst gegen Abend wird das Verbrechen vom Vortag bei der Polizei in Lingen zur Anzeige gebracht.

Sonntag, 1. Juni: R. taucht ab, die Polizei fahndet nach dem flüchtigen Straftäter zunächst im Stillen.

Montag, 2. Juni: Der Unterausschuss Justizvollzug und Straffälligenhilfe sowie der Ausschuss für Rechts- und Verfassungsfragen im niedersächsischen Landtag werden laut Justizministerium von Ministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) über die Flucht informiert.

Dienstag, 3. Juni: Die Staatsanwaltschaft Osnabrück und die Polizei im Emsland starten eine Öffentlichkeitsfahndung. Bilder von R. werden veröffentlicht. Wenig später wendet sich das Justizministerium mit weiteren Details an die Öffentlichkeit.

Mittwoch, 4. Juni: Während R. weiter verschwunden bleibt, nimmt Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) auf einer Pressekonferenz in Hannover Stellung zu den Vorfällen. Die Opposition im Landtag übt Kritik an der späten Information der Öffentlichkeit. Unterdessen kritisiert die Gewerkschaft der Strafvollzugsbediensteten einen gefährlichen Mangel an Gefängnispsychiatern in Niedersachsen.

Donnerstag, 5. Juni: Die Ermittler können noch keinen Erfolg bei der Fahndung nach dem flüchtigen Sexualstraftäter Reinhard R. vermelden. Staatsanwaltschaft und Polizei appellieren an die Bevölkerung, dennoch nicht nachzulassen und die Fahnder weiter mit Hinweisen und Beobachtungen zu versorgen.

Freitag, 6. Juni: Im Fall des flüchtigen Sexualstraftäters Reinhard R. gehen bei der Polizei Hinweise aus ganz Deutschland ein. Bisher führte jedoch keiner der Tipps auf die Spur des aus der JVA Lingen geflüchteten Sicherungsverwahrten. Unterdessen wird der Fall des flüchtigen R. immer mehr zum Politikum. Die Opposition kritisiert den Einsatz von Zielfahndern des LKA als verspätet und übt scharfe Kritik an der Informationspolitik des Justizministeriums.

Samstag, 7. Juni: Die Polizei nimmt Reinhard R. in Emmerich am Rhein fest. Er hat vorher die JVA Lingen angerufen und seinen Standort mitgeteilt, wie später bekannt wird.

Dienstag, 10. Juni: Recherchen unserer Zeitung zeigen: Der Bekannte von Reinhard R., in dessen Wohnung es zu der mutmaßlichen Vergewaltigung einer 13-Jährigen gekommen sein soll, ist selbst wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern vorbestraft. Die beiden Männer kennen sich aus der JVA Lingen. Die Anstalt wusste von der Bekanntschaft, nicht aber, dass sich die beiden auf den Freigängen von R. treffen, teilt das Justizministerium mit.

Mittwoch, 11. Juni: Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) unterrichtet den Rechtsausschuss im niedersächsischen Landtag und wehrt sich gegen Kritik. In der JVA Kleve bricht unterdessen R. sein Schweigen. Gegenüber einer Ermittlungsrichterin macht er Angaben, bestreitet aber die Missbrauchsvorwürfe.

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