Atom-Tour mit Umweltminister Was die Schweiz uns bei der Suche nach einem Atom-Endlager voraus hat

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (links) lässt sich von Ingo Blechschmidt, Ressortleiter des Felslabors Grimsel, ein Einlagerungsmodell für verbrauchte Brennelemente zeigen.Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (links) lässt sich von Ingo Blechschmidt, Ressortleiter des Felslabors Grimsel, ein Einlagerungsmodell für verbrauchte Brennelemente zeigen.
Lars Laue

Bern/Hannover. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies hat Probleme. Eines davon: Die Suche nach einem atomaren Endlager. Lies war in der Schweiz. Dort ist man schon viel weiter. Macht ihn das nervös? Wir haben den Minister begleitet.

Olaf Lies hat keinen leichten Job. Der Wolf kehrt zurück nach Niedersachsen und bereitet zunehmend Schwierigkeiten. Doch das ist nicht das einzige Problem, das der Umweltminister aktuell hat. Da wäre auch noch die Suche nach einem atomaren Endlager. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Wahl dabei auf Niedersachsen fällt. Schließlich gibt es hier nicht nur große Salz-, sondern erhebliche Tonvorkommen. Und Ton ist ein hervorragendes „Wirtsgestein“. Haben jedenfalls die Schweizer für sich herausgefunden. Als geologische Formationen, die den atomaren Müll tief in sich drin sicher verwahren können, kommen allerdings auch Salz und Kristallin, Granitgestein also, infrage.

Die Zeit drängt

Bis 2031 soll feststehen, wohin das Endlager in Deutschland kommt. 2050 soll es in Betrieb gehen. In Finnland und Frankreich hatte Lies sich bereits nach dem Stand der Dinge erkundigt. Nun also die Schweiz. Die Zeit drängt. Lies selbst nennt den Zeitplan für Deutschland „sehr ambitioniert“. Der Minister spricht beim Besuch der Deutschen Botschaft in Bern versehentlich davon, dass er nun bereits vier Jahre Wirtschaftsminister von Niedersachsen sei, korrigiert sich aber umgehend: „Umweltminister natürlich“. Leises Gelächter innerhalb der Deutschen Delegation, die neben Fachleuten aus dem Umweltministerium auch aus den Landtagsabgeordneten Martin Bäumer (CDU), Marcus Bosse (SPD) und Miriam Staudte (Grüne) besteht. Sie wissen, wie gern Lies vor seiner Zeit als Umweltminister das Wirtschaftsressort geleitet hat und den jetzigen Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) immer mal wieder damit ärgert, sich in seine Themen einzumischen. Nun also Umwelt. Nun also Endlager. Nun also Schweiz.

Lars Laue
Stopp: Ein großes Gitter versperrt den Zugang zum kontrollierten Bereich im Felslabor Grimsel.
„Ja, es ist ein langer Prozess und es ist nicht immer leicht.“Monika Stauffer, beim Schweizerischen Bundesamt für Energie Leiterin für den Bereich der Entsorgung radioaktiver Abfälle

Sportlicher Zeitplan

Das zweitägige Programm ist ungefähr so sportlich wie der Zeitplan für die Deutsche Endlagersuche selbst. Fachvorträge stehen auf dem Programm. Zum Beispiel von Monika Stauffer, beim Schweizerischen Bundesamt für Energie Leiterin für den Bereich der Entsorgung radioaktiver Abfälle, sowie von Philipp Senn, Sprecher von Nagra, der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle und etlichen anderen. Stauffer ist bei ihrem Vortrag immer mal wieder ein leichtes Seufzen anzumerken. „Ja, es ist ein langer Prozess und es ist nicht immer leicht“, räumt die zierliche und zielstrebige Frau am Rande des Botschaftsbesuchs ein und fügt hinzu: „Nicht immer sind sich die Akteure einig. Es braucht Diskussionen und Annäherungen. Nur so kommen wir vorwärts und finden den sichersten, vor allem aber auch einen akzeptierten Standort für ein Tiefenlager.“

„Von den Schweizern können wir viel lernen.“Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD)

