Suche nach langfristiger Lösung Wer versichert künftig die Hebammen?

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Hebammen begleiten Frauen während der Schwangerschaft. In der Vergangenheit mussten Freiberufliche immer mehr für ihre Haftpflichtversicherung bezahlen. Foto: Gert WestdörpHebammen begleiten Frauen während der Schwangerschaft. In der Vergangenheit mussten Freiberufliche immer mehr für ihre Haftpflichtversicherung bezahlen. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Seit Jahren steigen die Prämien für die Haftpflichtversicherung von freiberuflichen Hebammen. Jetzt will die Nürnberger Versicherung zum Juli 2015 aus dem Konsortium mit zwei weiteren Versicherungen aussteigen. Noch ist fraglich, wer die Hebammen dann versichert. Der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will mit den Hebammenverbänden eine längerfristige und strukturelle Lösung erarbeiten.

Von Nadine Grunewald und Stefanie Witte

„Das Gespräch mit dem Bundesgesundheitsminister gibt uns Anlass zur Hoffnung, dass das strukturelle Problem der Haftpflichtversicherung bei den Hebammen endlich politisch angegangen wird. Ab Sommer soll es eine kurzfristige Lösung geben, um die Kosten für die Haftpflicht für alle betroffenen Hebammen auszugleichen“, sagt Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands. Sie fühle sich ernst genommen. Gröhe habe nicht nur die Haftpflichtproblematik, sondern zudem die Versorgungssituation im Blick.

Nachdem die Nürnberger Versicherung den Ausstieg aus dem Konsortium verkündet hatte, hängen die Hebammen in der Luft. Ob die verbleibenden Versicherungen weiter versichern und zu welchem Preis, ist nach Angaben der Vorsitzenden des Hebammenverbands Niedersachsen, Uschi Fietz, ungewiss. Sollten sie keine Versicherung bekommen, wäre das das Aus für freiberufliche Hebammen und die Wochenbettbetreuung, sagt eine Sprecherin des Deutschen Hebammenverbands (DHV): „Die Versicherungen lehnen es ab, weil ihnen das Risiko zu hoch ist.“

Weil die Kosten für Geburtsschäden infolge von Behandlungsfehlern massiv angestiegen sind, werde der Versicherungsschutz laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft schwieriger.In der Geburtshilfe entständen verhältnismäßig wenige Schäden, die dafür umso größer sind. Die Behandlung und Pflege würden vielfältiger und teurer. Denn durch den medizinischen Fortschritt steige die Lebenserwartung Schwerstgeschädigter.

Mussten Hebammen 2003 jährlich nur 1352 Euro für die Versicherung zahlen, waren es 2012 bereits 4242 Euro. Inzwischen sind es bis zu 5000 Euro, wenn sie auch Geburtshilfe anbieten. Der durchschnittliche Jahresverdienst liegt laut Susanne Schäfer, Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) bei freiberuflichen Hebammen bei 24000 Euro.

Hebammen sind im Schadensfall bis zu einer Summe von sechs Millionen Euro versichert. Für alles was darüber geht haftet die Hebamme mit ihrem Privatvermögen, heißt es vom DHV. Die Hebammenverbände fordern eine Haftungsobergrenze für Hebammen.Die gestiegene Versicherungsprämie hat Auswirkungen auf die Anzahl der freiberuflichen Hebammen, sagt Fietz. Die Zahl der in Niedersachsen freiberuflich tätigen Hebammen sank von 850 in 2007 auf 700 Ende 2013 (30/68). Deutschlandweit arbeiten 21500 freiberufliche und angestellte Hebammen. Ohne freiberufliche Hebammen hätten Schwangere keine Wahlfreiheit mehr.

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„Schon jetzt bekommen nicht alle Frauen eine Betreuung zu Hause, die eine möchten“, sagt Fietz. „Eine Hebamme für die Wochenbetreuung zu finden ist oft nicht möglich. Wenn die Frauen drei, vier Tage nach der Entbindung aus dem Krankenhaus entlassen werden, stehen sie alleine da. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein.“

Hebammen im Landkreis Osnabrück

Direkt von der momentanen Situation betroffen ist Edna Mertens. Sie bietet als eine von sechs Hebammen im Landkreis Osnabrück Hausgeburten an. Sie kritisiert, dass die Kosten immer höher, der Arbeitsaufwand immer größer wird: „40 Geburten pro Jahr brauchen wir schon. Da kann man sagen, dass es sich lohnt und wir nicht draufzahlen.“ Sogar aus Oldenburg und Bremen meldeten sich Frauen. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich bis nach Vechta, Lingen und Melle. Darin liegen alle Orte, die in maximal einer Stunde erreichbar sind. Die Nachfrage sei allerdings sehr groß: „Wir müssen einigen Frauen absagen.“

Inklusive Vor- und Nachsorge komme sie auf eine 60-bis 70-Stunden-Woche, schätzt die Hebamme. Mit drei Kindern ist der Job nur zu schaffen, weil ihre Familie sie unterstützt. Die stetig steigenden Versicherungskosten nagen an ihren Nerven. „Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich sage: Noch mehr kann ich nicht und will ich nicht.“

Mertens hat sich bereits nach Alternativen umgesehen und lässt sich zur Heilpraktikerin ausbilden. „Ich merke, wie oft ich alles überprüfe und abwäge“, sagt die Hebamme. Allerdings macht vor allem der Mangel an Wertschätzung den beiden Hebammen zu schaffen: „Wenn es nicht gewürdigt wird, ziehen wir uns eben zurück“, sagt Mertens.

Durchgehend in Rufbereitschaft

Seit Oktober 2013 ist Julia Maier freiberufliche Hebamme. „Ich habe seit dem 21. Oktober durchgehend Rufbereitschaft“, sagt Maier. Sie ist rund um die Uhr für werdende Mütter erreichbar. Alternativ in einer Klinik zu arbeiten könne sie sich nicht vorstellen. „Man fühlt sich machtlos“, sagt Maier zu der jetzigen Situation. Die Frauen, die sie betreue, würden angesichts der verschärften Lage die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.


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