Experten fordern größere Evakuierungszonen Atomunfall beträfe mehr Menschen


Osnabrück. Kommt es im Atomkraftwerk Emsland zur Katastrophe, müssen möglicherweise weitaus mehr Menschen evakuiert werden als bislang in den Notfallplänen vorgesehen. Experten der Strahlenschutz-Kommission (SSK), die die Bundesregierung berät, mahnen für den Fall eines GAU an, die Evakuierungszonen um den betroffenen Meiler drastisch zu erweitern. Allein im Fall des AKW Lingen wären davon mehr als 100000 Menschen betroffen.

Das geht aus der Empfehlung einer Fachgruppe der Kommission hervor. SSK-Chef Wolfgang-Ulrich Müller bestätigte der „ Frankfurter Rundschau “ die Zahlen. Im Auftrag der Bundesregierung überprüfen Fachleute nach dem Reaktorunglück von Fukushima die vorhandenen Richtlinien in Deutschland.

Eine Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz hatte im April 2012 belegt: Kommt es zu einem starken und länger andauernden Austritt von Radioaktivität, sind davon weit mehr Menschen betroffen als bislang angenommen. „Unsere Schlussfolgerung: Für einige Szenarien wären weitreichendere Notfallpläne notwendig“, erklärte damals Mitautor Florian Gering unserer Zeitung. Diese Erkenntnisse decken sich mit der Fachgruppen-Empfehlung. Das heißt: Die vorhandenen Notfallpläne sind aus Sicht der Experten unzureichend.

Für das Atomkraftwerk im Emsland bedeutet das: Nach dem Notfallplan des Landkreises würden bislang im Umkreis von zwei Kilometern um den Meiler binnen sechs Stunden alle Menschen – insgesamt gut 1200 – evakuiert werden. Die Stadt Lingen, obwohl unmittelbarer Nachbar des Kernkraftwerks, wäre davon nicht betroffen. Die SSK-Experten halten hingegen eine Erweiterung des Radius auf fünf Kilometer für notwendig.

Daran schließt sich bislang ein zehn Kilometer großer Umkreis an. Nach dem gültigen Plan würden die Behörden je nach Windrichtung nur Teile der Bewohner evakuieren. Wer nicht in Flugrichtung der atomaren Wolke lebt, soll lediglich Jodtabletten erhalten. Eine Komplettevakuierung, so heißt es im Notfallplan, könne aber nicht ausgeschlossen werden. Davon wären dann mehr als 73000 Menschen betroffen.

Aus Sicht der Fachleute reicht das aber nicht aus. Sie halten eine Verdopplung der Zone auf 20 Kilometer für notwendig. Damit steigt die Zahl der Bewohner auf weit mehr als 100000. Städte wie Nordhorn könnten dann zumindest teilweise von einer Evakuierung betroffen sein.

Im aktuellen Notfallplan des Landkreises Emsland – erst wenige Wochen alt – spielen diese Überlegungen allerdings keine Rolle. Er basiert noch auf den derzeitig gültigen Rahmenempfehlungen der Strahlenschutzkommission aus dem Jahr 2008. Fukushima war damals noch kein Thema. Erst wenn diese Rahmenempfehlungen überarbeitet und vom übergeordneten Innenministerium in Hannover für gültig erklärt würden, so heißt es aus dem Kreishaus in Meppen, würde der Notfallplan geändert.

Noch aber sind die erweiterten Umkreise nicht mehr als die Empfehlung eines Arbeitskreises der SSK. Erst auf der nächsten Gesamtsitzung der Kommission könnte dann die offizielle Empfehlung ausgesprochen werden, an der sich die Innenministerien in der Regel orientieren. Offiziell will die Behörde nicht kommentieren. Aber: Auf der nächsten Sitzung der Innenministerkonferenz im Dezember in Osnabrück sollen auch die Notfallpläne Thema sein.

Schon vorher – am Samstag – wollen Atomkraftgegner auf mögliche Gefahren und unzureichende Evakuierungspläne hinweisen. Unter anderem an den Kraftwerken in Lingen und Grohnde wollen sie mittags Ballons starten lassen, die die mögliche Ausbreitung der Radioaktivität in Windrichtung dokumentieren sollen.


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