Als Zeugin vor Gericht Mord im Klosterwald: Schwester schildert Suche nach getöteter Judith Thijsen

Judith Thijsen wurde im Klosterwald Loccum tot gefunden. Im dritten Prozess um den Fall sagte nun ihre Schwester aus. (Archivfoto)Judith Thijsen wurde im Klosterwald Loccum tot gefunden. Im dritten Prozess um den Fall sagte nun ihre Schwester aus. (Archivfoto)
Michael Gründel

Osnabrück. Die Schwester der getöteten Judith Thijsen hat vor dem Landgericht Osnabrück ausgesagt. Als Zeugin schilderte sie, wann sie das letzte Mal mit Judith sprach und wie sie die Zeit nach dem Auffinden erlebte.

"Am liebsten würde ich dahin und gucken", das habe sie zu ihrer Mutter gesagt, erinnerte sich die Schwester von Judith Thijsen vor dem Landgericht Osnabrück. Der Satz beschreibt den Beginn ihrer Suche nach Judith im Klosterwald Loccum, die im September 2015 verschwand. Einen Tag später findet Vater Barend Thijsen die Leiche seiner Tochter im Klosterwald. 

Die Schwester sagte am Donnerstag als Zeugin aus, sie ist aber auch Nebenklägerin im Prozess gegen den Angeklagten Jörg N. Der Emsländer war damals wegen anderer Straftaten Freigänger im Maßregelvollzugszentrum Bad Rehburg. Beim ersten Prozess in diesem Fall wurde er wegen Totschlags verurteilt, beim zweiten Prozess allerdings freigesprochen.

Schwester: Bin der Polizei im Wald gefolgt

Die Polizei fand Judiths Auto am einem Freitag Mitte September auf dem Marktplatz von Loccum. Da habe für sie festgestanden, dass die 23-Jährige in der Nähe sein muss, sagte die Schwester vor Gericht. Also habe sie am Samstag im Klosterwald nach ihr gesucht. Sie sei einem Suchtrupp der Polizei mit Spürhund begegnet, bestimmt drei bis vier Kilometer sei sie ihnen gefolgt. Eine Polizistin habe sie angesprochen. "Ich habe gesagt: 'Ich bin die Schwester von Judith, ich konnte nicht nach Hause gehen'", sagte die Schwester. 

Am nächsten Tag habe sie mit ihrem Vater und dessen Frau weitergesucht. "Es war nass und kalt", erinnerte sich die 40-Jährige. Irgendwann habe ihr Vater vorgeschlagen, zurückzufahren, sich trocken anzuziehen und etwas zu essen. Er sei später noch einmal losgegangen - und fand die Leiche von Judith.

Zeugin war am mutmaßlichen Tag der Tat im Klosterwald

"Nachts kam dann die Nachricht von meinem Bruder, dass sie gefunden wurde", sagte die Schwester. Da war Judith Thijsen vermutlich schon länger als eine Woche tot. Sie lag mit Blättern und Stöckern bedeckt im Wald. Die genaue Todesursache konnte nicht geklärt werden, der Körper war zu stark verwest. Beim Gedanken an die folgenden Tage fing die Schwester leise an zu weinen: "Ich wusste teilweise nicht, was ich den Kindern zu essen gemacht habe." 

Weiterlesen:

Was sie allerdings erst auf Nachfrage des Richters erzählte: Sie, ihr Ex-Mann und ihre Kinder waren am mutmaßlichen Tag der Tat ebenfalls im Klosterwald. Sie seien in der Kirche gewesen, hätten mit dem Organisten gesprochen. Zu dessen Konzert sei sie am nächsten Tag mit ihrer Tochter gegangen. All das verschwieg das Ehepaar der Polizei monatelang und geriet deshalb zeitweise selbst unter Verdacht. 

Das letzte Telefonat

Es sei ihr erst später bewusstgeworden, dass sie in der Nähe des Tatorts gewesen seien, schilderte die Schwester: "Wir waren bei dem Konzert, das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun." Dann seien die Vernehmungen der Polizei härter geworden. Sie habe Angst bekommen und gedacht: "Ich habe Schiss, das zu sagen, wir lassen es erstmal." 

An das letzte Gespräch mit Judith erinnerte sich die Schwester noch gut. Eine Woche vor ihrem Verschwinden hätten die beiden telefoniert. "Wir haben uns darüber unterhalten, dass meine Kleine das Laufen angefangen hat." Judith habe gesagt, das habe sie noch gar nicht mitbekommen – sie müssten sich mal wieder treffen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der NOZ MEDIEN und mh:n MEDIEN