Sozialministerin setzt auf Prävention Missbrauch: eher kein „Elternführerschein“ in Niedersachsen

Von dpa

Im Kampf gegen Kindesmissbrauch will man in Niedersachsen eher auf Prävention setzen – und nicht auf Zwang. Foto: dpaIm Kampf gegen Kindesmissbrauch will man in Niedersachsen eher auf Prävention setzen – und nicht auf Zwang. Foto: dpa

Hannover. Sind Kinder ausreichend vor Übergriffen ihrer Eltern geschützt? Ein Buch von zwei Rechtsmedizinern hat eine Debatte über Kindesmisshandlung ausgelöst. Niedersachsen hat seine Hilfsangebote in den vergangenen Jahren vernetzt.

Im Kampf gegen Kindesmissbrauch setzt Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt auf Prävention, statt auf Zwang. Die allermeisten Eltern kümmerten sich liebe- und verantwortungsvoll um ihre Kinder, sagte die SPD-Politikerin am Dienstag der dpa. „Einen verpflichtenden „Elternführerschein“ halte ich für wenig sinnvoll.“ Vielmehr gehe es darum, junge Eltern etwa durch Fortbildungen zu unterstützen, betonte Rundt. Zwei Berliner Rechtsmediziner hatten mit ihrem neuen Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ eine Debatte darüber ausgelöst, wie Jungen und Mädchen besser vor Gewalt geschützt werden können.

In Niedersachsen wurden im Jahr 2012 laut Polizeistatistik 17 743 Kinder unter 18 Jahren Opfer von Straftaten. Zuletzt wurde bekannt, dass ein 13-Jähriger in Hildesheim von seiner Mutter und ihrem Freund mehrfach angekettet wurde, als das Paar das Haus verließ. Die 41-Jährige und ihr 48 Jahre alter Partner wurden wegen Misshandlung Schutzbefohlener und Freiheitsberaubung angeklagt. Der Junge wird seit mehr als einem Jahr stationär in der Psychiatrie behandelt.

Bei Gewalt gegen Kinder ist die Dunkelziffer hoch, auch weil die Täter meist in der Familie zu finden sind. Viele Taten werden nie aufgedeckt. Die Berliner Autoren werfen Jugendämtern und Justiz „regelmäßiges Versagen“ vor. Pro Woche gebe es in Deutschland drei tote Kinder als Folge von Quälerei und Gewalt.

In städtischen Brennpunkten oder auf dem Land fehlen aus Sicht von Kinderschützern Sozialarbeiter, die ein Vertrauensverhältnis zu problematischen Familien aufbauen könnten. „Es muss mehr für benachteiligte Kinder getan werden“, sagte der Vorsitzende des niedersächsischen Kinderschutzbundes, Johannes Schmidt. Was die Vernetzung von Hilfeangeboten angeht, gehöre Niedersachsen bundesweit zu den Vorreitern. „Es wird mehr aufgedeckt und mehr angezeigt“, sagte Schmidt.

Nach Angaben des Sozialministeriums sind die Anstrengungen zur Prävention von Kindesmissbrauch in den vergangenen fünf Jahren verstärkt worden. Ein Baustein ist die 2011 offiziell gestartete Kinderschutzambulanz am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Beim Verdacht von Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch können niedergelassene Kinderärzte sowie Kliniken die Spezialisten um Rat fragen. Zudem werden Opfer von Übergriffen hier untersucht.

Kinderärzte übernehmen eine Schlüsselrolle beim Erkennen von Vernachlässigung und Misshandlung. In Niedersachsen schickt das Land seit 2010 jährlich rund 320 000 Schreiben an Familien mit der Aufforderung, ihren Nachwuchs bei den Früherkennungsuntersuchungen vorzustellen. Mittlerweile nehmen dem Sozialministerium zufolge 92 Prozent der Familien die Termine der sogenannten U-Untersuchungen wahr, im April 2010 waren es noch 85,7 Prozent.


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