Prozess um toten Streitschlichter Angeklagter: Ausgerutscht und in Opfer geschlittert

<em>Der Prozess</em> am Landgericht in Verden um den toten Streitschlichter findet bundesweit Beachtung. Foto: dpaDer Prozess am Landgericht in Verden um den toten Streitschlichter findet bundesweit Beachtung. Foto: dpa

Osnabrück. Der Angeklagte im Mordprozess um den Tod eines Streitschlichter in Kirchweyhe hat am Mittwoch die Vorwürfe gegen ihn zurückgewiesen. Sein Anwalt verlas eine Stellungnahme seines Mandanten, in der er bestritt, das Opfer überhaupt geschlagen zu haben.

Es war ein verhängnisvoller Zufall mit tödlichen Folgen: Eigentlich hätten der 20-Jährige und seine beiden Freunden gar nicht in dem Partybus sitzen sollen. Sie waren Lückenfüller für Teilnehmer, die kurzfristig abgesagt hatten. Am Ende des Abends war Daniel S. tot. Umgebracht von dem 20-Jährigen, glaubt die Staatsanwaltschaft. Der aber beschuldigte am Mittwoch vor dem Landgericht Verden einen Freund, den Streitschlichter in Kirchweyhe getötet zu haben.

Mit Kopfschütteln reagierten die Angehörigen von Daniel auf die Ausführungen des Angeklagten. Er sprach nicht selbst, sondern ließ seinen Anwalt ein altes Protokoll eines Haftprüfungstermins verlesen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte dort der 20-Jährige Stellung bezogen zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft – allerdings wiederum nicht direkt, sondern durch eine schriftliche Einlassung, die sein Verteidiger verlas.

Demnach habe der Beschuldigte sogar versucht, den Streit zu schlichten, der auf der Rückfahrt von der Diskothek nach Kirchweyhe eskaliert sei. Dort habe er Daniel S. geraten, möglichst schnell zu verschwinden, um weiteren Ärger zu vermeiden. In diesem Moment habe aber bereits einer seiner beiden Freunde auf den 25-Jährigen eingeschlagen.

Das wirft die Staatsanwaltschaft eigentlich dem Angeklagten vor. Und auch für seine Tritte auf den am Boden liegenden Streitschlichter, die in der Anklage erwähnt werden, lieferte er eine Begründung: Demnach sei er auf schneeglatter Straße am Morgen des 10. März ins Rutschen gekommen und mit ausgestrecktem Bein in Daniel S. hineingeschliddert. Der habe da aber schon regungslos am Boden gelegen. Die Staatsanwaltschaft hingegen sprach von „ menschenverachtender Vernichtungsbereitschaft “ des 20-Jährigen.

Später sei er mit seinem Freund vom Tatort geflüchtet und habe sich versteckt. Die tödlichen Konsequenzen der Tat bereue er. „Ich schäme mich sehr dafür, dass es so weit gekommen ist“, zitierte der Verteidiger seinen Mandanten, der still neben ihm saß. Zuvor hatte er unmittelbare Angaben zur Tat im laufenden Prozess verweigert.

Sehr ausführlich schilderte der gebürtige Verdener unterdessen seinen bisherigen Lebensweg: Er sei mehrfach sitzen geblieben - das erste Mal gleich in der ersten Klasse – und schließlich ohne Abschluss von der Schule geworfen worden. Mehrere Anläufe für eine Berufsausbildung habe er erfolglos abgebrochen.

Wenig hilfreich zur Klärung der Schuldfrage war der erste Zeuge: Der 19-jährige Organisator der Busfahrt wollte sich an keine Details erinnern. Die Frage des Vorsitzenden Richters, ob er vor seiner Aussage von irgendeiner Seite unter Druck gesetzt werde, verneinte er. An den kommenden 18 Terminen sollen weitere Teilnehmer der folgenreichen Busfahrt befragt werden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN