Wiesn-Boom in der Region Warum Oktoberfeste im Norden so beliebt sind

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Lingen/Osnabrück. Zünftige Blasmusik, blau-weißer Festschmuck, Dirndl und Lederhosen, so weit das Auge reicht – beim Oktoberfest in den Emslandhallen in Lingen konnte man fast vergessen, dass die bayerische Hauptstadt mehr als 700 Kilometer weit entfernt liegt. Wie hier sah es in den vergangenen Wochen in zahlreichen Festzelten und Hallen in Norddeutschland aus. Gaudi wie auf der Münchener Wiesn – warum sind diese Feste außerhalb des Freistaates so beliebt? Die Spurensuche beginnt im Emsland.

70 Kellner flitzen zwischen den Bänken umher, in den Händen so viele Maß Bier, wie es eben geht. Auch am Tisch von Tobias Droste werden die Krüge zügig geleert. Mit zwanzig Freunden ist der gebürtige Lingener hier, die meisten von ihnen haben die Sitzbank schon längst zur Tanzfläche erkoren. Gerade setzt die Blaskapelle „Tinner Jäger“ zum Kultschlager „Aloha Heja He“ an, Drostes Freunde positionieren sich zur Ruder-Choreografie. „So eine Musik hört man eben nur einmal im Jahr, und zwar hier“, sagt der 29-Jährige. „Es ist einfach ein geiles Fest mit toller Stimmung.“ Im achten Jahr ist er mit seiner Clique hier. Dass alle ein bayerisches „Gwand“ trügen, sei selbstverständlich.

Oktoberfeste sind „in“. Ist das Dorf auch noch so klein, für eine eigene Wiesn ist noch Platz. Manche dieser Feiern haben selbst schon eine gewisse Tradition. In Wallenhorst-Hollage vor den Toren Osnabrücks geht die Kolpingsfamilie mit ihrem Oktoberfest am 25. und 26. Oktober schon in die 13. Runde, Meppen zelebriert zur selben Zeit die sechste Auflage. In Hagen am Teutoburger Wald wurde im September mit der fünften Wiesn das erste kleine Jubiläum gefeiert. Und für die Sause in den Emslandhallen haben sich die Lingener nun schon zum 22. Mal in Schale geworfen.

„Mein Vater kam damals auf die Idee“, sagt Gastronom und Veranstalter Ingo Schepergerdes. In den ersten Jahren seien nur einige Hundert Gäste gekommen. Mittlerweile findet das Fest an zwei Abenden hintereinander statt, um der großen Nachfrage gerecht zu werden. Insgesamt feierten dort am vergangenen Wochenende mehr als 3000 Menschen.

Das Marktforschungsunternehmen Ipsos hat die Beliebtheit des „echten“ Oktoberfestes im vergangenen Jahr untersucht. Eine repräsentative Umfrage ergab, dass ein Viertel der Norddeutschen schon einmal die Wiesn in München besucht hat. Drei von zehn Deutschen bedauern es, zu weit entfernt von München zu wohnen, versuchen aber, ähnliche Feste in der eigenen Umgebung zu besuchen.

So wie Swen Henrichsmann vom „Verein der Bierfreunde“ aus Wettringen bei Rheine. Um nach Lingen zu gelangen, haben Henrichsmann und seine 60 Freunde extra einen Bus gemietet. „Wir haben zwar ein eigenes Oktoberfest, kommen aber trotzdem jedes Jahr hierher“, sagt der 34-Jährige. Stimmung, Ambiente, Musik, Getränke – in den Emslandhallen passe alles zusammen.

„Das Oktoberfest hat eine Wiedergeburt erlebt“, erklärt der Trendforscher Peter Wippermann aus Hamburg. „Von einem lokalen, klassischen Ereignis hat es sich zu einem globalen, eher jugendlichen Ereignis entwickelt.“ Den Grund dafür macht er in dem Umgang der Menschen mit der schnelllebigen Zeit aus. „Es gibt eine deutliche Sehnsucht nach Tradition. Die Leute wollen sich fühlen wie früher.“

Phänomen Wiesntracht

Dieser Wunsch nach etwas Traditionellem bringe dann auch Menschen in Norddeutschland dazu, sich ein Dirndl oder eine Lederhose zuzulegen.

Simone Egger, Ethnologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, beschäftigt sich seit Jahren mit dem „Phänomen Wiesntracht“. In ihrem gleichnamigen Buch erklärt sie, dass sich Dirndl und Lederhose vom Mode- zum Gruppenphänomen entwickelt haben. Beim Tragen der Kleidung entstehe ein Gemeinschaftsgefühl, das nicht zu unterschätzen sei. „Man kennzeichnet sich damit als Gruppenmitglied“, schreibt die Ethnologin.

Daher profitiert neben den Veranstaltern und Brauereien auch die Textilindustrie vom Wiesn-Boom. „Landhausmode ist vor allem in der Zeit rund um das Oktoberfest ein wachsendes Geschäft“, sagt Thorsten Rolfes von C&A Deutschland. „Da ist ein deutlicher Trend außerhalb Bayerns feststellbar, vor allem in unseren größeren Filialen in Osnabrück, Münster, Hamburg und Hannover.“ Das prozentuale Wachstum beim Verkauf von Dirndl und Lederhose sei zweistellig, erklärt Rolfes. „Weil die Sachen nicht das ganze Jahr getragen werden, wie es in Bayern der Fall ist, ist den Kunden auch die preisliche Komponente wichtig.“ Diesen Herbst sei die Nachfrage nach Dirndln sehr hoch. Bei C&A werden die Kleider 3-teilig verkauft, mit Kleid, Doppelschürze und Charivari-Kette. Letzteres ist eine silberne Kette mit Anhängern. Sie wird traditionell am Hosenlatz der Trachtenlederhose getragen, für Damen gibt es filigranere Versionen.Während das Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf im vergangenen Jahr noch 80 verschiedene Outfits für Damen im Sortiment hatte, gibt es in diesem Jahr schon 100 verschiedene Styles.

Haben die Deutschen außerhalb Bayerns keine „eigene“ Tradition, dass sie auf ein Fest der Bayern zurückgreifen müssen? „Im nördlichen Raum gibt es noch Schützenfeste“, sagt Trendforscher Wippermann. „Aber die werden weniger und unbeliebter. Das hat auch etwas mit einer Ideologie zu tun, auf die man dort trifft.“ Der Experte glaubt nicht, dass die zahlreichen Oktoberfeste nur eine Modeerscheinung sind. „Das wird sich noch für lange Zeit so weiterentwickeln.“

Und wie gehen die Münchener mit der „Konkurrenz“ um? Die satirische Internetseite „Der Postillon“ hat die Thematik im September aufgegriffen und sich recht ungewöhnliche Gedanken dazu gemacht: „Hannover hat eins, Berlin hat gleich mehrere, Köln hat jetzt auch eins und New York sowieso: Die Rede ist von sogenannten ‚Oktoberfesten‘. Seit diesem Wochenende findet nun auch in München ein solches Mega-Event statt, womit eindrucksvoll bewiesen wäre, dass die Hauptstadt Bayerns jedem noch so albernen Trend hinterherrennt.“


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