Es geht mehrere hundert Meter unter die Erde

Doch Lies will nicht nur die Theorie hören, sondern auch in die Praxis blicken. Also fahren er und seine Delegation mehrere hundert Meter hinein in die beiden Felslabore Grimsel und Mont Terri. Hier forschen die Schweizer in einem internationalen Verbund seit Jahrzehnten an der sicheren Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle, machen Experimente zur "Langzeitüberwachung von Hebungen" und haben bereits vier Meter lange Modelle von Behältern für verbrauchte Brennelemente entwickelt und gebaut. Für den Minister steht fest: „Von den Schweizern können wir viel lernen.“ Auch bei der Kommunikation mit den Bürgern in Regionalkonferenzen. "Auch wir in Deutschland werden dazu kommen müssen, Ehrenamtlichen, die in diesen Versammlungen tätig werden und über den Prozess informieren, eine Aufwandsentschädigung zu zahlen", ist Lies nach seinem Schweiz-Besuch überzeugt.

Die Schweizer sind schon viel weiter

Und eine weitere Erkenntnis der Reise lautet, dass die Schweizer bei der Suche nach einem Endlager schon deutlich weiter sind. Während in Deutschland noch völlig offen ist, wo sich der bestmögliche und sicherste Standort für den Giftmüll befindet, haben die Schweizer sich immerhin schon auf Ton als Wirtgestein festgelegt und drei Standorte in der engeren Auswahl. Das kleine Nachbarland, das von der Fläche her und mit seinen gut acht Millionen Einwohnern in etwa mit Niedersachsen zu vergleichen ist, will ab 2050 mit der Endlagerung von Atommüll beginnen. So wie Deutschland auch. Allerdings hinkt Deutschland nicht nur zeitlich hinterher, sondern hat aufgrund seiner Größe auch deutlich mehr Atommüll, den es loszuwerden gilt. In Deutschland warten etwa 1900 Castoren auf eine Endlagerung, in der Schweiz dürften es nach Einschätzung von Nagra-Sprecher Senn um die 300 sein.

Lars Laue
Tief im Bergmassiv und umhüllt von Beton und meterdicken Tonschichten: Im Felslabor Mont Terri gibt es Schächte, in denen die Schweizer die Einlagerung von Atommüll erproben.

Vorsprung der Schweiz bringt Lies nicht aus der Ruhe

Niedersachsens Umweltminister indes bringt das nicht aus der Ruhe. „Es wäre zu früh, jetzt schon zu behaupten, dass wir das nicht schaffen und mehr Zeit benötigen. Ich habe gelernt, dass manche Dinge in der Politik einen langen Atem benötigen“, sagt der Mann, der 2019 ein lukratives Angebot aus Berlin hatte und Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft hätte werden können. Der Job wäre womöglich weniger problembelastet und auf jeden Fall lukrativer gewesen. Doch Lies blieb in Hannover. Vielleicht hat auch die Aussicht, irgendwann doch noch Ministerpräsident Stephan Weil in seinem Amt beerben zu können, zu seiner Entscheidung gegen die Wirtschaft und für die Politik beigetragen. Ambitionen auf das Amt des Regierungschefs werden dem 54-Jährigen jedenfalls nach wie vor nachgesagt.

Niedersachsen-Pferde und Pelikan-Füller als Gastgeschenke

Doch zunächst reist er als Wirtschafts-, Verzeihung, Umweltminister, in die Schweiz. Ob bei der verregneten Stadtführung durch Bern oder beim Besuch der Felslabore tief unter der Erde mit Helm und Warnweste: Der smarte Minister nimmt jeden Termin mit weißem Hemd und dunkelblauem Anzug wahr und hinterlässt Niedersachsen-Pferde aus Porzellan und Füller von Pelikan als Gastgeschenke.

Mit Präsentkorb durch den Regen

Auch er selbst bekommt bei seinem letzten Ortstermin im Felslabor Mont Terri einen großen Korb mit regionalen Spezialitäten überreicht. Ein eher sperriges Geschenk, insbesondere wenn man mit der Bahn reist. Der stets freundliche Herr Lies bedankt sich dennoch anständig, klemmt den Präsentkorb unter seinen rechten Arm und eilt zum Zug gen Heimat - im Anzug durch den plätschernden Regen. Umweltminister zu sein, ist nunmal kein leichter Job.


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