Missstände aufgedeckt Meyer-Werft: „Da ist gesündigt worden“

Hochburg der Beschäftigung auch von Werkvertragern: die Meyer-Werft, deren jüngstes Schiff hier die Dockschleuse passiert. Foto: dpaHochburg der Beschäftigung auch von Werkvertragern: die Meyer-Werft, deren jüngstes Schiff hier die Dockschleuse passiert. Foto: dpa

Hannover. Doppelschichten, permanente Übermüdung, ausgesetzte Arbeiter: Prekäre Zustände beim Umgang mit Werkvertrags-Arbeitnehmern aus Osteuropa in der Meyer Werft hat der Zwischenbericht der Task Force offenbart.

Nach der am Dienstag in Hannover präsentierten Untersuchung haben einige der 21 überprüften Firmen ihre Mitarbeiter zum Teil in Doppelschichten arbeiten lassen. Sie hätten zunächst morgens acht Stunden absolviert und dann nach einer Pause am Abend weitere vier bis fünf Stunden.

Viele seien permanent müde gewesen; „Einige hätten nach der Arbeit kaum noch laufen können und seien erschöpft ins Bett gefallen“, heißt es in dem Bericht. In einem Extremfall wurde demnach festgestellt, dass ein Werkvertragler sich 23,55 Stunden in der Werft aufhielt. „Es ist gegen das Arbeitszeitgesetz gesündigt worden“, konstatierte der frühere Justizminister Walter Remmers (CDU) als Leiter der Taskforce.

Geschehen konnte dies laut Remmers, weil die Werft zwar die Eingangs- und Arbeitszeiten ihrer direkt Beschäftigten kontrolliert habe, bei Werkvertraglern aber nur die Zutritts- und Ausgangszeiten.

Brand im Juli

Generell sei vor dem Brandunglück am 17. Juli, bei dem zwei Rumänen in Papenburg ums Leben kamen, „nicht genau hingeguckt und zu viel vertraut worden“, bemerkte der Ex-Minister. Er bezog dies auch auf die Wohnsituation der Werkvertragler, die in vielen Fällen „kritisch“ und von Überbelegung geprägt gewesen sei.

Aber auch im Umgang mancher Werkvertragsfirmen mit ihren osteuropäischen Beschäftigten hat es dem Bericht zufolge skandalöse Zustände gegeben. Registriert wurden Fälle, in denen nur ein Teil des vereinbarten Lohns tatsächlich ausgezahlt wurde und es massive Drohungen gegen Kritiker gab.

Ausgesetzter Arbeiter

So sei in einem Fall ein Beschäftigter ohne Geld und ohne weitere Mittel in Oldenburg auf dem Bahnhof ausgesetzt worden. Dort habe er eine Woche verbracht, bis seine Familie ihm Geld für die Heimreise zukommen ließ.

Um einer Rückverfrachtung etwa in ihre rumänische Heimat zu entgehen, hätten viele Arbeitnehmer trotz Krankheit nicht den Arzt aufgesucht – aus Angst vor ihren Arbeitgebern.

Bei aller Kritik an den Missständen in der Werkvertragsbranche würdigten Remmers, Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) und Vertreter von Gewerkschaften und Betriebsräten die Aufgeschlossenheit der Meyer Werft, umgehend kritikwürdige Verhältnisse zu beseitigen. Verwiesen wurde auf Maßnahmen wie den Abschluss einer Sozialcharta, die Aufstellung eines Verhaltenskodex und die Verabschiedung eines Haustarifvertrags. „Wie hier gehandelt wurde, ist vorbildlich“, unterstrich Lies. Auch mit dem offenen Bericht der Taskforce seien Maßstäbe gesetzt worden.

Der Minister nannte es notwendig, nun in Deutschland generell vernünftige Arbeitsbedingungen in dieser Branche zu schaffen. Die niedersächsische Landesregierung werde hier nicht lockerlassen.

Werkverträge wichtig

Unternehmer Bernard Meyer bekräftigte, dass sein Unternehmen „nichts vertuschen“, sondern Missstände auch künftig ausmerzen wolle. „Wir haben wohl auch noch nicht alles gefunden.“

Zugleich unterstrich Meyer die große Bedeutung von Werkverträgen für die Werft. Darüber würden 36 Prozent des Volumens bei einem Kreuzfahrtschiff abgewickelt; ständig seien etwa 1 500 Mitarbeiter von Werkvertragsfirmen auf dem Firmengelände in Papenburg tätig. Von „schwarzen Schafen“ habe man sich zwischenzeitlich auch getrennt.


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