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520 Quadratmeter Fläche Papenburg bis Pilsum im Maßstab 1:87 - Das Leeraner Miniaturland öffnet Samstag seine Pforten

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Leer. Das alte Segelschiff am Ratsdelft in Emden liegt friedlich auf dem ruhigen Wasser. Das Licht aus den Fenstern der Klinkerhäuser und aus den kunstvoll geschwungenen Straßenlaternen sorgt in der niedlichen Altstadt für ein malerisches Ambiente. Aus der Ferne dringen leise Töne gemütlicher Lounge-Musik ans Ohr – und zwei Stimmen, die halblaut über ein defektes Stromkabel tuscheln.

Plötzlich: eine schnelle Bewegung, ein Knall, ein Fluch! Einer der Arbeiter ist von unten an die Aufbauten gestoßen. Während die Erde bebt, die Altstadt wackelt und einige Figuren fast umfallen, verschwindet die Illusion. Der Besucher kehrt zurück in die Realität aus Pappe, Holz, Kunststoff, Modellautos und künstlichen Grasmatten, die das Leeraner Miniaturland bilden: eine weitgehend originalgetreue Abbildung Nordwest-Niedersachsens von Papenburg bis Pilsum, von Leer bis ans Meer.

Wolfgang Teske hat das Miniaturland initiiert. „Leider kann ich Ihnen nicht die gerne gehörte Story bieten, dass der alte Mann seinen Traum von der Modelleisenbahn verwirklicht hat“, sagt der Softwareunternehmer, als er durch die 520 Quadratmeter große Ausstellungshalle läuft und die Ärmel seines karierten Holzfällerhemdes nach oben schiebt. „Das hier ist schlicht ein Fremdenverkehrskonzept, das sich amortisieren soll“, ergänzt er.

Zwei Millionen Euro hat der 60-Jährige bis jetzt investiert – weitere 200000 Euro werden demnächst fällig, um die wenigen noch fehlenden Orte aufzubauen. Etwa Papenburg: Auf dem Grundriss der alten Fehnstadt steht bis dato nur das barocke Rathaus, das im Vergleich zum roten Original ein wenig rosa daherkommt, sowie die imposante St.-Antonius-Kirche. Weil die Modellbauer auch an den Schmutz auf den grauen Schrägen der Außenmauer gedacht haben, wirkt sie täuschend echt.

„Es ist Teil des Konzeptes, dass die ersten Besucher sehen, wie eine Modellwelt entsteht“, erklärt Teske, warum er das Miniaturland schon heute eröffnet, obwohl es noch nicht vollendet ist. Von der Ausstellungsfläche sind durch Glasscheiben Räume einsehbar, in denen Schreiner und Modellbauer werkeln. Wie Jantje Legantke. „Zusammenbauen, dann patinieren, also „altern lassen“, und die Beleuchtung installieren: Drei bis sechs Stunden dauert es, bis ein Häuschen fertig ist“, gibt sie einen Einblick in die Arbeit an den handgefertigten Unikaten.

„Fünf Mann vom Auricher Modellbaubetrieb, Techniker und Softwarefachleute: Insgesamt 18 Leute arbeiten an diesem Projekt“, sagt Teske. Zu ihnen gehört auch Necmettin Celik, der vorsichtig anfragt, wie lange der Nachtmodus dauern soll, bevor in der Ausstellungshalle wieder die Neonlicht-Sonne aufgeht – und die folgende lautstarke Anweisung Teskes von einer Stunde geduldig auf 30 Minuten herunterhandelt.

„Ich hatte vorher nichts mit Modellbau zu tun, aber der Chef wusste, dass ich Automatisierungstechnik studiert habe“, sagt Celik. Seit acht Jahren arbeitet er in Teskes Firma, die sich auf Warenwirtschafts- und Kassensysteme spezialisiert hat. Nun ist er zuständig für die Bewegung in der Modellwelt: für die Autos, die durch im Untergrund verlegte Magnete angetrieben werden. Aber auch für die Extra-Attraktionen, die Besucher per Knopfdruck auslösen können: etwa die Produktion eines Wagens in den Emder VW-Werken oder die Abfahrt eines Zuges aus dem Bahnhof.

Der Teufel der Modellwelt liegt im mühevollen Detail. „So ein Modell-ICE ist nicht für Großshowanlagen gebaut“, erklärt Teske: „Die Gefahr ist, dass er nach fünf Stunden heiß läuft und stehen bleibt.“ Den Einwand, dass technische Probleme bei ICEs durchaus realistisch sind, lässt er nicht gelten: „Ich bin da penetrant. Das muss klappen“, sagt er und nickt nachdrücklich.

Seiner Frau hat er versprochen, dass das Miniaturland das letzte Projekt seines Lebens ist. „Für sie bin ich vor 30 Jahren hierhin gezogen“, sagt der gebürtige Rheinländer. Zum ersten Mal spricht er leise, während sein Blick gedankenverloren über das modellierte Ostfriesland schweift. Dann sagt er, dass das Projekt Leer und die Region nach vorne bringen soll. Die typische Ausdrucksweise eines Unternehmers, die aber nicht verschleiern kann, dass die Modellwelt für Teske mehr ist als eine Geschäftsidee. Es ist auch eine Hommage an seine Heimat.


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