Trotz großzügigerer Pläne aus Berlin Niedersachsen bei Schulöffnungen strenger als der Bund

Von Lars Laue, 16.04.2021, 01:00 Uhr
In Niedersachsen müssen Schülerinnen und Schüler zwei Mal wöchentlich auf Corona getestet werden. An weitreichendere Schulöffnungen denkt das Land aber zunächst nicht.
Christoph Soeder/dpa

Hannover. Niedersachsen hält bei Schulöffnungen zunächst am Inzidenz-Grenzwert von 100 fest. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) schließt aber eine höhere Inzidenzstufe für den Szenarienwechsel nicht grundsätzlich aus.

Obwohl die Bundes-Notbremse nach derzeitigen Plänen Schulschließungen erst ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 200 verbindlich vorschreibt, will Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) zunächst an seiner bisherigen Praxis festhalten. Diese sieht vor, dass die Schulen ab einer Inzidenz von 100 geschlossen bleiben und die Kinder ausschließlich im Homeschooling unterrichtet werden. Ausnahmen gelten lediglich für Grund- und Förderschulen sowie für Abschlussklassen, die im Wechselmodell offen bleiben. 

Julian Stratenschulte/dpa

Wartet ab: Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD)

Die nach den Osterferien eingeführte Testpflicht für Schüler und Lehrer müsse sich erst einspielen und etablieren, rechtfertigte Kultusminister Tonne das im Vergleich zu den Bundesplänen striktere Vorgehen in seinem Bundesland. "Wenn die Tests in den kommenden Wochen zur Routine werden, werden wir die Lage erneut genau anschauen und neu bewerten. Dabei kann auch eine höhere Inzidenzstufe für den Szenarienwechsel in Schulen eine Option sein", betonte der Schulminister gegenüber unserer Redaktion.

„Wenn die Tests in den kommenden Wochen zur Routine werden, werden wir die Lage erneut genau anschauen und neu bewerten. Dabei kann auch eine höhere Inzidenzstufe für den Szenarienwechsel in Schulen eine Option sein.“
Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD)

Wieler und Spahn rütteln am Bundes-Grenzwert für Schulen

Dabei ist auch über die 200er-Grenze in der Notbremse des Bundes das letzte Wort noch nicht gesprochen. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) haben den geplanten Stopp von Präsenzunterricht ab einer Corona-Inzidenz von 200 am Mittwoch als unzureichend kritisiert und sich für schärfere Bestimmungen ausgesprochen.

Niedersachsen verlängert Verordnung

Unterdessen plant Niedersachsens Landesregierung, seine Corona-Verordnung, die bis Sonntag, 18. April gilt, um drei Wochen bis zum 9. Mai zu verlängern. In dem Entwurf, der unserer Redaktion vorliegt, ist weiterhin die 100 als Grenzwert für Schulschließungen genannt.

„Es muss oberstes Ziel sein, die Schulen zu öffnen und möglichst lange offen zu halten.“
Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Niedersachsenmetall

Lehrerverband unterstützt das Land / Scharfe Kritik von Arbeitgebervertreter

Während der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL/VDR) die Landesregierung darin bestärkte, an ihrer bisherigen Praxis festzuhalten, sagte Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Niedersachsenmetall, gegenüber unserer Redaktion, es sei "der falsche Zeitpunkt, um abzuwarten". Die Landesregierung müsse jetzt Position beziehen und ihren Versprechungen, alles dafür zu tun, Präsenzunterricht weitgehend zu ermöglichen, Taten folgen lassen.

Niedersachsenmetall

Macht sich für Schulöffnungen stark: Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Niedersachsenmetall.

Viele Schüler hätten bereits "große Wissenslücken" und das Fehlen von Kontakten zu Lehrern und Mitschülern trage zu Defiziten in der persönlichen Entwicklung bei. "Es muss also oberstes Ziel sein, die Schulen zu öffnen und möglichst lange offen zu halten", findet Schmidt. Auch führe es in die Sackgasse, die Öffnung der Schulen weiterhin allein an den Inzidenzwert zu koppeln, denn durch die Ausweitung der Tests würden die Inzidenzwerte automatisch steigen. Gleichzeitig sage der Inzidenzwert aber nicht zwingend aus, wie stark das Gesundheitssystem tatsächlich belastet sei.

Meinung
Lars LaueLars Laue

Schulschließungen? Die Geduld ist am Ende!

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne gehörte bislang in der Corona-Krise zu den Schulministern, die die Bildungseinrichtungen so weit wie unter Pandemiebedingungen verantwortbar geöffnet haben. Der SPD-Politiker bewies Rückgrat, ließ die Bundesforderung nach kompletten Schulschließungen an sich abprallen und knickte auch nach einer Rüge aus Berlin nicht ein.

Verkehrte Welt?

Nun allerdings ändern sich die Vorzeichen. Während die geplante Bundes-Notbremse nach bisherigem Stand verbindliche Schulschließungen erst ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 200 vorsieht, klammert Tonne sich an den 100er-Grenzwert und will zunächst weiterverfahren wie bisher. Ob es daran liegt, dass noch nicht alle Schulen mit ausreichend Corona-Tests versorgt sind und das Land seine Teststrategie nicht im Griff hat? Oder zögert Tonne, weil er auf die endgültige Bundesvorgabe wartet, die sich durchaus von dem geplanten Stopp des Präsenzunterrichtes erst ab einer Inzidenz von 200 noch verabschieden könnte?

Wozu die ganze Testerei?

Fest steht, dass Eltern sowie vor allem auch den Kindern und Jugendlichen beim Homeschooling-Marathon die Puste ausgeht. Schon jetzt treten gravierende Bildungslücken zutage, werden Kinder mangels sozialer Kontakte und Vereinssport geistig und körperlich immer unbeweglicher. Wozu also die ganze Testerei, wenn sich dadurch keine neuen Perspektiven öffnen? Wer nicht will, dass durch Corona eine ganze Generation abgehängt wird, muss sich nach über einem Jahr mehr einfallen lassen, als Schulen und Kitas abzuschließen und den Nachwuchs in seinen Kinderzimmern einzusperren.



Zum Kommentar »

Land droht Test-Verweigerern unter Lehrern mit Konsequenzen

Das Land hat Schüler, Lehrer und sonstiges Schulpersonal seit Wochenbeginn dazu verpflichtet, zweimal wöchentlich vor Schulbesuch einen Selbsttest vorzunehmen. Dazu hat das Land Millionen von Testkits beschafft. Weigern Lehrer sich, sich auf Corona zu testen, ist das laut Kultusministerium bei Beamten ein Dienstvergehen, das im Rahmen eines Disziplinarverfahrens geahndet werden kann. Auch tarifbeschäftigte Lehrer hätten den Test-Anweisungen Folge zu leisten und "müssen im Falle der Weigerung mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen", stellte das Ministerium klar.

Alle Lehrer in Niedersachsen können sich ab Mai impfen lassen

Unterdessen wurde am Donnerstag bekannt, dass sich ab Mai in Niedersachsen auch sämtliche Lehrer sowie die übrigen Angestellten an weiterführenden und berufsbildenden Schulen gegen Corona impfen lassen können. Bisher waren nur die Beschäftigten an Grund- und Förderschulen impfberechtigt.

Obwohl die 

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