Osnabrücker Oberhirte vor 100 Jahren geboren Bischof Wittler: Guter Zuhörer und Mann leiser Töne

Von Hermann Queckenstedt

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Osnabrück. 76 Oberhirten zählt die Osnabrücker Bischofsliste bis heute, doch nur einer unter ihnen war ein Kind der Bischofsstadt: Helmut Hermann Wittler wurde am 28. September 1913 am Blumenhaller Weg in Osnabrück geboren.

Er stand von 1957 bis 1987 drei Jahrzehnte an der Spitze der Diözese und gestaltete mit der Umsetzung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils einen der größten Umbrüche seiner Ortskirche. Deren Erneuerung war ihm keine unliebsame Pflicht, sondern ein echtes persönliches Anliegen. Das Bistum Osnabrück erinnert am Sonntag um 9.45 Uhr mit einem Pontifikalgottesdienst mit Bischof Franz-Josef Bode, einem anschließenden Empfang im Forum am Dom sowie weiteren Begleitveranstaltungen an den 100. Geburtstag Helmut Hermann Wittlers.

Zutiefst christlich geprägt hat das bürgerliche Elternhaus den späteren Bischof sowie seinen um sechs Jahre älteren Bruder Walter, die beide während ihrer Schulzeit am Gymnasium Carolinum ihre Leidenschaft für die Theologie entdeckten und Priester wurden. Nach dem Abitur und einem ersten Semester Theologie an der Universität in Münster folgte er Walter an die päpstliche Universität Gregoriana in Rom, wo er 1938 am deutschen Kollegium „Germanicum“ seine Studien abschloss und 1940 zum Doktor der Theologie promoviert wurde.

Als Kaplan in Twistringen sammelte Helmut Hermann Wittler zwischen 1940 und 1945 seelsorgerische Erfahrungen. In seinen handschriftlich überlieferten Predigten benennt er den Ungeist der nationalsozialistischen Zeit zwar nicht konkret, sondern entwickelt geistliche Gedanken. Allerdings zeichnet eine Predigtreihe über die Kirche einen christlichen Gegenentwurf zum Regime – insbesondere in Ausführungen über den Papst.

1945 berief ihn Erzbischof Wilhelm Berning als Bischöflichen Kaplan und Geheimsekretär nach Osnabrück: Es waren dies „Lehrjahre“, an die sich Helmut Hermann Wittler angesichts des autoritären Führungsstils Bernings mit gemischten Gefühlen erinnerte. Nach dessen Tod im November 1955 ernannten ihn zunächst Weihbischof Johannes von Rudloff als vorübergehender Bistumsverwalter sowie der neue Bischof Franziskus Demann zum Generalvikar, dem Verwaltungschef des Bistums.

Weil Franziskus Demann am Tag seiner Bischofsweihe am 27. März 1957 plötzlich verstarb, wählte das Domkapitel seinen Generalvikar auf Vorschlag des Papstes zum 74. Bischof von Osnabrück, zu dessen Territorium damals auch Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg gehörten. Die Bischofsweihe vollzog der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings am 2. Oktober 1957.

Noch geprägt vom Berning’schen Vorbild, suchte der neue Bischof nach einem eigenen Führungsstil, als Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil 1962 nach Rom einberief. Für Helmut Hermann Wittler waren die Sitzungsperioden im Petersdom sowie das brüderliche Ringen der Konzilsväter um zukunftweisende Wege für die Kirche Erfahrungen, die seine Amtsführung nachhaltig prägten. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Rom zwischen den Sitzungsperioden lud er die Priesteramtskandidaten und Priester aus Osnabrück ins Bischofshaus und schilderte ihnen die konziliare Aufbruchstimmung.

Um die Konsequenzen für sein Bistum abzustimmen, hielt der Bischof in der gesamten Diözese Vorträge vor jeweils Hunderten von Zuhörern, ermunterte die Pfarrgemeinden zu Stellungnahmen und stellte die daraus folgenden Ergebnisse 1966 während eines großen Konzilstages in Osnabrück zur Diskussion. Schon zu Weihnachten 1964 ließ er den Osnabrücker Dom provisorisch für die neuen Gottesdienstfeiern so umgestalten, dass dieser den Kirchengemeinden als anregendes Vorbild dienen konnte. In neu geschaffenen Räten beteiligte er Priester und Laien an der Leitung der Diözese und erwies sich in all diesen Prozessen als ausgezeichneter Zuhörer, der Entscheidungen nicht mit der Autorität des Amtes, sondern in möglichst breiter Zustimmung zu treffen suchte.

