Dunkelfeldstudie vorgestellt Hunderttausende Straftaten in Niedersachsen nicht angezeigt


Osnabrück. Ein Großteil der Straftaten in Niedersachsen wird nicht angezeigt. Das ist eines der Ergebnisse der bundesweit bislang einmaligen Dunkelfeldstudie, die Innenminister Boris Pistorius (SPD) am Freitag in Hannover vorgestellt hat. Demnach wurden 2012 etwa 30 Prozent der Niedersachsen Opfer einer Straftat – aber 70 Prozent dieser Opfer erstatteten keine Anzeige.

Wie aus der Studie hervorgeht, gehen die Betroffenen unter anderem deswegen nicht zur Polizei, weil sie den Verstoß für zu gering ansehen. Ein weiterer Grund: Sie gehen ohnehin nicht davon aus, dass das Verbrechen aufgeklärt wird.

Besonders auffällig: Laut Studie werden nur vier Prozent der Sexualdelikte angezeigt. Demnach gingen etwa 1300 Anzeigen im vergangenen Jahr bei der Polizei in Niedersachsen ein – laut Hochrechnung müsste es aber insgesamt 31600 Vergehen dieser Art gegeben haben. Ähnlich gering ist die Quote der Anzeigen bei Delikten im Zusammenhang mit Computern und Internet: Nur neun Prozent der Straftaten wurden angezeigt.

Wer Opfer geworden ist, hängt zudem stark vom Alter ab. Wie die Auswertung ergab, haben 50 Prozent der Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren eine Straftat selbst erlebt. Bei den über 80-Jährigen waren es unterdessen lediglich 12,5 Prozent.

Für die Erhebung der Daten waren 40.000 zufällig ausgewählten Niedersachsen ab 16 Jahren 50 Fragen zugeschickt worden. Knapp 20.000 Fragebögen kamen beantwortet zurück. Daraus speisen sich die Ergebnisse der Studie. Ein außergewöhnlich hoher Rücklauf, wie Innenminister Pistorius betonte.

Bernhard Witthaut, Präsident der Polizeidirektion Osnabrück, bezeichnete die Studie „als hilfreiche Grundlage, um die Polizeiarbeit zu verbessern und auszubauen“. Gleichzeitig appellierte er an Verbrechensopfer: „Jede Straftat muss angezeigt werden. Der Bürger muss den Mut haben, zur Polizei zu gehen. Nur so können wir effektiv gegen Delikte vorgehen.“

Aufgrund des hohen Rücklaufs an Fragebögen werden derzeit regionale Ergebnisse ausgewertet. So soll in den kommenden Wochen auch eine Studie speziell für das Gebiet der Polizeidirektion Osnabrück zwischen Nordseeküste und Teutoburger Wald vorgestellt werden.


Für die Dunkelfeldstudie zu nicht angezeigten Straftaten in Niedersachsen ist 40 000 zufällig ausgewählten Menschen ab 16 Jahren ein 20-seitiger Fragebogen mit 50 Fragen zugeschickt worden. 47 Prozent - ein ungewöhnlicher hoher Wert - hat den Fragebogen ausgefüllt zurückgeschickt. Die Studie gilt statistisch als repräsentativ und soll alle zwei Jahre wiederholt werden. Anonym wurden die Angeschriebenen zu im Jahr 2012 erlittener Kriminalität befragt, auch aber zu ihrer Furcht vor Kriminalität, zum eigenen Sicherheitsverhalten und zu ihrer Einschätzung der Polizeiarbeit. (dpa)

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