Lebensmittel Schlachthofschließungen vergrößern Not der Bauern

Von dpa

Barbara Otte-Kinast (CDU), Landwirtschaftsministerin in Niedersachsen..Barbara Otte-Kinast (CDU), Landwirtschaftsministerin in Niedersachsen..
Julian Stratenschulte/dpa/Archiv

Hannover. Die Bauern wissen nicht mehr, wohin mit ihren schlachtreifen Schweinen - der Platz wird knapp, die Not wird groß. Die Lage sei für die Landwirte existenzbedrohend, sagt auch Niedersachsens Agrarministerin vor dem Landtag, mit den Tränen kämpfend.

Angesichts coronabedingt weiter abnehmender Schlachtkapazitäten in Deutschland fordern Landwirte Hilfe von Politik und Verwaltung. Vor allem in Niedersachsen, einer der Hochburgen der Schweinehaltung in Deutschland, befänden sich die Betriebe in einer existenzgefährdenden Notlage, teilten am Donnerstag das Landvolk Niedersachsen und die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) gemeinsam mit. Notwendig sei ein Maßnahmenbündel, das von der zeitweiligen Aussetzung von Schlachtobergrenzen, Verlängerung der Arbeitszeit bis zu vorübergehenden Ausnahmeregeln bei den Platzvorgaben für Tiere reiche.

Die Schlacht- und Zerlegekapazitäten sind schon seit Wochen aus Infektionsschutzgründen reduziert. Erschwerend kommen aktuelle Corona-Infektionen in zwei Großschlachthöfen in Niedersachsen hinzu. Ein Vion-Schlachthof im Kreis Cloppenburg musste seine Kapazitäten um gut die Hälfte reduzieren, ein zum Tönnies-Konzern gehörender Betrieb im Emsland muss zum Wochenende für drei Wochen komplett schließen. Tönnies hat dagegen Rechtsmittel angekündigt.

Dadurch fehlen für etwa 120 000 Schweine in der Woche die Schlachtkapazitäten. Beide Betriebe stellten zusammen 40 Prozent der Schlachtkapazitäten für Schweine in Niedersachsen, sagte Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast im Landtag in Hannover.

Die Verzweiflung der Tierhalter sei sehr groß. Weinende Frauen und Männer riefen sie an, sagte die CDU-Politikerin mit stockender Stimme. Sie würden ihre Schweine nicht mehr los. „Ich wäre froh, wenn ich diesen Menschen sagen könnte, dass das Schlimmste schon überstanden ist“, sagte die Ministerin, selber den Tränen nah. Doch damit könne nicht gerechnet werden. Die Tierhalter müssten ihre Erzeugung drosseln, auch wenn das erst in einigen Monaten greife.

„Wir werden in den nächsten Wochen ein gravierendes Tierschutzproblem in vielen Ställen bekommen“, sagte Otte-Kinast mit Blick darauf, dass die Halter keine Abnehmer für ihre Tiere mehr finden. Die Notlage wird noch durch die Einfuhrverbote für deutsches Schweinefleisch in vielen Ländern wegen der Afrikanischen Schweinepest verschärft.

Sollten die Schlacht- und Zerlegekapazitäten nicht schnell wieder aufgestockt werden, könnten zu Weihnachten weit über eine Million Schweine in den Ställen stehen, sagte ISN-Geschäftsführer Torsten Staack. Gerade die vom Landkreis Emsland angeordnete Komplett-Schließung in Sögel sei ein „Faustschlag“ gegen die Schweinehalter. Der Landkreis müsse die Verfügung zurücknehmen.

Der Landkreis hatte die Schließung des Betriebs zum Wochenende angeordnet, nachdem am Mittwoch 112 positive Corona-Fälle festgestellt worden waren. Inzwischen hat das Emsland die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen überschritten - der Region drohen noch weitergehende Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens. Auch im Nachbarlandkreis Cloppenburg beobachten die Behörden die Entwicklung in dem Vion-Schlachthof. Sollten die Infektionszahlen steigen, wäre auch hier eine Komplettschließung möglich.

Bauernpräsident Joachim Rukwied forderte, alle Möglichkeiten zu nutzen, den „Schweinestau“ in den Ställen abzubauen. In der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sprach er sich für Wochenendarbeit in den deutschen Schlachthöfen aus: „Wir brauchen jetzt Kompromissbereitschaft, um auch Tierwohl weiter gewährleisten zu können.“

Widerspruch dazu gab es von den Grünen im niedersächsischen Landtag. Es sei nicht hinzunehmen, wenn trotz großer Infektionsherde in den Betrieben noch tagelang weitergeschlachtet werde, sagte deren agrarpolitische Sprecherin Miriam Staudte. Sie warf auch der Landesregierung Versäumnisse vor: „Noch immer gibt es keine Unterbringung der Beschäftigten in Einzelzimmern. Es gibt auch Zweifel, dass die Schutzabstände am Schlachtband eingehalten werden.“


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