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Niedersachsen wartet ab Gefängnisse sollen zum Funkloch werden: Handyblocker im Test

<em>Die Justizvollzugsanstalt Lingen</em> aus der Luft. Auch hier finden Wärter immer wieder Handys. Foto: ArchivDie Justizvollzugsanstalt Lingen aus der Luft. Auch hier finden Wärter immer wieder Handys. Foto: Archiv

Osnabrück. Streng genommen ist das Telefonieren mit Mobiltelefonen in deutschen Gefängnissen verboten. Streng genommen. Tatsächlich finden Inhaftierte aber immer wieder eine Möglichkeit, per Handy mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen. In Bayern, Berlin und Offenburg werden gerade sogenannte Mobilfunkblocker getestet. Auch an der Technischen Universität Braunschweig wird getüftelt. Das Ziel: der handyfreie Knast.

Wer in Deutschland eine Justizvollzugsanstalt betritt, muss an der Pforte eigentlich sein Handy abgeben. Das gilt für Insassen genauso wie für Besucher. Doch irgendwie finden die Geräte immer wieder ihren Weg in die Zellen. Mal werden sie über die Mauer geworfen, mal über andere Wege reingeschmuggelt.

Roland Schauer kennt das Problem. Er leitet die Justizvollzugsanstalt Lingen. „Bei den Geräten von heute können wir kaum verhindern, dass hin und wieder Handys ihren Weg ins Gefängnis finden“, so der Anstaltsleiter. „Die gefühlte Notwendigkeit, ein Mobiltelefon zu besitzen, ist in einem Gefängnis nicht anders als draußen auch.“

Das Problem aus Sicht der Justiz: Nicht alle Gefangenen rufen nur ihre Verwandten an. Es besteht die Gefahr, das Zeugen per Mobiltelefon eingeschüchtert oder die kriminellen Geschäfte fernmündlich weitergeführt werden. Für das Handy, sagt JVA-Leiter Schauer, spreche aus Sicht der Inhaftierten auch: „Es ist billiger. Wir haben zwar Möglichkeiten zu telefonieren – allerdings nur zum Tarif einer Telefonzelle.“

Und so finden die Wärter innerhalb der JVA Lingen immer mal wieder ein Handy. Bislang kamen bei der Suche sogenannte Handyfinder zum Einsatz. Laut Schauer schlagen diese Alarm, sobald ein Mobiltelefon in Betrieb geht. Danach könne das Telefon ungefähr geortet werden.

Das reicht vielen aber nicht. In Knästen soll Funkstille herrschen. Seit gut einem Jahr läuft deshalb in Offenburg ein Test – mit Erfolg, wie das Justizministerium in Baden-Württemberg jetzt mitteilte. 700 kleine Störsender haben ein Jahr lang nach Ministeriumsangaben ein künstliches Funkloch über der JVA Offenburg erzeugt. Jetzt soll das Projekt auf weitere Gefängnisse im Land ausgeweitet werden.

In Niedersachsen verhält man sich abwartend. Zwei Gründe führt ein Sprecher des Justizministeriums gegen die Handyblocker ins Feld: Erstens seien die Installationen mit einer Investition von mehreren Millionen Euro pro Gefängnis noch zu teuer. Zweitens sei eine technische Justierung ausschließlich auf das Gelände der JVA schwierig.

Für beide Probleme sucht Jörg Schöbel derzeit eine Lösung. Er ist Professor an der Technischen Universität Braunschweig und forscht gemeinsam mit zwei Partnerunternehmen aus der Wirtschaft – darunter ein Produzent von Störsendern für Militär und Polizei aus Schleswig-Holstein. Das Unternehmen entwickelt unter anderem Geräte, die Fernzündmechanismen von Sprengsätzen lahmlegen sollen. Mit 143000 Euro an Fördergeldern unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium nach Informationen unserer Zeitung das Projekt.

Schöbel verfolgt einen anderen Ansatz als den in Offenburg. „Unsere Lösung setzt auf Detektoren und Störer, die in den Fluren und Außenbereichen, also außer Reichweite der Insassen, angebracht werden. Sie sind somit nicht so einfach manipulierbar wie die in den Zellen angebrachten Systeme in Offenburg.“ Der Professor befürchtet nämlich, dass sich Störsender innerhalb eines Raumes bereits mit einem nassen Handtuch außer Kraft setzen lassen könnten.

Dabei muss der Forscher gewisse Rahmenrichtlinien beachten. Dauerhafte Störer sind in Deutschland kaum durchzusetzen. Schöbels Ziel: Ein Detektor entdeckt ein Mobilfunksignal, setzt dann einen Störer in Betrieb, der so lange funkt, bis das Handy den Verbindungsaufbau sein lässt. Und das Ganze immer unter der Voraussetzung, dass die Welt außerhalb der Gefängnismauern von den Störversuchen unberührt bleibt.

Schöbel ist optimistisch, dass das zu vertretbaren Kosten möglich ist. Noch ein weiterer Vorteil seines Verfahrens: „Weil die Detektoren nur eine gewisse Reichweite haben, kann man anhand des Detektors, der ausgelöst hat, auch den Ort des Handys ungefähr angeben. Es müssten also nur ein paar Zellen durchsucht werden, um das Mobiltelefon zu finden.“

Auf eine Feststellung legt der Professor im Übrigen Wert: Abhören lassen sich die Handys mit seiner Technik nicht. Das würde nämlich gegen das Telekommunikationsgesetz verstoßen. In Bayern beispielsweise, wo ebenfalls ein Mobilfunkblocker-Test läuft, kommen sogenannte IMSI-Catcher zum Einsatz. Die ermöglichen nicht nur die ungefähre Ortung des Handys. Auch Mithören wäre möglich. (Mit dpa)


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