Wenn jede Minute zählt Krankenhaus-Kooperationen und Problemfälle

Blick in den
              OP-Saal bei einem neurochirurgischen Eingriff. Auf dem Monitor wird der Verlauf beobachtet. Foto: LewandowskiBlick in den OP-Saal bei einem neurochirurgischen Eingriff. Auf dem Monitor wird der Verlauf beobachtet. Foto: Lewandowski

So wie bisher geht es nicht weiter, sind sich Niedersachsens Krankenhausplaner einig. Die Reduzierung von Krankenhausbetten in der Region und die Beseitigung von Parallelstrukturen stehen im Raum.

Osnabrück. Angesichts der roten Zahlen vieler Häuser scheinen Kooperationen das Gebot der Stunde.

Positive Beispiele: Wie effektiv die regionale Zusammenarbeit sein kann, zeigt zum Beispiel die „Stroke-Unit“-Abteilung des Klinikums Osnabrück, mit der vier Kliniken des Niels-Stensen-Verbundes im Landkreis über Tele-Neurologie und per Videokonferenz verbunden sind. Zweite Muster-Vernetzung: die Versorgung von Schwerstverletzten durch das Traumanetzwerk Süd-West Niedersachsen, an das zwischen Cloppenburg und Melle derzeit elf Akutkrankenhäuser angeschlossen sind.

Die Stroke-Unit: Die Behandlung von Schlaganfallpatienten hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten dramatisch verändert. „Es zählt jede Sekunde, denn bei schneller Einleitung der Akuttherapie bestehen gute Chancen, Folgeschäden zu vermeiden“, erläutert Prof. Florian Stögbauer, Leiter der Schlaganfallzentrale im Klinikum, die Hintergründe der verbundübergreifenden Vernetzung.

Sie gewährleistet, dass auch kleinere Einrichtungen rund um die Uhr bestmögliche Versorgung garantieren. Ein Benefit ohne Kostenerhöhung. Im Gegenteil: Durch das schnelle Einschalten von Spezialisten werden indirekt sogar Einsparungen erzielt, da die Folgen eines Blutgerinnsels im Gehirn somit erheblich reduziert werden können.

Krankenhäuser im Osnabrücker Land


Die Kliniken in Melle, Bramsche, Ostercappeln und Dissen sowie das Franziskushospital sind über eine Videoleitung mit der Neurologie des Klinikums verbunden. Nur in schweren Fällen ist eine Verlegung in die Fachabteilung des Klinikums notwendig. Auch Damme, Quakenbrück und Ibbenbüren nutzen das Angebot.

Das Traumanetzwerk: Eine zweite Schnittstelle zwischen dem Klinikum Osnabrück, den Niels-Stensen-Kliniken und weiteren neun Kliniken ist das in diesem Jahr gegründete Traumanetzwerk Süd-West-Niedersachsen. „Ziel ist, die flächendeckende Versorgung von Schwerstverletzten durch eine enge Zusammenarbeit im Bereich Unfallchirurgie zu verbessern“, machen der Ärztliche Direktor des Klinikums, Privatdozent Dr. Martin Engelhardt, und Prof. Dr. Uwe Joosten vom Marienhospital (MHO) deutlich. „Eine Stunde nach dem Unfall muss eine kompetente Vor-Ort-Versorgung gewährleistet sein, sonst sinken die Überlebenschancen dramatisch“ stellt der MHO-Chefarzt heraus.

Durch das Netzwerk der Traumaversorgung erhöhen sich die Chancen für Schwerstverletzte, später wieder ein normales Leben führen zu können, erheblich. Knapp die Hälfte der versorgten Patienten kann nach einer Reha ins gewohnte Alltagsumfeld zurückkehren. Jeweils rund 150 Fälle werden in Klinikum und MHO hier jährlich versorgt.

Doch es gibt auch Bereiche, in denen in den vergangenen Jahren Parallelstrukturen bei Klinikum und Niels-Stensen-Verbund entstanden sind wie Onkologie, Senologie (Brustzentrum) oder Geriatrie.

Problem Neurochirurgie; Richtig kompliziert und derzeit höchst sensibel ist die Gemengelage bei der Neurochirurgie – der operativen Behandlung von Hirn- und Rückenmarksverletzungen sowie Tumoren. Mit Paracelsus-Klinik, Klinikum und Marienhospital sind gleich drei Träger in einer Konkurrenzsituation. Der Versorgungsauftrag für Neurochirurgie liegt für die Region bei der Paracelsus-Klinik. 60 Betten sind hier vom Land Niedersachsen ausgewiesen. Es gibt auch eine Kooperation mit dem Traumazentrum des Klinikums. Der Neurochirurg der Paracelsus-Klinik operiert bei Notfällen in der städtischen Einrichtung.

Aber auch das Marienhospital verfügt als zentrale Versorgungseinrichtung über ein Neurochirurgie-Angebot für Notfälle. Tumor-Patienten, bei denen OP-Termine planbar sind, darf jedoch nur die „Para-Klinik“ behandeln. Alle drei Häuser versuchen sich zu positionieren, da dieser Spitzenmedizin-Bereich als Wachstumsmarkt gilt. Sogar ein vom Landesministerium angeregtes Gespräch zwischen den Akteuren ist ergebnislos geblieben. Inzwischen hat Paracelsus ihr im August komplettiertes Neurozentrum auch als lokale Stroke-Unit (Schlaganfall-Einheit) platziert, das damit in Konkurrenz zur Schlaganfallzentrale und regionalen Stroke-Unit im Klinikum steht.

Kooperationen zu realisieren ist in der Theorie einfach, aber in der Praxis ein komplexes Verfahren, bei dem vielfältige Aspekte eine Rolle spielen. Die roten Zahlen bei zwei Dritteln der Krankenhäuser zwingen jedenfalls alle, sich auf den Weg zu machen.

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