Zum ersten Mal gespürt, was Einsamkeit heißt

1975 forderte der stets unermüdliche Dienst vom einst mit 44 Jahren jüngsten Bischof Deutschlands gesundheitlichen Tribut: Während der abschließenden Sitzungen der Bischofssynode von Würzburg erlitt er einen Zusammenbruch, von dem er sich nur langsam erholte. Zudem ereilten ihn Mitte der 1970er-Jahre zwei große Schicksalsschläge: Zunächst verstarb mit Generalvikar Wilhelm Ellermann ein treuer Weggefährte plötzlich und unerwartet. Dann nahm ihm der Tod seines Bruders Walter, der als Professor am Priesterseminar gelehrt und die Bistumszeitung „Kirchenbote“ als Chefredakteur geleitet hatte, den nächsten Verwandten und engsten Ratgeber: „Da habe ich zum ersten Mal gespürt – und spüre es auch heute noch –, was Einsamkeit heißt. Das erinnert mich an ein Wort, das uns in unserer Studienzeit Bischof von Galen sagte: Das Schwierigste am Priesterleben ist nicht der Zölibat, sondern die Einsamkeit, wenn man älter wird“, resümierte der Bischof fünf Jahre später zu seinem 25-jährigen Bischofsjubiläum.

Papstmesse mit 140000 Gläubigen

1980 beging die Diözese ihre 1200-Jahr-Feier mit einem Jubiläumsjahr, in dessen Verlauf die einzelnen Bistumsregionen nach Osnabrück wallfahrteten. Zudem kündigte sich für Mitte November ein besonderer Ehrengast an: Papst Johannes Paul II. wollte bei seinem ersten Deutschlandbesuch neben der Erzdiözese München auch ein Diasporabistum besuchen und entschied sich für Osnabrück. 140000 Gläubige kamen am 16. November zur großen Papstmesse auf die Sportanlage Illoshöhe, und der Pontifex aus Polen begeisterte in diesen Tagen eine ganze Region.

In der Mitte der 80er-Jahre schwanden die gesundheitlichen Kräfte des Bischofs: Der Papst stellte ihm aus diesem Grund mit dem Münsteraner Weihbischof Ludwig Averkamp einen sogenannten Koadjutor an die Seite, der das Recht zur Nachfolge hatte. Zum 30-jährigen Bischofsjubiläum – ein Vierteljahr vor seinem Tod – übergab Helmut Hermann Wittler mit dem Bischofsstab symbolisch die Leitung der Diözese an seinen Nachfolger. Am 30. Dezember verstarb er im Marienhospital und wurde am 5. Januar 1988 in der Bischofsgruft im Dom beigesetzt.

Bode: Ein Mann der leisen, aber effizienten Töne

Franz-Josef Bode würdigt Helmut Hermann Wittler heute als „Mann der leisen und besonnenen, aber gleichwohl effizienten Töne“, dem die spektakuläre Geste ferngelegen habe: „Das ist zugleich das Geheimnis seines Lebenswerkes: der Umsetzung der Konzilsbeschlüsse. Er erstrebte sie nicht mit der Autorität des Amtes, sondern im breiten Diskurs sowie in der konsensfähigen Entscheidung. Gerade in dieser Hinsicht kann uns Helmut Hermann Wittler 100 Jahre nach seiner Geburt und 25 Jahre nach seinem Tod ein zukunftweisendes Vorbild sein“, schreibt der heutige Bischof im Geleitwort zur Erinnerungsschrift über Leben und Werk seines Vorgängers.

Aufgeschlossen für das Neue hütet die Kirche alle echten Werte. Zu Leben und Werk des Osnabrücker Bischofs Helmut Hermann Wittler. Bad Iburg 2013. ISBN 978-3-933998-54-5. 5.

Dr. Hermann Queckenstedt leitet das Referat Kulturforum Dom des Bistums Osnabrück.


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