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Häftlinge werden verlegt Dicke Mauern haben ausgedient: Nach 160 Jahren schließt Gefängnis in Oldenburg


Oldenburg. Hinter den dicken Mauern an der Gerichtsstraße in Oldenburg verschwanden Mörder, Räuber, Vergewaltiger. Und das seit fast 160 Jahren. Doch bald ist damit Schluss. Am 22. März verlässt der letzte Inhaftierte das historische Gebäude. Und dann?

„Ich plädiere für den Abriss – uneingeschränkt.“ Gerd Koop bringt es ohne viele Worte auf den Punkt. Er ist Chef der Justizvollzugsanstalt Oldenburg . Die verteilt sich auf zwei Standorte in der Stadt sowie die Außenstellen Nordenham und Wilhelmshaven. Vom Altbau in der Gerichtsstraße wird er sich demnächst verabschieden müssen. Ex-Justizminister Bernd Busemann (CDU) wollte es so.

Die Entscheidung fiel vor gut einem Jahr. Koop erfuhr davon durch einen Journalisten . Das wurmt ihn bis heute. „Aber wenn es politisch entschieden ist, muss man das wohl hinnehmen.“ Und so laufen jetzt seit zwölf Monaten die Vorbereitungen für den Tag X – den Tag, an dem kein Gefangener mehr im Gefängnis sitzt.

Auserkoren ist der 22. März. Dann wird der letzte Inhaftierte per Bus in eine andere Haftanstalt verlegt. Anfang des Jahres waren es noch 71 Gefangene, mittlerweile sind es nur noch 16 an der Gerichtsstraße. „Ein Umzugsservice hilft nicht beim Packen“, erklärt Dienstleiter Thomas Gerdes. Er ist für den Standort Gerichtsstraße verantwortlich.

Ein paar Tage vor ihrer Verlegung bekämen die Inhaftierten Bescheid. Genug Zeit, um ihre Habe zu packen, wie es in der Gefängnissprache heißt. Kleidung und persönliche Gegenstände würden dann verplombt und in die neue Unterkunft transportiert. Das sind in aller Regel andere Gefängnisse im Land. 39 Standorte mit 5490 Insassen gibt es nach Mitteilung des Justizministeriums insgesamt. Etwa in Lingen oder Meppen. Auch die verbliebenen Justizbeamten werden künftig an anderen Standorten arbeiten.

Nach der letzten Verlegung werde vielleicht noch einmal die Flagge vor dem alten Bau gehisst und wieder eingeholt, überlegt Koop. Aber Genaueres sei noch nicht geplant. Fest steht nur: Am Ende des Tages wird Gerdes den Schlüssel zur JVA an seinen Chef Koop überreichen.

Das war’s dann nach fast 160 Jahren. 1855 war mit dem Bau des Gefängnisses begonnen worden. Zwei Jahre später waren die Zellen bezugsfertig. Zwei Flügel kamen im 19. Jahrhundert noch hinzu. Mittlerweile steht der Bau unter Denkmalschutz – was natürlich gegen die Abriss-Empfehlung von Koop spricht. Doch er geht davon aus: „Wenn wir hier raus sind, bricht das Gebäude zusammen.“ Zwischenzeitlich hatten Oldenburger Museumsdirektoren überlegt, im historischen Knast Kunstwerke einzulagern. Doch der Gedanke wurde schnell wieder verworfen – zu teuer. Eine Umrüstung würde eine siebenstellige Summe verschlingen, schätzt Koop. „Das kann keiner bezahlen.“

Noch gibt sich das Land Niedersachsen als Eigentümer der Immobilie zurückhaltend. Wird tatsächlich die Abrissbirne geschwungen? „Es gibt noch keine konkreten Pläne“, heißt es im Justizministerium. Die Frage werde aber „priorisiert“ behandelt. Fest steht nur, dass all das, was noch mal nützlich sein könnte, demontiert wird, etwa die Überwachungsanlage oder Gitterfenster.

Mit der Demontage wird im April begonnen. Vorher werden die Zellentüren geöffnet – und wieder geschlossen. Rund 60 Studenten der juristischen Fakultäten der Universitäten in Münster, Freiburg, Hamburg und Greifswald lassen sich für einige Tage einsperren – um ein Gefühl für den Strafvollzug zu bekommen.

Übrigens: Wie viele Gefangene in all den Jahrzehnten ausgebrochen sind, ist nicht überliefert. „In den letzten elf, zwölf Jahren“, erzählt Gerd Koop, „hat es drei Ausbrüche von insgesamt fünf Gefangenen gegeben.“ Seiner Meinung nach steht allerdings ohnehin fest: Im Gegensatz zu den Justizbeamten würden die Insassen das alte Gefängnis sowieso keineswegs vermissen.


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