Erst nicht vorhanden, dann in Mode Mehr als eine „Mode“: Auch Erwachsene haben ADHS


Osnabrück. 36 Jahre lang ging Marion Kamp mehr schlecht als recht durchs Leben, bis sich auf einmal eine Tür öffnete: Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie eine einzige Sache fokussieren. Es war der Moment, als sie das erste Mal das Medikament mit dem gleichen Wirkstoff wie bei Ritalin nahm. Denn Marion Kamp hat ADHS. Doch bis sie 36 war, wusste sie nichts davon.

Damit gehört die Hagenerin zu geschätzten zwei Millionen Erwachsenen in Deutschland, die von der Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) oder ADS mit Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffen sind. Die berichteten hohen Fallzahlen kann der Facharzt für Psychiatrie Reinhard Boerner nicht nachvollziehen. Bis zur Jahrtausendwende war ADHS bei Erwachsenen laut dem Ärztlichen Koordinator und Chefarzt des Christlichen Krankenhauses Quakenbrück kein Thema. Es sei eine Modewelle, die bis heute anhalte. Ein Therapieboom. „Ich glaube nicht, dass Generationen von Psychotherapeuten das übersehen haben.“

ADHS hat in erster Linie neurobiologische Ursachen. „In bestimmten Teilen des Gehirns besteht eine chronische Unterfunktion“, erklärt Boerner. Bei ADHS-Patienten kann das Gehirn die einströmenden Reize nicht filtern . Betroffene stehen laut Boerner ständig unter Strom, können sich nicht lange konzentrieren, sind desorganisiert und stehen unter enormer Anspannung. „Es ist ein inneres Chaos im Kopf, eine beständige quälende Unruhe, ein Leben am Limit.“

Fünf Prozent der Kinder mit ADHS

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts haben etwa fünf Prozent der Kinder ADHS . Bei rund 50 Prozent von ihnen bleibt die Symptomatik im Erwachsenenalter bestehen, sagt Boerner. Bei etwa 20 Prozent der Erwachsenen trete die Krankheit in einer so abgeschwächten Form auf, dass sie sie nicht groß als störend empfinden. Beim Großteil jedoch sei sie in Verbindung mit einer anderen psychischen Störung zu finden und führe zu Beeinträchtigungen im Beruf und dem Privatleben. Dabei sei die vererbbare Krankheit bis zur Jahrtausendwende kein Thema in der Erwachsenenpsychotherapie gewesen.

Dass die heute 40-jährige Marion Kamp vor ein paar Jahren erfuhr, warum sie schon immer anders war als andere, war eher ein Zufall. Ihre beiden Kinder haben ADS beziehungsweise ADHS. In der Selbsthilfegruppe für Eltern betroffener Kinder in Bad Iburg wollte sie sich Anregungen holen – und merkte, dass viele Dinge auch auf sie zutrafen. „Ich dachte, falls ich selber wirklich ADHS habe und es behandelt werden könnte, es könnte vielleicht vieles besser werden“, sagt sie.

„Ich nehme zu viel wahr“

Die Diagnose bestätigte ihre Vermutung. Überrascht sei sie nicht gewesen. Seitdem bekommt sie eine therapeutische Behandlung und Medikamente. „Und das, obwohl ich da absolut kein Fan von bin. Aber auf einmal war alles so klar. Es war wie eine Offenbarung.“ Sie habe sich auf eine Sache konzentrieren, Papiere innerhalb von einer Woche sortieren können, die sie jahrelang nur in einen Karton geworfen hat. Dazu die Wohnung in Schuss halten, Essen kochen, Hausaufgaben kontrollieren. Das sei früher undenkbar gewesen.

Wenn die Wirkung der Medikamente nachlässt, „merke ich, dass wieder zu viel interessant wird. Ich nehme zu viel wahr.“ Denn die Medizin sorgt dafür, dass die Filterfunktion des Gehirns gestärkt wird. Mit Ruhigstellung habe das nichts zu tun.

Im Hinblick auf die Medikamente ist es laut Boerner zu einer „gefährlichen Entwicklung“ gekommen, die sich nur durch eine sorgfältigere Diagnosestellung ändern lasse. Der Wunsch nach leistungssteigernden Psychostimulanzien wie Ritalin sei ein häufiger Grund für eine Untersuchung. Doch etwa 80 Prozent der Personen – überwiegend junge Männer zwischen 18 und 30 –, die sich ambulant im Christlichen Krankenhaus Quakenbrück auf ADHS testen lassen, seien nicht betroffen. Sie litten unter Verhaltens- oder Persönlichkeitsstörungen. Bei der Therapie aber sei der Einsatz von Medikamenten ein entscheidender Faktor. „Sie greifen direkt in den gestörten Regelkreis des Hirnstoffwechsels ein.“ Ergänzend habe sich eine gezielte Verhaltenstherapie bewährt.

Marion Kamp hat Dank der Behandlung eine stark verbesserte Lebensqualität. „Ich rede immer noch sehr schnell. Aber früher war es schwer mit mir auszuhalten. Ich habe eine Million Stöckchen gesucht, gefunden, aufgegriffen und ins Gespräch geworfen, obwohl sie gar nicht mehr passten.“ In ihrer Kindheit sei sie häufig geärgert worden. „Das war schon nicht immer einfach. Da konnte ich nicht gegen an, weil ich einfach nicht wusste, was mit mir los war und deshalb hätte ich es nicht ändern können.“ Heute hat sie ihren Alltag extrem durchstrukturiert, nutzt Post-its als Gedankenstütze und kommt „viel besser klar“ .


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