Öko-Quote für Niedersachsen deutlich drunter Ampel will 30 Prozent Bio-Landwirtschaft - wie soll das gelingen?

Ein Öko-Weizenfeld in Baden-Württemberg: Geht es nach der angehenden Ampel-Koalition soll bald auf 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland Bio-Landwirtschaft betrieben werden.Ein Öko-Weizenfeld in Baden-Württemberg: Geht es nach der angehenden Ampel-Koalition soll bald auf 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland Bio-Landwirtschaft betrieben werden.
Armin Weigel/dpa

Osnabrück. Die Ampel-Koalition will die Öko-Landwirtschaft in Deutschland bis 2030 massiv ausbauen. 30 Prozent Bio-Anbau haben die Parteien in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Ist das überhaupt realistisch?

Das Ziel ist klar benannt und lässt wenig Spielraum für Interpretationen: „Wir wollen 30 Prozent Ökolandbau bis zum Jahr 2030 erreichen“, haben SPD, Grüne und FDP in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Der Arbeitsauftrag für den angehenden Agrarminister Cem Özdemir lautet also, einen nie dagewesenen Bio-Boom in Deutschland auszulösen.

Zwar wächst der ökologische Landbau in Deutschland seit Jahren kontinuierlich – der Umsatz mit entsprechenden Waren lag zuletzt bei gut 15 Milliarden Euro. Doch ein solcher Wachstumsschub, wie ihn die Ampel-Koalitionäre wollen, wirft vor allem eine Frage auf: Wie soll das gehen? Denn der Ist-Zustand ist überschaubar.

Derzeit werden nach amtlichen Zahlen gerade einmal 10,3 Prozent der Agrarflächen in Deutschland nach Öko-Vorgaben beackert. Hinter der Fläche stehen 13,5 Prozent der landwirtschaftlichen Unternehmen in Deutschland.

Niedersachsen unter fünf Prozent

In einigen Bundesländern wie etwa dem Agrarland Niedersachsen liegt die Öko-Fläche indes bei gerade einmal 4,8 Prozent. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein ist die Situation unwesentlich besser. 30 Prozent binnen acht Jahren erscheinen da utopisch. Allein der Stadtstaat Bremen mit seiner überschaubaren Landwirtschaft liegt über 20 Prozent und ist damit Spitzenreiter in Deutschland.

Die scheidende Große Koalition hatte sich ein Ziel von 20 Prozent Öko-Landwirtschaft gesetzt. Bei den aktuellen Wachstumsraten wäre das möglicherweise erreicht worden. Aber 30 Prozent?

„Wir werden das Ziel durch unterschiedliche Bausteine erreichen“, sagt Grünen-Politikerin Renate Künast im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie hat für ihre Partei den Agrar-Teil des Koalitionsvertrages mit ausgehandelt.

Bio in der Kantine

Ein wichtiger Baustein soll die Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Kitas, Schulen und Universitäten. In den Kantinen soll der Anteil der Öko-Lebensmittel auf eine Untergrenze von 30 Prozent angehoben werden. Der Staat soll also seine Nachfragemacht auf dem Markt nutzen. „Das ist eine Art Pullfaktor“, sagt Künast. „Die Landwirtschaft wird in Zusammenarbeit mit den Kantinen mitziehen.“

Darüber hinaus kündigen die Ampel-Parteien an, dass sie die Förderung des Öko-Landbaus weiter ausbauen wollen. Trotzdem: Der Weg speziell für Bundesländer wie Niedersachsen bleibt auch dann weit.

Grünen-Politikerin Künast räumt ein: „Da wären acht Jahre zur Erreichung des Ziels schon sehr ambitioniert. Die 30 Prozent legen wir deutschlandweit als Maßstab an." Und speziell in Niedersachsen wird die Latte noch einmal ein deutliches Stück niedriger angesetzt, wie der dortige Umweltminister Olaf Lies im Gespräch betont.

Das ist das Ziel für Niedersachsen

Er hat für die SPD an den Koalitionsverhandlungen in Berlin teilgenommen. Lies sagt mit Blick auf sein Bundesland: „30 Prozent bis 2030 zu erreichen, wäre unrealistisch.“ Er verweist stattdessen auf die Zielsetzung, die Politik, Umweltverbände und Bauern-Vertreter im sogenannten Niedersächsischen Weg festgeschrieben haben: 15 Prozent Öko-Landwirtschaft in Niedersachsen bis 2030. „Das ist zu schaffen“, befindet Lies.

Wenn der Beitrag des Agrarlandes Nummer eins zum Gesamtziel auf Bundesebene dann aber kleiner ausfallen wird, müssen andere deutlich mehr liefern. Künast und Lies halten das für realistisch. „In diesem 30-Prozent-Ziel für ganz Deutschland treffen sich politische Ambition und pragmatischer Realismus“, befindet der Umweltminister.

In offiziellen Kommentierungen zum Koalitionsvertrag gibt sich auch der Bio-Dachverband „Bund Ökologische Landwirtschaft“ (Bölw) zuversichtlich, dass das Ampel-Ziel erreichbar ist, macht aber auch Bedingungen: „Das Öko-Ziel erreicht die Ampel auch nur dann, wenn alle Maßnahmen und Investitionen der gesamten Bundesregierung das 30-Prozent-Ziel stützen und sich nicht konterkarieren“, erklärt Bölw-Vorstand Peter Röhrig. Sprich: Alle Anstrengungen sollen in die Bio-Landwirtschaft fließen.

Hinter vorgehaltener Hand werden deutlich größere Zweifel im Bio-Sektor laut. Bislang ist das Geschäft mit Öko-Lebensmitteln ein auskömmliches, weil die Waren knapp und gefragt sind. Je mehr Bio-Ware auf den Markt drängt, so die Rechnung der Bauern, desto niedriger fällt am Ende der Preis aus, den der Landwirt erhält.

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