Kampf gegen MRSA Antibiotikaresistente Keime: die unsichtbare Gefahr

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Osnabrück. Die Gefahr lauert auf der Haut, im Krankenhaus, im Stall, eigentlich überall: antibiotikaresistente Keime. Vorneweg die MRSA-Bakteriengruppe. Allein im vergangenen Jahr verzeichnete das Landesgesundheitsamt in Niedersachsen 528 MRSA-Infektionen. In 26 Fällen endete das mit dem Tod des Patienten. Offiziell. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.

30 Prozent der Deutschen tragen laut Bundesinstitut für Risikoforschung den Erreger Staphylococcus areus (SA) mit sich herum. Die meisten werden von dem ungebetenen Gast nichts merken. Zum ernsten Problem wird der Keim dann, wenn er sich an Antibiotika gewöhnt hat und nicht mehr auf die Medikamente reagiert.

Aus SA wird dann MRSA, die Kurzform für methicillinresistenter Staphylococcus aureus . Besonders gefährlich ist der Keim bei einem geschwächten Immunsystem. Die Symptome einer Infektion können unterschiedlich ausfallen: Entzündungen, Durchfall, Erbrechen oder Blutvergiftungen können die Folge sein. Normale Antibiotika reichen nicht mehr, um den Kampf gegen MRSA zu gewinnen.

Um überhaupt einen Überblick über die Dimension des Problems in Niedersachsen zu bekommen, müssen seit Juni 2009 MRSA-Infektionen an das Landesgesundheitsamt in Hannover gemeldet werden. Die Behörde teilt auf Nachfrage mit: Seit dem sei bei 2114 Patienten in Blutkulturen oder Hirnwasserproben eine Infektion mit den gefährlichen Keimen nachgewiesen worden. 142 Menschen starben daran.

Die amtliche Statistik zeigt aber noch mehr: Demnach sind besonders ältere Menschen gefährdet, denn der Großteil der MRSA-Erkrankten war im vergangenen Jahr 70 Jahre oder älter.. Das spiegle sich auch im regionalen Vergleich wieder, heißt es aus dem Landesgesundheitsamt: Je höher das Durchschnittsalter der Bewohner eines Landeskreises, desto höher auch die MRSA-Rate.

Der gefährliche Keim tritt in verschiedenen Varianten auf. Am bekanntesten ist die Variante aus dem Krankenhaus oder den Pflegeheimen. Durch mangelnde Hygiene kann er hier auf den Patienten überspringen und dessen im Zweifelsfall ohnehin schon geschwächte Gesundheit angreifen. Ein Artverwandter ist besonders im Schweinestall zu finden – LA-MRSA . Er kann vom Tier auf den Menschen überspringen. Da es im südlichen Weser-Ems-Raum besonders viele Schweine gibt, verzeichnen die Behörden hier auch besonders viele LA-MRSA-Infektionen bei Menschen. Vor allem für Bauern hat das Konsequenzen: Kommen sie ins Krankenhaus, werden sie als sogenannter Risikopatient eingestuft. Die Angst geht um, dass sie LA-MRSA einschleppen.

Laut Robert-Koch-Institut (RKI), bundesweit für die Überwachung von Infektionskrankheiten zuständig, tritt der gefährliche Keim in etwa der Hälfte aller konventionellen Schweinemastanlagen auf. Das hat Auswirkungen auf die dort arbeitenden Menschen: 86 Prozent der Landwirte und Tierärzte – also die Menschen, die direkten Kontakt zu den Schweinen haben – sind von den resistenten Keimen besiedelt.

Austrag durch Stallluft

„Ein Austrag [...] aus den Mastanlagen kann ebenfalls über den Stallstaub erfolgen“, heißt es beim RKI. Gleichzeitig aber betont das Institut: Wer keinen direkten Kontakt zu den Tieren hat, bei dem ist das Risiko, von MRSA besiedelt zu werden, 138-fach geringer.

Doch nicht nur im Krankenhaus und im Schweinestall lauert der Keim. Eine dritte Variante rückt immer mehr in den Fokus der Mediziner – C-MRSA genannt. Sie springt von Mensch zu Mensch über. Ein Händedruck kann reichen.

Seit knapp einem Jahr läuft in der Ems-Dollart-Region eine Studie zur Verbreitung. Ende März soll das Projekt abgeschlossen werden. Daran beteiligt ist auch der Gesundheitsdienst von Stadt und Landkreis Osnabrück. Chef Gerhard Bojara betont: „Diese MRSA-Variante gibt es viel häufiger, als man glaubt“, sagt er und schiebt hinterher: „Der Krankheitsverlauf ist dramatisch.“ Auch junge Menschen seien betroffen. Er habe eigentlich gesunde Patienten gesehen, die mit Abszessen übersät waren. Ausgelöst durch C-MRSA.

Bojara befasst sich schon seit Jahren mit der unsichtbaren Gefahr. 2009 war er federführend an der Gründung des MRSA-Netzwerkes Osnabrück beteiligt. Damals, gesteht der Amtsarzt rückblickend, sei er sich der Dimension des Problems selbst noch nicht so ganz bewusst gewesen. Das sei heute anders. Nicht nur bei ihm. Dem Netzwerk hätten sich mittlerweile so gut wie alle Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen der Region Osnabrück angeschlossen, dazu ambulante Pflegedienste: also all die Institutionen, in denen MRSA besonders häufig auftritt. Ziel sei ein einheitliches Vorgehen gegen den Keim, sagt Bojara.

Ausbildungsproblem?

Ein Dorn im Auge ist ihm dabei die Verschreibungspraxis von Antibiotika im ambulanten Bereich, von wo 80 Prozent ihren Weg zum Patienten finden. Bojara hält fest: „Es werden viel zu viele Antibiotika verordnet. Gerade in der Winterzeit werden virale Erkältungskrankheiten fälschlicherweise mit Antibiotika behandelt. Das ist ein allgemeines Ausbildungsproblem in der deutschen Ärzteschaft.“

Mittlerweile gebe es Bakterien, gegen die fast kein Antibiotikum mehr wirkt, sagt Bojara. „Eine Infektion verläuft dann oft lebensbedrohlich. Wenn wir nicht bald umdenken, bekommen wir das Problem nicht mehr in den Griff.“

Ein weiteres Problem ist laut Bojara die Informationskette: Zwar würden Krankenhäuser eine Infektion des Patienten an Pflegeeinrichtungen oder Hausärzte rückmelden, andersherum funktioniere dies nicht. Im Zweifelsfall schleppe der Patient also den Keim ein, obwohl eigentlich bekannt sei, dass er von MRSA besiedelt ist. Um gegenzusteuern will das Netzwerk einen Pass ähnlich dem Impfpass etablieren: Darin soll vermerkt werden, welche multiresistenten Keime der Patient trägt. Demnächst geht das kleine Stück Papier in den Druck, das den Kampf gegen MRSA voranbringen soll. So hofft Bojara.

Er warnt aber auch: „Da rollen weitere Probleme auf uns zu.“ Während MRSA überall Thema sei, würden sich andere multiresistente Erreger rasend schnell ausbreiten. In ihrer Wirkung auf den Menschen seien diese oftmals noch viel verheerender als Staphylococcus areus.


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