Prozess vor Landgericht fortgesetzt Piraten schickten „freundliche Grüße“ vom Folterschiff

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Osnabrück. Der Mann, den die Piraten Mike nannten, hat am Dienstag im Prozess gegen den mutmaßlichen Chefplaner der Entführung der „Marida Marguerite“ ausgesagt. Der Zeuge führte für die Harener Reederei die Lösegeldverhandlung in den letzten Monaten der Kaperung, als die Lage an Bord vor der Küste Somalias immer mehr eskalierte.

„Ich habe so reagiert, wie ich gebrieft worden bin“, erklärte der damalige Angestellte der Harener Reederei vor Gericht. „Die Gefühlswelt sah aber ganz anders aus.“ Telefonisch hätten die Piraten in dieser Zeit immer häufiger mit der Ermordung der Crew gedroht. Zudem hätten Besatzungsmitglieder im Emsland angerufen und ihre verzweifelte Lage geschildert. Laut Anklage kam es in dieser Zeit zu schweren Folterungen.

Die Reederei aber blieb hart und handelte mit den Piraten. „Am Ende haben wir uns auf den Betrag geeinigt, der der Reederei zur Verfügung stand“, umschrieb der Unterhändler das Ergebnis seiner Arbeit. Aus Sicht der Harener war sein Einsatz erfolgreich: Die Ursprungsforderung der Piraten war über die Monate von 15 Millionen auf 5 Millionen US-Dollar gedrückt worden - genau die Summe, mit der die Fracht des Schiffes versichert war, wie im Laufe der Verhandlung deutlich wurde.

Indisches Büro besetzt

Nicht nur die Piraten übten in dieser Zeit Druck auf das emsländische Unternehmen aus. In Indien besetzten nach Aussage des Zeugen Angehörige der Besatzungsmitglieder das Büro der Harener Reederei. Einige traten in Hungerstreik. Andere schalteten die indische Politik ein. Die Verärgerung der Verwandten war wohl deswegen so groß, weil die Entführung der „Marida Marguerite“ von Mai bis Ende Dezember 2010 dauerte und damit deutlich länger als bei anderen Schiffen.

Neben dem Satellitentelefon an Bord des Frachters war vor allem das Fax wichtigstes Instrument der Piraten, um mit der Reederei in Kontakt zu bleiben. Der Betreff der Schreiben lautete in aller Regel „Money“, unterzeichnet waren sie „mit freundlichen Grüßen“. In einem Fax antwortete der Chefunterhändler der Piraten an sein Gegenüber in Haren: Der Piratenkommandant habe ihm ins Gesicht gespuckt, nach dem er das aktuelle Angebot aus dem Emsland vorgelesen habe. Das lag damals wohl noch unter einer Million US-Dollar.

Meuterei auf der „Marida Marguerite“?

Auch innerhalb der Besatzung der „Marida Marguerite“ soll es zu Verwerfungen gekommen sein. So habe der Kapitän des Schiffes nach Freilassung unmittelbar darum gebeten, unter Schutz genommen zu werden, schilderte Zeuge Mike. Der Kapitän habe sich von einem führenden Besatzungsmitglied bedroht gefühlt, das sich auf die Seite der Piraten geschlagen haben soll, um so bessere Lebensbedingungen für sich an Bord des Schiffes herauszuschlagen.

Am Ende sei bei dem Ingenieur tatsächlich ein Teil der Lösegeldsumme gefunden worden, ging aus der Zeugenaussage hervor. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen das Besatzungsmitglied wurden allerdings wohl alsbald eingestellt, weil sich die mutmaßliche Meuterei nicht beweisen ließ.

Zur Rolle des angeklagten Somaliers machte „Mike“ keine Aussage. Die Staatsanwaltschaft wirft dem vermutlich 44-Jährigen vor, die Entführung des Schiffes federführend geplant zu haben und selbst als oberster Kommandant mehrfach auf dem Tanker gewesen zu sein.

Fortgesetzt wird der Prozess am Mittwoch, 5. März, um 9.15 Uhr am Landgericht Osnabrück mit weiteren Zeugenaussagen.


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