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Bauern beklagen Schäden Wildschweine im Schlaraffenland -Maisfelder locken Borstentiere an


Merzen. Niedersachsens Jäger sind alarmiert. Die Zahl der Fasane, Feldhasen und Rebhühner geht bedrohlich zurück. Gleichzeitig gibt es immer mehr Wildschweine. Für die Jagd-Experten steht der Schuldige fest: der Mais.

Schadenersatz oder Urlaub? Vor dieser Frage steht Bezirksförster Martin Meyer Lührmann in diesen Tagen. Wildschweine haben eine Wiese nahe der Gemeinde Merzen (Landkreis Osnabrück) umgewühlt. „Der Bauer macht einen Schaden von 600 Euro geltend.“ Als Jagdpächter ist Meyer Lührmann schadenersatzpflichtig. „Und jetzt überlege ich mir eben, ob es trotzdem noch für den Familienurlaub reicht“, sagt der Forstmann mit gequältem Lächeln.

Die Wildschweine werden in seinem Revier zunehmend zum Problem. „Im Wald sehe ich die Tiere sehr gerne.“ Aber in den Feldern verursachen sie immer öfter erhebliche Schäden. Offensichtlich bringt die Landwirtschaft das Gleichgewicht der Waldtiere durcheinander. „Weil gewaltige Mengen Mais für Biogasanlagen benötigt werden, ziehen die Landwirte nach“, bestätigt Osnabrücks Kreisjägermeister Helmut Spieker. In einigen Regionen Niedersachsens wächst mittlerweile auf 80 Prozent aller Äcker Mais. Für Wildschweine ist das ein Schlaraffenland: Viele Tiere ziehen sich monatelang in oft riesige, zusammenhängende Maisfelder zurück, ohne die Anpflanzungen verlassen zu müssen. Dort finden sie Nahrung und Schutz im Überfluss, so Spieker.

„Das Schwarzwild“, wie die Schweine in der Jägersprache heißen, „entwickelt sich dank dieser Aufzuchtbedingungen prächtig“, erklärt der aus dem Emsland stammende stellvertretende Präsident der Landesjägerschaft, Josef Schröer. Das belegen auch die Abschusszahlen: In der vergangenen Saison schossen Niedersachsens Jäger 55300 Wildschweine. Zehn Jahre zuvor waren es lediglich 32800. Ähnlich ist die Entwicklung im Landkreis Osnabrück. Selbst im Emsland sichte man immer öfter ganze Wildschweinrotten, so Schröer. „Früher war das ausgesprochen selten.“

Genau entgegengesetzt ist die Entwicklung des sogenannten Niederwildes. Bei den Fasanen hat sich landesweit die Zahl der Abschüsse in den vergangenen zehn Jahren mit 61000 fast halbiert. Einen deutlichen Rückgang gibt es auch bei den Feldhasen. Und mit nur noch 1700 abgeschossenen Rebhühnern sei deren Bestand schon bedrohlich niedrig, warnt Josef Schröer. Noch vor wenigen Jahren waren es doppelt so viele. „Wir empfehlen unseren Mitgliedern schon, ganz auf die Jagd von Rebhühnern zu verzichten, um den Bestand zu schützen“, so der Jagdfunktionär. Die immer häufiger vorkommenden Wildschweine zerstörten Nester und Eier von Bodenbrütern. Außerdem schränkt der Maisanbau deren Lebensraum zusätzlich ein.

Förster Meyer Lührmann plagen aber noch ganz andere Sorgen: In seinem Bramscher Revier gibt es Schweinemastbetriebe mit insgesamt mehreren Zehntausend Tieren. Durch die starke Vermehrung der Wildschweine befürchten die Bauern, dass die Gefahr der Schweinepest steigt. „Das wäre eine Katastrophe. Allein in Niedersachsen würde das Schäden in Milliardenhöhe bedeuten.“

Die Lösung liegt für die Jäger auf der Hand: Sichtschneisen in den Maisfeldern würden die Jagd auf die Schweine erleichtern und damit das Problem kurzfristig verkleinern. Langfristig helfe aber nur ein Umdenken in der Politik. „Solange ein Bauer mit einem Acker Mais mehr verdienen kann als mit einer Wiese, auf der Rinder grasen können, ändert sich nichts“, sagt Meyer Lührmann. „Das Land muss den Bauern mit Zuschüssen Anreize geben, damit sie sich gegen den Mais entscheiden.“ Die drei Jagd-Experten sind sich einig: Das Wildschweinproblem kann im Landtag sehr viele effektiver bekämpft werden als auf den niedersächsischen Hochsitzen.


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