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Ganz weit draußen Borkum: Ostfriesische Insel entpuppt sich im Ostteil als Paradies

Von Dirk Fisser


Borkum. Ein hauchdünner Film von Meersalz liegt auf der Haut. Irgendwo am Horizont drehen sich die Windräder auf dem Festland. Der kühle Wind kriecht durch die Gräser. Die Seemöwen krächzen ihre schiefe Melodie. Hier ist man ganz, ganz weit weg von allem. Und doch mitten auf Borkum.

30 Kilometer sind es vom Festland bis zur Insel. Eine halbe Ewigkeit schaukelt die Fähre zuerst die Emsmündung bei Emden hinab, um dann durch die aufgewühlte Nordsee zu stampfen. Fast scheint es, als wenn sie gar nicht vorankommt. Nur Wasser links und rechts. Borkum liegt fern ab von allem. Als westlichste der sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln ist sie den Niederlanden näher als Deutschland. Wer hier her will, ist bereits bei der Anreise gezwungen, einige Gänge zurückzuschalten.

Wenn die Fähre nach zwei Stunden oder manchmal mehr anlegt, ist man immer noch nicht da. Gut sieben Kilometer sind es bis zum Stadtzentrum. Die Inselbahn nimmt die rund 250000 Gäste in Empfang, die jedes Jahr von den Fähren ausgespien werden. Fast im Schritttempo dampft die Bahn an endlosen Salzwiesen vorbei. Seit 125 Jahren geht das schon so. Dieses Jahr wird das Jubiläum groß gefeiert.

Der erste Eindruck der Ankunft trügt: Borkum ist Trubel. Zumindest im Stadtzentrum, wo geballt etwas mehr als 5000 Menschen leben. Hinzu kommen die zahllosen Autos, die sich durch die Straßen quetschen. Nur auf Borkum und Norderney ist privater Kfz-Verkehr erlaubt.

Die Architektur ist funktional bis langweilig. Kleine Häuser aus rotem Backstein mit Vorgarten. So sieht es in ganz Ostfriesland aus. Und auch der erste Gang zur Promenade in Richtung Meer enttäuscht: Der Weg ist gesäumt von mehrgeschossigen Hotelbauten. Hier fügt sich nichts in die Landschaft ein, denn von ihr ist nichts mehr zu sehen. Weggepflastert für den Tourismus.

Wo ist die Gemütlichkeit der Anreise geblieben? Die Antwort gibt es auf einer Inselkarte: Das Stadtzentrum liegt im Westland. Das Ostland, das den weitaus größeren Teil der 31 Quadratkilometer einnimmt, ist menschenverlassen. Keine Autos, keine lärmenden Touristen, nur ab und zu eine kleine Propellermaschine, die auf dem Flugplatz der Insel landet. Hier ist Borkum schön.

Durch das Nichts schlängeln sich scheinbar unendliche Radwege. Insgesamt gibt es davon mehr als 100 Kilometer. Mal geht es durch Dünen, mal durch Salzwiesen, und auch eine Sumpflandschaft mit Birken liegt am Wegesrand. Hin und wieder geht ein Weg zum Strand ab. Nur feiner Sand und Wasser und weit draußen vielleicht ein großes Containerschiff.

Unterwegs im Herzen der Insel lohnt es sich, innezuhalten und vielleicht auf einen der kleinen Bunker zu klettern, die Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg hinterlassen haben. Erst von dieser herausragenden Position lässt sich erahnen, wie erholsam Monotonie sein kann. Hinzu kommt diese einmalige Luft, die Besuchern um die Nase weht. Borkum ist umgeben von Meerwasser, damit herrscht Hochseeklima. Einfach mal durchatmen und das Meersalz auf den Lippen spüren. Hier im Ostland erscheint Borkum als ein kleines Paradies.

Wer es gefunden hat, der kann sich auch auf den Rest der Insel einlassen. Denn auch dort gibt es einiges zu entdecken. Zum Beispiel auf dem alten Friedhof der Insel. Er zeugt von der wechselhaften Geschichte des Eilands. Hier liegen nämlich die Kapitäne und ihre Besatzungen begraben, die im 18. Jahrhundert vor Grönland auf Walfang gingen. Die riesigen Meeressäuger sicherten der Insel einen gewissen Wohlstand – führten sie aber auch fast in den Ruin, als in einem Jahr mehrere Schiffe sanken und 50 Witwen auf Borkum zurückblieben. Die Grabsteine erzählen von dieser tragischen Zeit.

2010 wurde die aufwendige Restaurierung des Friedhofs abgeschlossen. Und so erfahren Besucher jetzt, dass beispielsweise Jan Roelofsz Visser von 32 Ausfahrten 5370 Fässer Speck mitbrachte. Der Wert: 200000 Gulden. Diese Geschichten werden im Heimatmuseum „Dykhus“ vertieft, wo das Originalskelett eines Pottwals über allem schwebt.

Es sind die positiven Eindrücke, die von Borkum haften bleiben. Wohl auch, weil die Abreise mit angezogener Handbremse erfolgt. Denn zurück zur Fähre geht es wieder mit der Inselbahn vorbei an den Salzwiesen und dem Watt. Bei gutem Wetter räkeln sich Seehunde auf Sandbänken. Wenn die Fähre abgelegt hat, lohnt der Blick zurück. Die drei Leuchttürme überragen die Insel mit ihren Hotelbauten. Etwas mehr als zwei Stunden sind es bis zum Festland. Zeit, um noch einmal durchzuatmen.

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